High Seas – Sammelband

 

Inhaltsverzeichnis

High Seas – Leidenschaft auf hoher See

Kapitel 1 – Julia

Kapitel 2 – Adam

Kapitel 3 – Julia

Kapitel 4 – Julia

Kapitel 5 – Julia

Kapitel 6 – Julia

Kapitel 7 – Julia

Kapitel 8 – Julia

Kapitel 9 – Julia

Kapitel 10 – Julia

Kapitel 11 – Adam

Kapitel 12 – Julia

Kapitel 13 – Julia

Kapitel 14 – Adam

Kapitel 15 – Adam

Kapitel 16 – Julia

Kapitel 17 – Adam

Kapitel 18 – Julia

Kapitel 19 – Adam

Kapitel 20 – Julia

Kapitel 21 – Julia

Kapitel 22 – Julia

Kapitel 23 – Adam

Kapitel 24 – Julia

High Seas – Verloren im Paradies

Kapitel 1− Katie

Kapitel 2 – Katie

Kapitel 3 − Matt

Kapitel 4 – Katie

Kapitel 5 – Matt

Kapitel 6 – Katie

Kapitel 7 – Katie

Kapitel 8 – Matt

Kapitel 9 – Katie

Kapitel 10 – Matt

Kapitel 11 − Matt

Kapitel 12 – Matt

Kapitel 13 – Katie

Kapitel 14 – Katie

Kapitel 15 – Matt

Kapitel 16 – Katie

Kapitel 17 – Katie

Kapitel 18 – Katie

Kapitel 19 – Matt

Kapitel 20 – Katie

Kapitel 21 – Matt

Kapitel 22 – Katie

Kapitel 23 – Matt

Kapitel 24 – Katie

Kapitel 25 – Matt

Kapitel 26 – Katie

Kapitel 27 – Matt

Kapitel 28 – Katie

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High Seas – Leidenschaft auf hoher See

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Kapitel 1 – Julia

»Charlie, hast du kurz Zeit? Ich hab dir schon vor zwei Wochen das neue Exposé zugesandt und immer noch keine Rückmeldung bekommen. Gefällt es dir denn nicht?« Mein Kopf lugt durch den breiten Türspalt zu ihm hindurch. Ich musste noch nie so lange auf eine Antwort von ihm warten. Wenn er zu viel zu tun hätte, dann wüsste ich das, denn dann hätte man mich gar nicht erst zu ihm gelassen. Er hasst es, wenn man ihn während etwas Wichtigem stört, daran kann es also nicht liegen.

Charles reibt sich über die dicke Wulst unter seinem Kinn und sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an. Dann schlägt er die Beine zusammen und setzt sich auf. »Doch, doch«, sagt er abwinkend. »Wann warst du zuletzt auf einem Schiff?«

Meine Augenbrauen wandern nach oben. »Vor ein, zwei Jahren, wieso? Hab ich einen Logikfehler im Plot?«

»Nein, nein. Das – das ist es nicht. Hättest du Lust, in drei Wochen in See zu stechen? Als Recherche-Reise?«

Ist das sein Ernst? »Natürlich. Also gefällt dir die Idee zu Love in Paradise?« Perfekter kann es doch gar nicht mehr laufen. Ich will schon so lange noch einmal mit einem Kreuzfahrtschiff über das Meer reisen.

Was war das? Ein leichtes Grinsen huscht über sein Gesicht. Ich kenne diesen Ausdruck und seufze. »Nun rück schon raus, Charlie.« Es ist jedes Mal das Gleiche. Ich lege ihm als meinen Agenten eine Idee oder gleich ein ganzes Manuskript vor und dann beginnt sein großes Spiel.

»Ja, ja, die Idee ist ganz gut«, antwortet er endlich mit abwesender Stimme.

Nur ganz gut? Das wird die Love-Story des Jahres! »Aber?«

»Das Genre, meine Liebe. Das Genre.« Er legt seine Hände gefaltet in seinen Schoß und lehnt sich zurück. Wenn er weiter so macht, dann bleiben die Falten auf meiner Stirn irgendwann. »Julia, du weißt, ich schätze dich sehr als Klientin, aber deine Liebesromane ... hast du dir die letzten Verkaufszahlen angesehen? Die Verlage schaffen es einfach nicht, sie an den Mann zu bekommen. So springt doch nie eine gute Vorauszahlung für dich ab.« Pah, er meint wohl eher eine gute Provision für sich. »Setz dich endlich. Ich habe da eine neue Idee.« Charlie weist auf den Stuhl vor mir.

