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Das Buch:

In der Übergangsphase zum Erwachsensein sind die jungen Menschen besonders sensibel gegen Ungerechtigkeit, gegen Ungleichheit und wünschen sich oft eine bessere Welt.

Dies ist auch das Anliegen von Robin Hood und seinen Freunden, die gemeinsam durch dick und dünn gehen, die sehr verschiedene Charaktere haben und doch zusammen halten, um gemeinsam Abenteuer zu erleben. Eine rasche Abfolge von Erlebnissen und Gefahren lässt keine Langeweile aufkommen.

Der Autor:

Dirk Walbrecker, geboren in Wuppertal, Wahl-Münchener, Studium der Literatur- und Theaterwissenschaft, Regie-Assistent, Aufnahmeleiter, Drehbuchschreiber, Kinder- und Jugendbüchern mit zahlreichen Veröffentlichungen, Leseveranstaltungen in Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Türkei – und auch Pädagoge. Er war als Lehrer tätig und weiß genau, wie man die verschiedenen Altersgruppen ansprechen kann und was wirklich spannend ist und wie man die Lust weckt, durch Literatur gehaltvoller, spannender und auch humorvoller leben zu können.

Hörbuch:

Der Text dieses Buches ist auch als Hörbuch in der Reihe „Klassiker für Kids“ erschienen:

Robin Hood

nacherzählt und gesprochen von Dirk Walbrecker,

Hörbuch auf 2 Audio-CDs, ISBN 978-3-942270-57-1

Klassiker für die ganze Familie

Robin Hood

nacherzählt von Dirk Walbrecker

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Impressum

ISBN: 978-3-942270-73-1

© Kuebler Verlag GmbH,

Lampertheim – Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung Daniela Hertel,

www.grafissimo-design.de,

Bildmaterial © fotalia.com

Kuebler Verlag im Internet:

www.kueblerverlag.de

www.klassiker-fuer-die-familie.de

Kapitel 1

Flucht in den Sherwood-Wald

Das ist die Geschichte von Englands berühmtesten Bogenschütze: Robin Hood! Kaum einer hat ein so abenteuerliches und spannendes Leben geführt und anderer hat so viele gute Freunde um sich gehabt wie Robin.

Schon in jungen Jahren streifte er täglich durch die Wälder in der Nähe seines Heimatdorfes. Er kannte jeden Baum, jede Höhle und jede Quelle. Er wusste, wo die großen Greifvögel nisteten und wo das Wild äste. Vor allem aber kannte er sich mit dem Kampf-Stock und mit Pfeil und Bogen aus!

Wohl niemanden gab es in seiner Umgebung, mit dem er nicht schon einmal seine Kräfte gemessen hätte. Und es blieben nur wenige, die er nicht besiegt hatte.

Doch keiner seiner Gegner – ob jung oder alt – schämte sich der Niederlage, und sei sie noch so blamabel gewesen. Alle bewunderten Robin Hood. Und fast alle wollten seine Freunde sein.

Wie aber kam es, dass Robin von einem Tag auf den anderen aus seinem Dorf verschwand und fortan ein Leben in der Wildnis führte?

Es begann ganz harmlos: Robin hatte erfahren, dass in der Stadt Nottingham ein Preisschießen stattfinden sollte. Und da es im Stall und auf den Feldern gerade nicht zu viel Arbeit gab, beschloss er, in die Stadt zu wandern.

„Egal, wer dort antritt“, sagte er sich, „da hol ich mir den ersten Preis!“

Er packte etwas Proviant ein, suchte zwei Dutzend seiner feinsten Pfeile zusammen, schulterte den Bogen und machte sich auf den Weg. Als er schon ein gutes Stück gewandert war, traf er auf eine Gruppe von Förstern.

„Wohin des Wegs, Kleiner?“ rief einer, der offenbar nicht mehr ganz nüchtern war.

„Nach Nottingham zum Preisschießen, wenn's genehm ist!“, rief Robin und wollte weitergehen.

„Halt an, du junger Spund! Wir haben mit dir zu reden“, rief ein anderer Förster.

