Lisa Summer & Eva Baumann

High Seas

Verloren im Paradies

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1− Katie

Kapitel 2 – Katie

Kapitel 3 − Matt

Kapitel 4 – Katie

Kapitel 5 – Matt

Kapitel 6 – Katie

Kapitel 7 – Katie

Kapitel 8 – Matt

Kapitel 9 – Katie

Kapitel 10 – Matt

Kapitel 11 − Matt

Kapitel 12 – Matt

Kapitel 13 – Katie

Kapitel 14 – Katie

Kapitel 15 – Matt

Kapitel 16 – Katie

Kapitel 17 – Katie

Kapitel 18 – Katie

Kapitel 19 – Matt

Kapitel 20 – Katie

Kapitel 21 – Matt

Kapitel 22 – Katie

Kapitel 23 – Matt

Kapitel 24 – Katie

Kapitel 25 – Matt

Kapitel 26 – Katie

Kapitel 27 – Matt

Kapitel 28 – Katie

High Seas – Leidenschaft auf hoher See

Kapitel 1 – Julia

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Kapitel 1− Katie

»So ein Mist«, fluche ich leise vor mich hin.

Jenna dreht sich zu mir um und schiebt eine blonde Haarsträhne hinter ihr Ohr, ehe sie ihren Faltenrock zurecht zupft und mich fragend ansieht. »Was ist los, Katie?«

Ich seufze. »Kannst du mir bitte aushelfen? Ich dachte, ich hätte noch einen Schein übrig. Du kriegst das Geld morgen wieder.«

Der Barkeeper trommelt genervt mit den Fingerspitzen auf die Theke. »Wird’s heute noch was?«

Ein leises Lachen stößt aus Jennas Mund, dann zückt sie ihr rosa Portemonnaie, auf dem vorne ein eingeprägtes Gucci Logo prangt, und drückt mir im nächsten Moment einen Fünfziger in die Hand. Sie zuckt dabei nicht einmal mit der Wimper. Anders als ich stammt sie aus einem wohlhabenden Haus. Zumindest ist das inzwischen der Fall, vielleicht ist sie deshalb relativ bodenständig geblieben und kaum abgehoben. Heute ist ihre Familie mehr oder weniger reich. Als wir uns kennenlernten, war das zum Glück noch anders. Wer weiß, ob wir uns sonst jemals begegnet wären.

»Dankeschön, morgen bekommst du es wieder. Versprochen«, wiederhole ich und bezahle den Cocktail.

Jenna macht eine Ist-schon-gut-Bewegung mit der Hand. »Und wenn du es erst nächste Woche schaffst, geht die Welt auch nicht unter.«

Was würde ich nur ohne sie machen? Ein breites Lächeln tritt auf mein schmales Gesicht. Ich streiche mir eine dunkle Haarsträhne hinters Ohr und umarme sie. »Du bist die Beste.« Und das ist sie wirklich. Immer ehrlich, immer für mich da und sie hat stets die lustigsten Ideen.

Ihre linke Augenbraue hebt sich und sie beginnt zu grinsen.

»Und jetzt?«, frage ich und spiele mit dem Strohhalm zwischen meinen Fingerspitzen.

»Jetzt gehen wir zum Pool, tanzen eine Runde und sehen den Männern dabei zu, wie sie sich wie Teenager verhalten und sich gegenseitig ins Wasser schubsen.«

Ich sage ja, die besten Ideen. »Klingt nach einem Plan.« Ich folge ihr zum Pool, der gleich hinter der Veranda liegt und von deren Seite der Duft von frisch gegrilltem Fleisch zu uns dringt. »Möchtest du etwas essen? Jetzt hab ich ja genügend Geld.« Ich zwinkere Jenna zu, die lachend den Kopf schüttelt.

»16:8«, antwortet sie und ein breites Fragezeichen tritt vor meine Augen.

»Nein, es ist kurz nach neun.«

Jenna hebt die Schultern und lässt sich in einem der chilligen Gartenstühle nieder. »Dann hast du das Problem ja wunderbar erkannt.«

Ich verstehe langsam und verdrehe die Augen. »Wieder so eine Hollywood-Diät?«

Sie schüttelt ihren blonden Pferdeschwanz, der die Stuhllehne peitscht. »Ich mache keine Diäten, das weißt du doch. Ich reinige damit Körper und Geist. Acht Stunden essen und dann wird sechzehn Stunden gefastet, damit sich der Insulinspiegel erholen kann, oder so ...«

›Oder so‹ trifft es vermutlich ganz gut. »Und der Prosecco in deiner Hand verstößt nicht dagegen?« Ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen, während ich ihr dabei zusehe, wie sie rot anläuft.