Ich ziehe ihn zurück und setze mich mit steifem Oberkörper ihm gegenüber hin. Zu gerne wüsste ich, was da gerade in seinem Oberstübchen vorgeht. Bisher konnte ich mich nicht wirklich über schlechte Zahlen beschweren, doch ich kenne Charlie schon lange. Das große Haus, die Ferien-Villa in Italien, der schicke Sportwagen, er will immer eine Null mehr auf dem Konto haben als nötig. »Gut«, sage ich schließlich und verschränke meine Arme. »Schieß los.«

»Aus Love in Paradise machen wir Lost in Paradise

»Klingt wie ein Thriller.«

Charlie strahlt und ich reiße die Augen auf. »Nein! Nein, nein und nochmals nein! Charles, ich kann keinen Thriller schreiben. Wie soll das gehen?«

Er sieht mich mitleidig an und zieht einen kleinen Stapel Dokumente aus der Schreibtischschublade seines prunkvollen Mahagonitisches hervor und legt sie zwischen uns ab. Mit dem Zeigefinger auf unseren Vertrag tippend, sieht er mich an. »Du weißt, was hier drinsteht? Und du weißt, was ich in den letzten Jahren alles für dich und deine Karriere getan habe? Gut, dann weißt du auch, dass du als nächstes einen Thriller schreiben wirst.«

Ich atme schnaubend aus. Dieser verdammte Knebelvertrag!

Charlie lächelt und sein goldener Eckzahn lugt hervor. Am liebsten würde ich ihm den jetzt ausschlagen. »Julia«, sagt er schmeichelnd und ich verdrehe die Augen, »es ist doch ganz einfach. Eine Entführung ein paar junger Mädels, die sollen mit einem Schiff nach Hong Kong geschmuggelt und dort verschachert werden. Wenn du den Leser die Liebe in deinen Büchern fühlen lassen kannst, dann sicherlich auch die Angst der jungen Frauen.« Er macht eine dramatische Pause und reibt sich den Nasenrücken. »Ich habe heute früh schon mit einem alten Schulfreund telefoniert. Er ist Agent am Hafen oder so etwas und du könntest zwei Wochen lang auf einem Containerschiff mit auf See gehen und dort recherchieren. Unter den ganzen Kerlen kommst du vielleicht mal ein bisschen aus dir heraus.«

Bis gerade wusste ich nicht, dass sich meine Augen überhaupt so extrem weiten können. Jetzt tränen sie. »Ich soll in See stechen? Ich? Auf einem Frachter? Du spinnst doch!«

»Überhaupt nicht. Bedenke, welche Erfahrungen du dort sammelt kannst. Und wenn du willst ...«, er verdreht die Augen, »… kannst du anschließend noch dein Love in Paradise schreiben. Dafür ist die Recherche ja auch ganz gut.«

»Love in Paradise spielt auf einem Kreuzfahrtschiff, nicht auf einem Containerschiff.«

Er wedelt abweisend mit seiner Hand und ich bin kurz davor, an die Decke zu gehen. Ein Frachter ... ich alleine unter Männern, das überlebe ich niemals!

»Kreuzfahrtschiff, Frachter ... Schiff ist Schiff. Ob sich deine Protagonistin nun zwischen Containern oder am Pool in den Kapitän verliebt, ist doch schnuppe. Also, was sagst du? Sind wir im Geschäft?«

Meine Augen ruhen auf seinen haarigen Fingern, die immer noch unablässig auf den Vertrag tippen. So ein Mist! Ich habe damals zugesagt, jedes Angebot anzunehmen. So sichert er sich ab, damit ich stets für den Markt schreibe. Genervt stehe ich auf und gehe im Raum auf und ab. »Ich überlege es mir bis morgen, in Ordnung? Hast du schon einen Verlag in Aussicht?«

Wieder dieses Grinsen auf seinen Lippen. »Oh ja, meine Liebe, oh ja.«

Ich hebe die Augenbrauen. »Verrätst du mir heute noch, welchen?«

Er leckt sich über seine Lippen. Ich hasse es, wenn er das macht. Ob er weiß, wie unerotisch das wirkt? »Paper-Cronwood«, spricht er es endlich aus und mit klappt der Mund auf. Paper-Cronwood ist der größte Verlag im englischsprachigen Raum und bringt einen Bestseller nach dem anderen raus.