„Dass ich nicht lalle“, sagte ein dritter und verbesserte sich sogleich: „Dass ich nicht lache! Der und Preisschießen! Der trifft ja auf drei Meter keine Wildsau!“

Normalerweise hätte Robin Hood jetzt zum Stock gegriffen und den Spötter zum Duell aufgefordert. Doch die Förster waren in der Überzahl. Und außerdem mochte er sich nicht mit Gegnern einlassen, die einen über den Durst getrunken hatten.

„Siehst du da drüben am Waldrand den Hirsch?“, sagte ein Förster. „Ich wette zwei Pfund: Den triffst du nie!“

Robin zögerte keine Sekunde. Er zog einen Pfeil aus dem Köcher. Er legte an – und traf!

„Du hast einen Hirsch des Königs getötet!‘‘, schrie einer der Förster, und im selben Moment surrte ein Pfeil haarscharf an Robin Hoods Kopf vorbei. Robin verstand die Welt nicht mehr. Langsam ging er rückwärts und ließ dabei keinen der Männer aus den Augen.

„Im Namen ... im Namen unseres Königs…“, stotterte einer der Förster, „...bekommst du für diese Schandtat die Ohren abgeschnitten!“

Drei der Männer kamen drohend auf Robin Hood zu.

„Halt!“ rief dieser, während er erneut seinen Bogen spannte. „Ihr habt mit mir gewettet. Ich bekomme zwei Pfund von euch.“

„Hier hat niemand gewettet!“, rief derjenige, der die zwei Pfund gesetzt hatte.

„Du bekommst Prügel, du kleines Großmaul, wenn du dich nicht umgehend verdrückst!“, knurrte einer der Förster.

„Wie redet ihr mit mir?“ fragte Robin ganz ruhig, obwohl es in ihm brodelte. „Was habe ich euch getan?“

„Du bist uns über den Weg gerannt und hast uns von unserer Arbeit abgehalten“, erwiderte einer der Männer.

„Und du hast unerlaubterweise einen Hirsch getötet, der unserem verehrten König gehört!“, ergänzte ein anderer.

Robin Hood fehlten die Worte bei so viel Dreistigkeit.

„Nun scher dich fort!“ rief der, der auf ihn geschossen

hatte. „Sonst machen wir kurzen Prozess mit dir, du Rotznase!“

Robin spürte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. Er hatte schon viele Unverschämtheiten erlebt. Diese hier allerdings übertraf alle bei weitem. Was sollte er tun?

Solche Frechheiten dürfen nicht ungestraft bleiben, pochte es in seinem Kopf.

Zugleich war ihm klar, dass er Diener des Königs von England und des Sheriffs von Nottingham vor sich hatte. Und jeder wusste: Wer sich mit denen anlegt, zieht immer den kürzeren!

„Sei klug!“ sagte eine Stimme in Robin. „Hier gibt es nichts zu gewinnen.“

So wandte sich Robin Hood um, würdigte die Förster keines Blickes mehr und schritt von dannen.

Doch er hatte noch nicht den Waldrand erreicht, da flog erneut ein Pfeil knapp an seinem Kopf vorbei und bohrte sich neben ihm tief in die Rinde eines Baumes.

Sie trachten dir nach dem Leben! schoss es Robin

durch den Kopf. Und ohne weiter nachzudenken, ergriff er einen Pfeil, drehte sich um, spannte den Bogen, zog ab – und sah, wie er den, der zuvor auf ihn geschossen hatte, direkt ins Herz traf.

Jetzt nimm Reißaus, Robin! Sonst ist aus mit dir!

Und bevor die Förster recht begriffen hatten, was hier geschehen war, hatte sich Robin davongemacht und war im Dickicht verschwunden.

Viele Stunden, viele Tage verbrachte Robin tief verborgen im Wald. Ängstlich lauschte er auf jedes Geräusch. Jeden Moment musste er damit rechnen, dass einer der Förster vor ihm auftauchen würde.

Dann, nach mehreren fast schlaflosen Nächten, entschloss sich Robin, nach Hause zurückzukehren.

Er wollte nach seinem Anwesen sehen. Er hatte Sehnsucht nach seiner Freundin Marian. Außerdem musste er herausbekommen, ob die Kunde vom dem Vorfall schon bis ins Dorf gedrungen war. Doch je näher er der Stelle kam, wo das Unglück passiert war, desto vorsichtiger wurde sein Schritt.

