Das Borkentier

Manchmal setzten sich irgendwelche Dinge in meinen Kopf. Ein Wunsch oder ein Traum oder eine Erinnerung. Einmal saß ein Fisch dort, mit Schuppen die wie Borke aussahen. Deshalb nannte ich ihn mein Borkentier. Vati sagte, es wäre nur eine Spinnerei oder ein Fisch, so groß, dass er gar nicht in meinen Kopf passe. Und Mutti sagte, das Borkentier wäre gefangen in einem Palast aus Eis. Von der Sonne bestraft oder vom Mond oder vom Teufel, immer jedoch lebe es nur in einem Märchen.

Als ich, Sophia, hinten mit a und nicht mit e, acht Jahre alt war und das Borkentier noch klein, nannte ich es kuschliges Borkenkälbchen und es passte durchaus in meinen Kopf! Ich wollte es mit verschiedenen Heldentaten, welche alle groß und mächtig waren, aus diesem Eispalast plus Märchen befreien.

Am 25. Dezember, meinem zehnten Geburtstag, befreite ich nicht mehr! Das kam, weil ein weißes Robbenmännchen durch die verschiedenen Meere wanderte und einen Platz ohne Robbenfelljäger, also ohne Mörder und Töter suchte und dabei mein Borkentier fand. So war es in einem Buch aufgeschrieben. Ich erfuhr auch, dass diese weiße Robbe sogar einen Namen hatte: Kotick. Das war aufregend, feierlich, denn nun wusste ich:

Dass es mein Borkentier echt und wirklich gab!

Klar, von diesem Tag an suchte und forschte ich: Hee, wo bist du? Wo lebst du? Im Wasser rund um die Galapagosinseln, irgendwo am Kap der Guten Hoffnung, Oster- oder Orkneyinseln? Robbe Kotick flüsterte mir: In einer Bucht der Kupferinsel. Dort schnüffelt der Riesenfisch im seichten Gewässer umher. Er hat einen zarten Bart und tastet damit die Gräser ab. Weidet wie eine Kuh. Kaut Tangwedel. Hat eine Haut wie Borke. Und lächelt dich an. Oh, großer Gott der Kühe! Wo finde ich die Kupferinsel? Ich fragte den Weltatlas. Ich fragte auch mein Kopftier. Fragte laut und leise. Aber nichts antwortete. Das war seltsam. Und es dauerte, bis ich begriff, dass mein Kopftier ausgezogen war. Verschwunden! Genau von dem Augenblick an, wo ich mir sagte: Hee, es gibt dich!

Golubtschick

Meine Geschichte lief in einem Museum weiter. In Moskau. Zuerst war es ein ganz normales Museum. Ehrlich gesagt: Langweilig. Außer zwei Schiffsmodellen mit Namen: Sankt Peter und Sankt Paul. Vielleicht waren es heilige Schiffe? In ihren Segeln hing kein Wind, nur Staub. An den Wänden ein Haufen braungebleichter Fotos. Massen von Robben, Seelöwen, Pinguine, verteilt im Eis. Und alle eingezäunt von Holzrahmen. Weiter fand ich zwei ausgestopfte Papageitaucher und einen Schwarzkopfhäher, alle bleich, als hätten sie die Farben ausgeniest. In einer leeren Ecke ein Schild: Sibirischer Bär. Ich fragte: Wo ist er? Der Museumsaufpasser sagte: Freitags Winterschlaf, Morgen wiederkommen. Ich sagte: Entschuldige! Ich höre ja wie er schnarcht.

Im Saal 8 traf ich IHN dann, nämlich diesen Peter. Total groß gemalt, vom Fußboden bis zur Decke. Und in echtem Öl, also glänzend, der große Peter. Oder umgedreht: Peter der Große. Jetzt nur wird das große auch Groß geschrieben, weil ein Zar wie ein Kaiser ist. Trotzdem strahlte er mich freundlich an.

Ich sah ein rosiges Gesicht, wie frisch aus der Sauna. Und darüber Locken. Nee, keine Perücke! Von einem Spitzenfriseur gedreht, die Locken. Sie wippten wie Schmetterlingsflügel, weil keine Krone darauf saß. Nicht mal ein Krönchen aus Zobelpelz. Neben dem Groß war er kräftig, wie Vollkornbrot. Nur die vielen Sommersprossen, ein halbes Pfund auf Nase, Backen, Stirn, störten etwas. Sie sprenkelten auch auf seinem Tropfenfänger, einem schmalen Bärtchen. Neben ihm hingen zwei Zeichnungen. Kleiner, und etwas unter dem Großen, also Untertanen. Diese unter Glas – deshalb die Nasen breitgedrückt.

Links entzifferte ich: Vitus Bering, Kapitän und Kolumbus des Zaren.

Rechts entzifferte ich: Georg Wilhelm Steller, Forscher des Zaren.

Vitus guckte neugierig über die Wellen, prüfte den Wind und träumte von fernen, unbekannten Ländern. Und das Meer um ihn sollte seinen Namen tragen: Beringsee oder Meer. Später.

Georg guckte auch neugierig, prüfte die Wellen, ob da irgendwas schwimme, vielleicht eine Seekuh. Sie sollten später seinen Namen tragen: Stellersche Seekuh. Klingt doof, aber er träumte so.

Der Zar ohne Krone störte die Träumereien. Fragte mich: Was liegt an?