»Das – nein ... im Ernst? Stehst du schon in Kontakt mit ihnen?« Ganz automatisch bleibe ich stehen und sinke zurück in den Stuhl.

Sein Lächeln wird immer breiter. »Ja, und sie lieben die Idee.«

In meinem Brustkorb hämmert es stark. Kann ich es wirklich schaffen, einen Fuß in die Cronwood-Welt zu setzen? Verdammt, wäre das geil! Meine Finger fahren über meine glühenden Wangen. Seit wann ist es so heiß hier drinnen? Ich kann nicht mehr anders und nicke.

»Und, lässt du dir diese Chance entgehen?«

Ich schaue über seine Glatze hinweg durch das Fenster hinter ihm und hinaus aufs weite Meer. Ich – zur See ... Julia reitet die Wellen und bezwingt das Meer, ein leichtes Lächeln huscht über mein Gesicht.

»In drei Wochen sagst du, geht es los?«

»Wenn du möchtest. Diese Erfahrung wird dir sicherlich nicht schaden.«

»Für wie lange?«

»Zwei Wochen.«

Zwei Wochen auf See und ein Thriller aus meiner Feder für einen Vertrag mit Paper-Cronwood. »Deal«, sage ich, stehe auf und schüttle Charles die Hand. Er lacht süffisant. War es die richtige Entscheidung?

 

 

Kapitel 2 – Adam

Eines ist sicher: Den Kaffee an Bord werde ich nicht vermissen. Ich nehme einen Schluck des unzumutbaren Gebräus und verziehe das Gesicht. Immerhin hält mich das bittere Getränk wach. Seit achtundzwanzig Stunden sitze ich auf diesem verdammten Stuhl in diesem verdammten Ladungsbüro. Pausen? Nicht vorgesehen. Nicht für den Chief Mate, den Ersten Offizier. Nicht, wenn immer noch – Ich konsultiere den Ladeplan – sieben Container auf ihren Platz warten. Einer davon mit einer ganz besonderen Ladung. Ladung, die nicht mehr mein Problem sein wird.

Valparaíso, das »Paradiestal«, wird mein ganz persönliches Paradies sein. Ich werde abmustern und dieses Schiff nie wiedersehen. Sobald Mario mit meiner Ablöse auftaucht, bin ich weg. Sollen die ihre schmutzigen Geschäfte doch ohne mich machen. Noch ein Schluck Kaffee – der letzte. Das letzte Mal die Ladepläne aktualisieren. Das letzte Mal den Planer zusammenpfeifen. Meine Taschen stehen gepackt in der Ecke des Büros. Meine Privatklamotten liegen bereit. Ich lasse die Finger über die obersten Hemdknöpfe gleiten. Bald werde ich sie öffnen und das Uniformhemd loswerden, das die letzten zehn Jahre mein Gefängnis war. Ich werde die dunkelblaue Hose ausziehen und meine muskulösen Beine in kurzen Shorts zur Schau stellen. Dazu ein lockeres Muscle-Shirt – umsonst quäle ich mich schließlich nicht täglich, auch nicht nach einer dreißig-Stunden-Schicht, im Gym. Der Urlaubslook ist perfekt. Urlaub – von meinem alten Leben.

In Chile wird alles neu beginnen. Die Schulden sind beglichen, ich kann endlich aussteigen. Vielleicht fange ich als Hafenarbeiter an. Scheiß auf den schlechten Lohn, ich will einfach nur leben. Sonne und hier und da eine Margarita werden schon drin sein. Vielleicht eröffne ich auch eine Bar. Dann wären zumindest die Margaritas sicher.

Ich hole mein Portemonnaie aus der Tasche und zähle die Geldscheine. Genug, um die Avenida Rio Grande 5 zu besuchen. Abgesehen von den besten Margaritas haben sie die heißesten Frauen. Esperanza wird dort auf mich warten. Sie weiß, dass ich heute abmustere. Sie hat sich den Abend freigehalten, nur für mich, da bin ich mir sicher. Mario wird das schon sichergestellt haben. Die anderen Schiffsagenten mögen Idioten sein, aber auf Mario ist Verlass. Er weiß, was ein Seemann nach einer Ozeanüberquerung braucht. Margaritas und Frauen.