Da plötzlich hörte er es hinter sich knacken!

Irgendetwas bewegte sich im Laubwerk, zugleich riefen mehrere Stimmen: „Stehengeblieben!“

„Keinen Schritt weiter!“

Robin war reglos vor Schreck. Er starrte in die Büsche, aus denen die seltsamen Stimmen zu hören waren: Mehrere Männer lösten sich aus dem Geäst, rannten auf ihn zu, breites Grinsen strahlte Robin entgegen, der Überraschte wurde umarmt, und man ließ ihn hochleben.

Robin konnte es nicht fassen: Um ihn herum stand ein ganzer Haufen von Freunden!

„Wir haben dich wie unser eigenes Kind gesucht!“

„Jedes Fleckchen Erde haben wir abgegrast!“

„Endlich haben wir dich entdeckt!“

Langsam fand Robin die Sprache wieder. Noch nie vorher war ihm bewusst geworden, wie schön es ist, echte Freunde zu haben. Schon bald jedoch folgte die Ernüchterung:

„Zweihundert Pfund sind auf deinen Kopf ausgesetzt!“

„Der Förster, den du getötet hast, ist ein Verwandter des Sheriffs von Nottingham.“

„Der Kerl hat schon Suchtrupps nach dir ausgeschickt. Dein Haus haben sie durchsucht und geplündert!“

Robin war sofort klar, was das alles bedeutete: Er war in höchster Lebensgefahr! Der Sheriff von Nottingham war einer der gefürchtetsten Männer im Land. Wer in die Klauen seiner Häscher geriet, war verloren. Und damit war Robin ein Ausgestoßener, ein Rechtloser geworden.

„Keine Sorge! Wir stehen dir bei, Robin.“

„Das Leben ist hart und ungerecht, Robin. Und für uns Bauern ganz besonders. Aber wir werden das Beste daraus machen, nicht wahr, Freunde?“

Es wurde laut und zustimmend gegrölt. Und dann erzählte jeder, warum sein Leben noch schwerer geworden war: Der eine litt unter ungerechter Pacht für Haus und Feld. Der andere klagte über Wucherzinsen. Der dritte hatte seine wenigen Ersparnisse durch eine Missernte verloren und sollte trotzdem seine Abgaben an den Grafen leisten. Und wieder ein anderer war durch die ungerechten Diener des Königs gar von seinem Grund vertrieben und von seiner Familie getrennt worden.

Kurzum: Jedem der hier versammelten Bauern war großes Unrecht widerfahren, und keiner von ihnen wusste Rat.

Da ergriff Robin Hood das Wort:

„Wir müssen uns wehren, Freunde! Wenn wir fest zusammenhalten, können wir etwas gegen die Ungerechtigkeit und die Unterdrücker ausrichten. Den Armen und Geknechteten muss geholfen werden.“

„Aber wie?“, wollten Robins Freunde wissen.

Robin sagte feierlich: „Wir nehmen es von denen, die Unrecht tun. Und wir schenken das Genommene den Armen!“

Ein vielstimmiges „Bravo!“ erschallte.

„Aber wir sind keine Banditen. Wir werden niemals einem Kind oder einer Frau etwas zuleide tun!“, sagte Robin mit fester Stimme.

Ein vielstimmiges „Jawohl!“ ertönte.

„Und du sollst unser Anführer sein!“ rief einer der Männer. Sein Name war Will Stutely.

„Robin lebe hoch!“, ertönte es einstimmig.

„Ich danke euch“, sagte Robin, gerührt über so viel Vertrauen. Denn er war zwar ein allerorten berühmter Bogenschütze, doch immerhin auch der Jüngste von denen, die da hockten.

„Dann lasst uns schwören, sagte Robin Hood. „Bei Gott, beim Teufel und bei allen guten und bösen Geistern: auf die Gerechtigkeit. Und dass wir uns beistehen bis zu unserem Tode!“

„Wir schwören!“ riefen alle mit ernster Miene.

„Und der Sherwood-Wald ist ab jetzt unser Zuhause. Hier wird uns der Sheriff niemals finden.“