»Ach, das eine Glas wird schon nichts ausmachen«, sagt sie und nippt genüsslich am Rand, ehe sie selbst in mein Lachen einsteigt. »Also gut, Themawechsel. Semesterferien, wie sieht unser Plan aus? Ich hätte da nämlich ein wunderbares Angebot, das nur einen klitzekleinen Haken hat. Dafür bringt es uns in die Karibik und das sogar umsonst. Vielmehr werden wir sogar bezahlt. Und mein Gefühl hat mir eben zugeflüstert, dass du auf dem Trockenen liegst und eine kleine Finanzspritze ausgesprochen gut gebrauchen könntest.«

Ertappt. »Ich weiß nicht ... wo ist denn der Haken? Außer, dass ich offenbar in den Ferien arbeiten soll? Du weißt, dass das mein letztes Jahr ist, ich hab jede Menge fürs kommende Semester vorzubereiten.«

»Ach was ...«

Hmm ... Karibik in den Ferien ... Klingt zugegebenermaßen gar nicht so schlecht.

»Komm schon. Sonne, Cocktails, das Meer, du und ich und Matt. Na, wie klingt das?«

Langsam dämmert es mir, worauf das hinausläuft. Ihr Bruder Matt ist Bootsmann auf einer Segelyacht. »Also sollen wir auf Matts Schiff aushelfen?« Ich stelle mein Glas auf einem Tisch ab und schaue in ihre großen, blauen Augen, die bei der Idee zu funkeln beginnen. »Und es geht in die Karibik?«

Sie lächelt und nickt mir dabei zu, dann steht sie auf, hebt ihren Rock und dreht sich so schnell zur Musik, dass er wie ein fliegendes Tutu aussieht. Im letzten Moment packe ich sie, ehe sie in ihrem Tanzrausch über den Poolrand ins Bodenlose tritt.

Endlich bleibt sie stehen und sieht mich an. »Vielleicht tut mir der Prosecco doch nicht so gut«, sagt sie wie nebenbei und lässt sich mit blassem Gesicht auf den Stuhl sinken. »Wo waren wir? Ach ja, Karibik. Also?« Und schon ist sie wieder die Alte.

»Ach Jenna, ich weiß nicht. Wie gesagt, ich hab einiges zu tun in den Ferien. Und was ist, wenn ich seekrank werde? Ich kenne mich auch gar nicht aus mit Segelschiffen.«

Jenna legt den Kopf schief und sieht mich fast schon mitleidig an. »Du bist die beste Surferin, die ich kenne, als ob du seekrank werden könntest.«

»Surfen und Segeln sind aber zwei Paar Schuhe, das weißt du schon, oder? Außerdem ist die Hälfte der Mädels auf dieser Party besser als ich im Surfen. Was wären denn überhaupt die Aufgaben auf diesem Törn?« Ich bin mir noch nicht sicher, was ich von der Sache halten soll. Es ist nicht gelogen, dass ich viel zu tun habe. Nächstes Semester stehen einige Projekte an, die eine gewisse Vorbereitung brauchen. Auf der anderen Seite hätte ihre Frage nicht passender kommen können. Mein ganzes Erspartes ist aufgebraucht und nachdem ich letztes Jahr durch zwei Prüfungen gefallen bin, wurde mir das Stipendium gestrichen. Und anders als ihrer ist mein Vater kein Investmentbanker, der mir das Studium finanziert. Na ja, immerhin war meiner dafür regelmäßig zuhause ... zumindest bis zur Scheidung.

»Ach komm schon, das wird lustig. Den ganzen Tag die Sonne genießen, abends ein paar Gäste bedienen und zwischendurch ein bisschen für Ordnung sorgen. Matt meinte, wir kriegen das auf jeden Fall hin. Und danach liegen wir zwei Wochen lang am Strand, ehe es wieder zurück geht.«

Ich kann mir schon vorstellen, wer die Gäste sein werden. Entweder partygeile, verwöhnte Teenies oder ein Haufen reicher, alter Säcke. So ist es doch immer auf diesen Yachten. Trotzdem klingen zwei Wochen karibischer Sandstrand verführerisch. Und ob ich nun hier im Garten oder dort am Strand lerne ...