Esperanza, die Hoffnung. Ich grinse in mich hinein. Diese Frau ... die glänzenden Haare, die meine Oberschenkel kitzeln, während ihre vollen Lippen sich um meinen Schwanz schließen ... Ich seufze genüsslich bei der Vorstellung und mein Glied wird hart in der engen Uniformhose. Ich sollte dringend aufs Klo gehen und Druck ablassen, sonst wird es hier einen Unfall geben, mit dem ich nicht in Erinnerung bleiben will.

Ich schiebe hastig den Stuhl zurück und eile zur Tür. Beim Gehen knöpfe ich mir die Hose auf, um meinem anschwellenden Schwanz den Platz zu geben, der ihm gebührt. Ich reiße die Tür auf, springe auf den Gang und -

»Puta madre!« Mario hat mir seine knochige Schulter in die Brust gerammt. Mein frisches Tattoo bricht auf und durchtränkt das Hemd mit Blut. Stöhnend gehe ich zu Boden. »Chico, que pasa?« Mario reicht mir die Hand. »Mierda, dein Hemd, alles voll mit Blut!«

»Ja, weil du Arschloch mich umgerannt hast«, knurre ich und ziehe mich an seiner Hand hoch. Verdammt, das Hemd ist hin. Meine Erektion auch. Aber egal, Esperanza wartet. Ich werde dieses beschissene Schiff verlassen und kein Uniformhemd mehr brauchen. Ein Ruck am Stoff und die billigen Knöpfe reißen aus. Ich knülle das Hemd zusammen und tupfe das Blut ab, bevor es auf meinen Brustmuskeln trocknet.

»Hast du Liam mitgebracht?« Blöde Frage meinerseits. Natürlich hat er meine Ablöse mitgebracht. Der neue Erste Offizier, der mir meinen wohlverdienten Ausstieg ermöglicht. Ich schaue an Mario vorbei und sehe ... Das darf doch nicht wahr sein: kein Liam. Eine Frau steht dort. Na ja, eher ein Mädchen. Sie sieht ein bisschen aus wie Esperanza. Langes schwarzes Haar, schlanke Beine ... nur der Busen fehlt. Also, da ist schon was zu erkennen unter dem dünnen, weißen T-Shirt: zwei Mückenstiche. Ich grinse. »An den Nutten sparen sie auch schon, was? Für wen hast du denn diese Sparversion von Esperanza mitgebracht? Für mich hoffentlich nicht. Ich werde nicht lange genug bleiben.«

Ich trete zurück ins Schiffsbüro, schnappe mir mein T-Shirt und ziehe es über. Dann schlüpfe ich aus der Uniformhose – aufgeknöpft ist sie ja schon – und wühle im Rucksack nach meiner Jeans. Wenn man seit acht Jahren mit zwanzig Männern zur See fährt, bleibt kein Schamgefühl zurück. Und die Nutten sehen nichts, was sie nicht schon kennen. Okay, vielleicht ist es unhöflich, dem besten Schiffsagenten der Welt den Arsch hinzustrecken.

Ich richte mich auf, mit der Jeans in der Hand und ziehe sie an. »Was ist jetzt mit Liam? Kommt wohl erst morgen?« Ich habe eigentlich keine Lust, weitere Stunden auf dem Schiff verbringen zu müssen, aber was sind schon ein paar Stunden gegen ein Leben in Freiheit?

Mario tritt von einem Bein aufs andere. Mir schwant Übles. Ich knöpfe die Jeans zu und betrachte die Frau genauer. »Das ist meine Ablöse? Wusste nicht, dass der alte Johnson auch Frauen einstellt.«

»Tut er nicht«, antwortet Mario. »Jedenfalls nicht auf der Freya

Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

Mario räuspert sich. »Darf ich vorstellen? Julia Perry. Sie fährt die nächste Reise als Passagierin bei euch mit.«

»Nicht bei mir«, murmele ich. »Ich bleibe nicht hier, schon vergessen? Ich lade die Freya ordentlich, übergebe an Liam, und dann können mich alle mal kreuzweise. Spätestens morgen Abend saufen wir uns in einer Bar das letzte bisschen Verstand weg, Amigo.«

Mario fixiert seine polierten Stiefelspitzen.

Ich kneife die Augen zusammen. Eine üble Ahnung steigt in mir auf. »Wann kommt Liam?«

Keine Antwort.