Ich dachte, dass besser wäre, gleich zur Sache zu kommen, denn seine Zeit war knapp. Weil dieser Peter gerade eine Stadtgebaut hatte und den ganzen Tag grübelte, welchen Namen er dieser Stadt geben sollte.

Also sagte ich, Sophia, zwei Dinge. Erstens: Die Stadt könne doch Petersburg heißen!? Zweitens: Ich will mit auf die

Große Nordische Expedition!

Er staunte. Ich sah das an seinen Locken. Sie wippten nicht mehr. Standen starr, nämlich vor Staunen.

Er fragte: Kannst du kartografieren?

Ich kannte nicht mal das Wort. Antwortete also ehrlich: Ja, aber selten und nur wenn ich Geburtstag habe.

Peter der Große grinste groß. Fragte: Kannst du Gold finden?

Sophia: Ja, aber nur in Binz, Ostsee. Glänzt wie Gold. Und ist nur Kieselstein. Meistens.

Peter: Kannst du Schiffe bauen?

Sophia: Eigentlich weniger. Nur eine Hütte habe ich mal zusammengehämmert. Eine Arche, für Hunde, wenn das Schwimmwasser von oben kommt.

Ich dachte: Das war es dann wohl. Expedition gestrichen. Schade! Weil Sophia nur blöde Antworten geben kann, und im Kopf nur weiße Pampe hat, Kreide.

Dann tröstete ich mich: Ich hasse diesen Peter, weil er so gemeine Fragen stellt! Und diese Grinsekatze setzte sogar noch eins drauf: Was willst du in Sibirien erforschen?

Ich stampfte mit dem Fuß auf, links. Wumm! Staubwolke. Und der Zar nieste. Meine Antwort klang wütig, war jedoch klar:

Erforschen, ob die Füchse wirklich blau sind? Warum die Zobeltierchen manchmal in eine Zarenkrone verwandelt werden. Und ganz besonders will ich ein Meerestier finden. Acht Meter lang und vier Tonnen schwer. Es ist freundlich und lächelt allen zu. So etwas wie eine Seekuh. Ich will sie kartografieren, also ein Bild malen, acht Zentimeter lang. Und schützen, damit sie nicht aufgefressen wird von gelangweilten Matrosen und gierigen Forschern. Und einen Platz für sie finden, in einem seichten Gewässer. Dort wird sie umherschnüffeln. Mit ihrem Bart die zarten Gräser streicheln. Weiden wie eine Kuh. Tangwedel kauen. Ein Schild werde ich aufstellen:

Pfoten weg! Jede Störung meiden!

Weil das Borkentier wichtiger ist als Gold! Yeah!

In diesem Augenblick geschah Wunderliches. Der Ölmann verwandelte sich. Wurde Zar, mehr als ein Kaiser. Er reckte sich, dass die trockene Ölfarbe knisterte. Dazu dröhnte er einen Ukas: Georg Wilhelm Steller, diese Sophia wird mit dir ziehen!

Und dieser Mann, mit den zwei Namen vorne und einem hinten sagte gehorsam: OK, Chef!

Wunderlich war auch, dass ich diesen Großen Peter plötzlich nicht ein Spürchen mehr hasste!

Er fragte mich: Hast du warme Klamotten? Was brauchst du noch?

Ich brauche, bitte, einen leichten Schlitten und fünf Huskys.

Und dann sprach Peter der Allergrößte noch eine Rede. Eine dröhnende Rede, dass das Museum erzitterte und der Aufpasser dachte, der verstaubte Bär wäre ausgebrochen:

Unsere Expedition wird über unbekanntes Land ziehen und auf Flüssen, welche unsere Straßen sind. Weil es keine anderen Straßen gibt! Klar, Golubtschick? Tausende Kilometer durch Birken, Erlenwälder, sumpfige Weiten. Durch Eis, Schnee und zur Abwechslung durch Schnee, Eis. Denn hier herrscht zwölf Monate der Winter und nur der Rest, haha, ist Sommer! Und dann ist der Himmel schwarz von Milliarden Mücken. Klar, Golubtschik? Und ewig knurrt dein Bauch, weil Rentiere schnelle Renner sind, die sich schwer fangen lassen, zum Grillen. Dafür gibt es Wölfe und Bären. Keine Yogi Bären, die nur Picknickkörbe und Donuts klauen wollen. Klar, Golubtschick? Von Petersburg durch Sibirien bis an den Pazifik, 13.000 Kilometer. Dort wird Kapitän Bering Schiffe bauen. Nach Osten segeln, das Bolschaja Semlja, das Große Land finden. Und erforschen, ob es eine Brücke aus Fels und Eis von Russland nach Alaska gibt oder ob da nur das Meer rauscht. Und überhaupt: Danach wird der große ‚weiße Fleck Sibirien voller schwarzer Punkte, Kringel, Striche sein, kartografiert mit Wegen, Orten, Bergen, Seen. Hee, Golubtschick, willst du immer noch mit auf die größte Expedition der Erde?

Ich fragte: Wer ist diese Golubtschick?

Golubtschick, das heißt Täubchen.

Hihi, ein Täubchen? Ich, Sophia? Wenn du immer noch willst, reist sogar ein Täubchen mit!

Und dann bedankte ich mich, indem ich die Sommersprossen aus seinem Gesicht wedelte. Sie waren total unecht, weil es nur getrockneter Fliegendreck war.