»Und wo ist der Haken?« Gleich würde es kommen. Entweder ist die Bezahlung mies, oder ...

»Also ..., es ist eigentlich kein richtiger Haken. Nur ... wie soll ich sagen. Es ist so, der Kapitän ist ...«

»Sorry, ich bin raus«, unterbreche ich sie. Ich weiß ganz genau, wessen Name sie nennen wird. Es gibt nur einen Kapitän, den wir beide kennen, und keine zehn Pferde werden mich auf sein Schiff kriegen.

»Ach komm, Kat. Ich denke, ihr seid in Frieden auseinander gegangen.« In Frieden? Hatte er ihr das erzählt? Der Kerl ist verrückt. Ein verrückter Fremdgeher. Und unberechenbar. Um die Sache mit seiner Affäre abzuwenden und mich wiederzugewinnen, hat er mir den Ring meiner Großmutter geklaut, damit ich ihn überall suche. Und dann hat er so getan, als hätte er ihn nachmachen lassen, damit er mich damit wiedergewinnen kann. Und zwei Tage später erwische ich ihn mit meiner Zimmernachbarin im Bett ...

»Du wirst Josh wahrscheinlich eh kaum sehen. Der hat auf so einem Schiff doch ganz anderes zu tun, als sich um die Stewardessen zu kümmern. Außerdem brauchst du das Geld, ich bin doch nicht blöd und merke es, wenn du pleite bist. Die Rederei bezahlt wirklich gut und nicht zu vergessen das viele Trinkgeld an Bord.« Wenn sie von Trinkgeld spricht, dann müssen es die alten, reichen Säcke sein. »Matt würde sich auch freuen, wenn du mitkommst. Das hat er mir selbst gesagt.«

»Hat er?«, frage ich stutzig. Ich mag ihren Bruder; nach all den Jahren ist er auch für mich wie ein Familienmitglied geworden. Jenna und ich haben als Kinder nebeneinander gewohnt. Damals war ihr Vater noch nicht an der Börse. Als er dann vor ein paar Jahren ein goldenes Händchen bewies, sind sie in ein Loft in der Innenstadt gezogen. Seitdem habe ich Matt nur noch hin und wieder auf dem Campus gesehen. Inzwischen hat er sein Wirtschaftsstudium, dass er anscheinend nur seinem Vater zuliebe begonnen hat, abgebrochen. Und statt in ›Big Daddys‹ Fußstapfen zu treten, treibt er sich nun auf dem Meer rum.

»Ja, er mag dich, Katie. Nicht so sehr wie ich dich mag, aber er weiß ganz genau, dass ich nicht mitkomme, wenn du nein sagst.«

Das trifft es schon eher ... Ich seufze. »Also gut, aber nur unter zwei Bedingungen: Wenn wir ankommen, bekomme ich jeden Tag mindestens eineinhalb Stunden Lernzeit und – du hältst mir Josh vom Hals. Ich tue das für dich. Nur für dich! Verstanden. Wenn Josh mich anbaggert, bin ich weg. Und ich will einen ordentlichen Arbeitsvertrag.« Josh hat mir oft genug erzählt, wie sie die Crew manchmal über den Tisch ziehen.

Ich schlürfe den kläglichen Rest meines Cocktails aus und reibe mir die Arme. Langsam wird es kalt hier draußen. Warum tue ich mir das nur an? »Wie lange geht der Törn überhaupt?«

»Sechs Wochen. Zwei hin, zwei Urlaub, zwei zurück«, erklärt Jenna und beginnt schon wieder, zur Musik zu wippen.

Sechs Wochen ... dann bleiben mir bloß noch zwei, um alles für das kommende Semester vorzubereiten. Eigentlich sollte das reichen, auch wenn es bedeutet, dass ich es diesen Sommer nicht schaffe, meinen Vater in Oklahoma zu besuchen, wo er seit der Trennung von Mom vor sechs Jahren lebt. Es wird ihn hoffentlich trösten, dass ich dafür an Thanksgiving kommen will.

»Na gut. Du kannst mir ja morgen alles nochmal genau erklären. Ich geh mir jetzt ein paar Spareribs holen. Falls du doch schon wieder essen darfst, gib Bescheid.« Ich zwinkere Jenna zu, die mir hungrig nachsieht, seufzend aufsteht und mir schließlich folgt. Sie weiß genauso gut wie ich, dass es nirgendwo besseres Fleisch als bei Jimmy’s-BBQ-Partys gibt.

 

Kapitel 2 – Katie

»Willkommen an Bord, Ladys.«

Ich verdrehe angewidert die Augen und schaffe es nur schwer, mich nicht zu übergeben. Dieser widerliche Schleimbeutel. Wie ich Josh verachte! Warum habe ich mich nur dazu überreden lassen, ihn die nächsten Wochen zu begleiten?

Jenna streckt mir hinter seinem Rücken die Hand entgegen und ihre warmen Finger umschließen meine. Ein kleines ›Dankeschön, dass du da bist.‹ Ich weiß ihre Geste zu schätzen ... und auch ihre Schuldgefühle. Wieso muss es ausgerechnet Joshs Schiff sein, auf dem Matt anheuert? Der Hafen liegt voll von Yachten jeder Größe, und wir sind auf seiner gefangen. Ich stoße einen leisen Seufzer aus, von dem niemand etwas mitbekommt.

»Also die Damen«, erklingt erneut seine nervige, tiefe Stimme und er bleibt uns zugewandt stehen. »Ich zeige euch zuerst eure Kammer. Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn meine Ladys sich eine teilen. Wenn ihr möchtet, leiste ich euch natürlich jederzeit Gesellschaft. Ihr wisst ja, die See macht einsam.«

Selbst Jenna gibt jetzt Würgegeräusche neben mir von sich, während Josh uns ekelerregend angrinst und mit seinen Augenbrauen wackelt, als mache ihn das in irgendeiner Weise sexy. Er glaubt auch immer noch, er sei Adonis. Okay, wahrscheinlich darf ich nicht zu viel über ihn lästern, immerhin ist er mein Ex und ich war mal so etwas wie verliebt in ihn. Damit habe ich offensichtlich genauso eine Meise wie er.

Wir folgen Josh über das Deck nach vorne und dann ... Wir sollen die Leiter runterklettern?

»Hier vorne sind zwei Crewkabinen, eine für euch Stewardessen und eine für den Maschinisten. Stellt eure Reisetaschen ab, Daniel wird sie euch nachher die Leiter runtertragen. Guckt euch ruhig schonmal um.« Josh deutet die Leiter hinunter.

Jenna verschwindet ohne zu zögern in dem engen Loch, und da ich nicht mit Josh allein bleiben will, bleibt mir nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Unten angekommen runzele ich die Stirn. Das ist alles? Hier sollen wir insgesamt vier Wochen verbringen? Vielleicht buche ich mir zurück doch lieber einen Flug.

»Ich schlafe oben«, sagt Jenna sofort und schmeißt ihren Rucksack auf das obere Bett.

»Meinetwegen, aber wehe, du schnarchst oder wälzt dich die ganze Nacht«, sage ich mit einem Lächeln. Immerhin sieht das Bett stabil aus und ist nicht aus knarzendem Metall, sondern schick poliertem Holz. Generell wirkt die ganze Einrichtung sehr hochwertig. Kein Wunder, sonst würden die reichen Schnösel hier kaum schlafen wollen.

»Du verwechselt mich wohl mit dir.« Wahrscheinlich hat Jenna damit sogar recht.

»Gut Ladys, kommt mal wieder rauf und ich zeige euch den Rest meines Babys.«

Ich schaffe es gerade so, mir das Grunzen zu verkneifen. Jetzt ist das Schiff also schon sein Baby ...

Wir gehen zurück nach hinten, wo der Steuerstand ist. Dort steht eine Art Häuschen. Das ist das Deckshaus, wie Josh erklärt. Eine kleine Treppe führt hinunter in das Zwischendeck, wo sich ein zweiter Steuerstand befindet, dazu die ganzen Instrumente und Seekarten. Weiter hinab geht es in eine Lounge. Wow! Ich hätte nie gedacht, wie riesig hier unten alles ist. Also nicht riesig-riesig, aber so viele Türen auf so kleinem Raum ... Wie viele haben hier unten Platz?

Er führt uns einen schmalen Flur entlang. »Mittschiffs schlafen die Gäste, hier hinten der Koch, ich und dein Bruder.« Josh nickt Jenna zu.

»Unsere Gäste kommen heute Abend gegen achtzehn Uhr an. Eure Aufgabe wird es sein, sie zu begrüßen, ihre Zimmer zu putzen und Betten zu machen, ihnen Getränke zu servieren, dem Koch in der Kombüse zu helfen und das Deck mit sauber zu halten. Wir legen morgen direkt nach dem Frühstück ab, das heißt, der Zimmerservice, den ihr normalerweise macht, während die Gäste frühstücken, muss warten. Erst Ablegen mit Drinks für die Gäste, dann Zimmer putzen. Die Gäste sollen sich wohlfühlen, das hat oberste Priorität.«

»Und ich dachte schon, es wäre, uns sicher übers Meer zu bringen«, murmele ich, sodass nur Jenna es hört und ein leises Glucksen ausstößt.

Josh räuspert sich. Vielleicht habe ich doch lauter gemurmelt als gedacht.

»Bei schlechtem Wetter kann es passieren, dass wir viel Zeit unter Deck verbringen müssen. Dafür ist die Lounge da. Auch sie muss von euch sauber gehalten werden. Ich möchte, dass ihr regelmäßig, auch wenn alle oben sind, hier unten vorbeischaut und nach dem Rechten seht. Verstanden?«

Widerwillig nicke ich. Es ist so ungewohnt, ihn als meinen Chef vor mir zu haben. Dabei hat er damals schon gerne den Dominanten raushängen lassen. Immer musste alles nach seinen Regeln spielen. Katie tu dies nicht, Katie lass das, Katie mach endlich ... Ich habe es gehasst.

»Gut, kommt mit. Dort hinten ist die Küche. Sie ist nicht sonderlich groß, aber es reicht, um zwanzig Leute zu versorgen. Sir Roberto reist erst morgen früh an. Die Gesellschaft hat gewünscht, zusätzlich zu unserem Koch Philipp ihren eigenen Koch mitzubringen. Ich weiß also selbst nicht, wie der Mann drauf sein wird. In jedem Fall werdet ihr tun, was er sagt, wenn er eure Hilfe braucht. Außer ich brauche euch gerade.« Wieder dieses Zwinkern ... Ich sollte aufhören, mich über ihn aufzuregen. Das tut meinem Gemüt nicht gut.

»Wo ist Matt?«, will Jenna wissen und schaut an Josh vorbei, als würde ihr Bruder sich irgendwo im Hintergrund verstecken.

»Unten, im Maschinenraum. Dort gehen wir als nächstes hin.« Josh streift sich durch sein kurzes, schwarzes Haar und nickt zur Treppe. Bei dem Gedanken daran, ihm die steilen Stufen hinunterfolgen zu müssen, läuten alle Alarmglocken bei mir. Ich weiß noch, wie er seine Mutter mal im Streit die Treppe runtergeschubst hat. Bis heute bin ich mir nicht sicher, ob es ein Versehen war. Er war so außer sich und hat das ganze Haus zusammengebrüllt. Hätte ich nicht gleich den Krankenwagen gerufen, hätte seine Mom bleibende Schäden behalten. Und wäre ich nicht ins Bad geflüchtet und hätte mich dort eingeschlossen, ich sicherlich auch. Warum habe ich mich hierauf eingelassen? So charmant dieser Mann auch hin und wieder sein kann, so unberechenbar ist er, wenn er wütend wird oder sich profilieren will. Wenn wir erst einmal auf dem Meer sind, sind wir seiner Willkür vollkommen ausgeliefert. Ich schlucke.

Jenna kennt die Geschichte mit seiner Mom und ich sehe ihr an, dass ihr genauso mulmig wie mir zumute ist. Zum Glück geht er auf der Treppe vor. Würde er es überhaupt wagen, hier auszuticken, wenn so viele Leute anwesend sind? Vielleicht haben wir auch Glück und er hat sich geändert. Immerhin ist viel Zeit vergangen, seit wir uns getrennt haben. Matt wartet bereits unten auf uns. Er würde uns nie etwas vor ihm tun, also ist meine Furcht unbegründet.

»Jenna, Katie, schön, dass es geklappt hat«, begrüßt Matt uns. Ich habe Schwierigkeiten, den Blick von seinem nackten Oberkörper loszureißen und ihm in die Augen zu sehen. Er steht vor einem breiten Kessel und grinst uns verschwitzt an. Dann streift er sich die schmutzigen Handschuhe ab und begrüßt uns richtig.

»Zieh dir was über«, bemerkt Josh rau.

Mich stört es überhaupt nicht, Jennas Bruder ohne Shirt zu sehen. Mein Blick streift die definierten Muskeln, die seinen gesamten Oberkörper zieren. Ölspuren ziehen sich über seine Wangen und seine Brust und für einen Augenblick vergesse ich, dass ich diesen Mann und sein Lächeln seit über zwanzig Jahren kenne und er daher auch für mich wie ein Bruder ist. Als Mädchen war ich eine Zeit lang wahnsinnig verknallt in ihn. Vernünftigerweise hat er mir aber nie eine Chance gegeben. Immerhin ist er fast fünf Jahre älter als ich und es wäre krank gewesen, als Teenager eine Zehnjährige zu daten.

Matt rümpft die Nase, verdreht genauso seine Augen, wie ich es bei jedem von Joshs Worten tue, und zieht sich ein Shirt über. Irgendwann muss es mal weiß gewesen sein, doch inzwischen ist es ebenso ölverschmiert wie sein sexy Körper. Katie, nicht abschweifen ..., rüge ich mich.

»Also dann, war schön euch zu sehen, aber Daniel und ich haben hier unten einiges zu tun.«

Erst jetzt fällt mir der andere Kerl auf, der hinter ihm steht und genauso verschwitzt aussieht wie Matt. Er muss der Maschinist sein, zumindest gehe ich davon aus. Matt hilft ihm als Bootsmann bestimmt nur aus. Ich kann nur hoffen, dass er sich das Öl von den Händen wäscht, ehe er unsere Taschen die steile Leiter runterbringt.

Wir gehen rauf aufs Deck und sicherheitshalber gehen Jenna und ich vor. Erst oben überlassen wir Josh wieder die Führung. Das Sonnendeck ist herrlich, zumindest an einem so warmen Tag wie heute. Am liebsten würde ich mich mit Jenna und Matt in die Liegestühle fläzen und den Nachmittag mit einem Cocktail ausklingen lassen. Ich bin so verspannt, vielleicht frage ich Matt heute Abend, ob er mich massiert. Er hatte so starke Hände eben. Das ist mir vorher noch nie aufgefallen. Wann wurde aus dem schmächtigen Jungen, den ich meine halbe Kindheit angehimmelt habe, der gutaussehende Mann mit den Muskeln, der selbst in Schmutz gesuhlt noch heiß aussieht? So eine Massage von ihm wäre jetzt wirklich das richtige ...

Jenna schnippt vor meiner Nase herum. »Nicht träumen, Süße. Hast du gar nicht mitbekommen, was Josh gerade gesagt hat?« Josh? Was, wie, wo?

»Wo ist er?«

»Ins Deckshaus. Und wir sollen das Deck schrubben. Dort vorne finden wir alles.« Sie zeigt auf den Eimer, der schon vorbereitet für uns neben der offenen Truhe mit den Sitzauflagen steht. Dann zieht sie die Brauen hoch und schüttelt den Kopf.

»Dann mal los«, murmle ich und schreite auf den Eimer zu.

 

 

Kapitel 3 − Matt

 

»Klarmachen zum Auslaufen!« Josh wedelt gebieterisch mit den Armen.

Ich muss mich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Als Bootsmann stehe ich unter dem Kapitän, aber Josh braucht nicht vor den Gästen andauernd den großen Macker zu spielen. Wahrscheinlich will er den Damen imponieren. Oder er hat das Gefühl, die älteren Herren würden den gutaussehenden, jungen Mann mit den schwarzen Haaren nicht ernst nehmen, wenn er ganz ruhig seine Anweisungen gibt. Wahrscheinlich hat er eher Angst davor, dass Daniel und ich ihn nicht ernst nehmen. Was der Wahrheit entspricht. Ich grinse in mich hinein und gehe zum Bug, um den Anker klarzumachen.

»Anker los!«

Was? Jetzt schon? Er hat gerade erst den Motor gestartet, beide Achterleinen sind noch fest. Will er den Bug nur mit dem Bugstrahlruder kontrollieren? Ich spüre den Wind in meinen Haaren. Zu viel, um das Schiff sicher zu halten. Ich öffne den Mund, um vorsichtig zu widersprechen, aber ein Blick in seine dunklen Augen reicht, um mich abzuwenden und die Schultern zu zucken. Soll er doch machen. Das Schiff ist schließlich sein »Baby«. Wenn er die Santos unbedingt crashen will, bitte sehr. Ich würde sowas ja nicht unbedingt in einem US-amerikanischen Hafen machen, aber der Kapitän ist mit seinem Rang ja schlauer als ich, was er mir immer wieder unter die Nase reibt.

Ich eile zum Bug und löse die Kette, um den Druck rauszunehmen. Einen festgefahrenen Anker kriegt man nicht einfach so hoch, was jeder Süßwassersegler weiß, dazu braucht es keine zwei Jahre Erfahrung als Kapitän. Dann hole ich den Anker. Die Fluken, die sich in den Hafenboden eingegraben haben, ächzen unter dem Druck des Motors, der die Kette einholt. Der Motor ächzt mit. Hoffentlich hält er durch. Ich werfe einen kurzen Blick zurück nach achtern, zu Josh, dem die Motorengeräusche genauso viel Unbehagen wie mir bereiten müssten. Er bellt Befehle, die ich nicht hören kann. Wahrscheinlich ist er zur Vernunft gekommen und weist Daniel an, die Achterleinen hinten am Schiff zu lösen.

Die Santos treibt langsam nach vorne, der Anker kommt lose. Zu früh. Es weht nur eine leichte Brise, aber sie reicht, um die Yacht zur linken Seite, nach backbord, abzutreiben.

Scheiße, wir werden die Nachbaryacht rammen! Ich springe zur Steuerbordseite und mit fliegenden Fingern löse ich den Knoten eines Fenders. Wenn ich schon den Crash nicht verhindern kann, wird dieser aufgeblasene Gummiballon wenigstens größere Schäden abfangen. Ich renne nach backbord und klemme den Fender zwischen beide Bootswände. Das Gummi quietscht und auf die Leine in meinen Händen entsteht ein ungeheurer Zug, ich kann den Fender nicht mehr halten. Ein wenig noch, nur ein wenig ...

Die Santos nimmt Fahrt auf und das Ruder greift. Josh steuert unter lautem Fluchen leicht nach steuerbord. Ich lasse die Leine des Fenders los, die mir schon die raue Handinnenfläche aufgescheuert hat. Der Fender ist verloren. Sicher zieht mir Josh die hundert Dollar vom Lohn ab. Verdammt. Ich brauche jeden Cent für die Seefahrtschule – das verlorene Geld ist schlimmer als die brennende Wunde auf meiner Handfläche. Offene Wunden vertragen sich nicht mit Seewasser und Öl − aber was macht das schon? Schnell einen Putzlappen drumgewickelt, das muss reichen, um den verpatzten Ableger halbwegs ordentlich zu Ende zu führen.

Ich sammele die anderen Fender ein und verstaue sie. Ein kurzer Blick an die Backbordseite zeigt mir, dass Josh wie immer mehr Glück als Verstand hatte. Mein Eingreifen hat die schlimmsten Kratzer ferngehalten, und bis auf einen zweiten Fender, der dieser Last nicht standgehalten hatte und abgerissen ist – was natürlich meine Schuld sein wird und damit weitere hundert Dollar aus meiner Kasse spült – und einer leicht verbogenen Reling, die ich reparieren kann, hat die Santos keine weiteren Schäden davongetragen.

Daniel und ich sind noch dabei, die Leinen zu verstauen, da schreit Josh »Segel setzen!« unter dem immer noch andauernden Ablege-Applaus der Gäste. Na, die scheinen ja leicht zu beeindrucken zu sein, und die Aussicht auf gesetzte Segel in der Hafeneinfahrt lässt die Stimmung steigen. Ich tausche einen genervten Blick mit Daniel und wir verstauen erstmal in Ruhe die Leinen. Erstens hasse ich es, auf einem unaufgeräumten Schiff zu arbeiten, denn die Gefahr zu stolpern und über Bord zu gehen ist einfach zu groß. Zweitens ... im Hafen Segel setzen? Das kostet uns mindestens einen Wochenlohn an Ordnungsgeld. Josh mag sich ja daran aufgeilen, wie sein ›Baby‹ unter vollen Segeln durch die Hafeneinfahrt braust − die Behörden finden das bestimmt weniger sexy.

Kaum denke ich an ›sexy‹, taucht Katie mit meiner Schwester auf. Die beiden servieren den Gästen die ersten Drinks. Ihr Lächeln strahlt mit der Sonne um die Wette, das wird sicher die Trinkgeldkasse zum Klingeln bringen. Ich grinse vor mich hin, während ich Katie auf den Hintern schaue, der in den knappen Hotpants wirklich gut zur Geltung kommt.

»Segel?«, knurrt es hinter mir. »Heute noch?« Joshs dunkle Augen blicken hasserfüllt auf mich. »Konzentrier dich auf deine Arbeit, du wirst nicht bezahlt, meinem Mädchen hinterherzustarren.«

Sein Mädchen, ja? Meine Güte. Nur, weil Katie mal unter kurzfristiger Geschmacksverirrung litt und mit dem Kapitän zusammen war. Normalerweise sind knackige Hintern in knackigen Hotpants das einzige Thema, bei dem Josh und ich uns einig sind. Und mit Stewardessen, die alle paar Wochen wechseln, gibt es damit wenigstens ein Gesprächsthema, bei dem wir uns nicht in die Haare kriegen. Aber offenbar hat er immer noch nicht verkraftet, dass Katie ihn abgeschossen hat.

»Ist gut«, murmele ich. Ein Blick von ihm und ich schiebe ein pseudo-begeistertes »Jawohl, Kapitän!« hinterher.

Seine angespannten Schultern fallen relaxt herunter. Anscheinend hört er die triefende Ironie in meiner Stimme nicht, genauso wenig wie die Gäste, die ihn bewundernd mustern.

Daniel kneift die Lippen zusammen und wendet sich ab. Ich höre leises Prusten und stoße ihm meinen Ellenbogen in die Seite.

Josh stolziert jetzt übers Deck und lässt sich hier und da zu einem Gespräch herab. Die Schiffsführung scheint ihn nicht zu kümmern. Kein Wunder, wir haben den Hafen verlassen und nun teilen Daniel und ich uns in die Wachen rein. Ursprünglich war das klassische Drei-Wachen-System angedacht, jeder acht Stunden, inklusive Josh – aber sein Schiff, seine Regeln. Zwei Wachen, mit der Begründung, dass wir ja nachts vor Anker liegen und die Wachzeit nicht wirklich als Arbeitszeit zu rechnen ist.

Zu zweit setzen wir die Segel, dann übernimmt Daniel offiziell seine Wache. Ich helfe ihm noch dabei, die letzten Leinen und die Gangway ordentlich zu verstauen und husche dann unter Deck. Hier gehen mir weder Josh noch die Schickeria auf den Sack, und der zusätzliche Koch, den die Gäste mitgebracht haben, braucht sicher noch eine Einweisung in das Müllsystem an Bord. Unser Koch Philipp meinte, der Neue hätte noch nie auf einem Schiff gekocht. Und dann gleich eine Sechs-Wochen-Tour. Sehr schlau. Wahrscheinlich erwartet er, auf jeder Insel eine Recyclinganlage vorzufinden. Er hat bestimmt keine Ahnung davon, dass wir die Abfälle zur Not sechs Wochen lang durch die Gegend schippern und entsprechend säubern und trennen müssen.

»Ordentlich ausspülen.« Ich höre Philipps Stimme schon, als ich mich der Kombüse nähere. Sehr gut, er weist den Neuen schon in die Mülltrennung ein. »Sonst macht dich der Bootsmann zur Schnecke. Muffelnde Milchkartons im Schiff zu lagern ist nicht so nach seinem Geschmack.«

»Stimmt.« Ich setze ein gespielt strenges Gesicht auf und stecke den Kopf durch die Tür.

Der Neue – weiß eigentlich irgendwer, wie der Typ heißt? – guckt mich von oben herab an, auch wenn er einen Kopf kleiner ist als ich. »Ich bin Koch«, sagt er näselnd. »Für Müll sammeln bin ich nicht zuständig.«

Na wunderbar. Ich runzele die Stirn und muss nicht mehr schauspielern. Noch so eine Diva. Gäste mit eigenem Personal sind generell nicht gerade pflegeleicht, aber ein Koch, der sich für was Besseres hält als den Rest der Crew ist jetzt schon zum Kotzen. »Halt dich an die Regeln, Kollege. Fürs Personal brate ich keine Extrawurst, dass das klar ist.«