»Mario!«

Er zuckt zusammen, als hätte ich ihn geschlagen. Am liebsten würde ich das. Sein Schweigen kann nur eines bedeuten. »Mario.« Ich zwinge mich zur Ruhe. »Wann. Kommt. Liam?«

»In zwei Wochen. Nach Hongkong. Du fährst noch die Überquerung, und dann –«

»Fuck!« Ich ramme meine Faust in die Wand. Stahl und Knochen – keine gute Kombination. Ich brülle vor Schmerzen auf. Die Frau zuckt zusammen und starrt mich an, als hätte sie noch nie einen wütenden Kerl gesehen. Aber auf sie kann ich keine Rücksicht nehmen. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Zwei Wochen! »Das geht nicht! Zwei Wochen. Mario, das mach ich nicht! Da werden vier Wochen draus, und dann vier Monate, ich kenn doch den Mist! Was ist denn mit Liam?«

»Ist halt krank geworden«, murmelt Mario. »Zac meint, es sei das Vernünftigste, wenn du die paar Tage noch mitfährst, dann braucht er nicht extra einen neuen Offizier anheuern.«

»Zac steht unter mir im Rang! Der hat so etwas nicht zu entscheiden!«

Mario zuckt mit den Schultern. »Ist halt der Sohn vom Boss, was willst du machen?« Mr. Zachary Johnson, nur Zweiter Offizier, aber Daddy lässt ihn die Personalentscheidungen treffen. Wie ich ihn inzwischen hasse!

»Hab ich da meinen Namen gehört?« Bitte nicht! Die Tür öffnet sich und ein gelber Schutzhelm wird sichtbar. Zac schiebt sich ins Zimmer. Er lässt seinen Blick über die Frau schweifen und sein Stirnrunzeln glättet sich. Er lächelt sein charmantestes Surferboy-Lächeln, nimmt den Helm ab und schüttelt sein langes, blondes Haar. Wie aus einem verdammten Werbefilm für Shampoo. Ich verdrehe die Augen.

Die Frau – wie hieß sie gleich nochmal? – blickt ihn an wie ein erschrockenes Bambi im Scheinwerferlicht. Ihre Pupillen weiten sich. Ja, Zac ist eben echtes Wichsvorlagenmaterial. Die zwei werden noch vor dem Auslaufen zusammen in der Kiste landen, das ist sowas von offensichtlich.

Zwei Wochen, mindestens. Verfickte Scheiße.

 

Kapitel 3 – Julia

»Zachary Johnson, Zweiter Offizier, aber nenn mich ruhig Zac«, sagt der hübsche Mann vor mir mit einem sonnigen Lächeln und reicht mir seine Hand. Sie ist warm und rau – männlich.

»Ju- Julia«, stotterte ich. »Julia Perry. Ich bin Autorin und fahre mit Ihnen, um etwas zu recherchieren.«

Zac zwinkert mir zu. »Autorin. Sexy ... klingt aufregend.«

Der andere schnaubt. »Und, sollte man etwas von Ihnen kennen?« Er steht immer noch in Unterhose da, und ich weiß langsam nicht mehr, wo ich hinschauen soll. Augen, Julia, schau in seine Augen. Nicht auf die feinen Blutstropfen, die jetzt sein frisches Shirt benetzen, und auch nicht tiefer. »Barfuß durch San-Francisco hat sich ganz gut verkauft«, krächze ich. Wo ist nur meine Stimme hin? Das muss die salzige Hafenluft sein. Ich räuspere mich. »Aber ich glaube nicht, dass Sie es gelesen haben. Ich schreibe eher für Frauen.« Langsam wird meine Stimme wieder gefasster.

Der Kerl knurrt: »Klingt nach Liebesschnulze. Dann sind Sie bei unserem Surfer-Boy ja richtig.« Er wedelt mit seiner Uniformhose in Zacs Richtung.

Der lacht übers ganze Gesicht. »Ist das die neue Art, Damen an Bord zu begrüßen? Los, zieh dir deine Uniform wieder an. Außerdem hast du da was.«

Zac zeigt auf den roten Fleck auf weißem Stoff und sein Kollege gibt ein eigenartiges Knurren von sich.

»Wer hat denn Liam abbestellt, hm?« Er knöpft die Jeans wieder auf und schmeißt sie in die Ecke, ehe er wieder seine zerknitterte Uniformhose anzieht. »Hongkong, Zac, und keine Meile weiter.«

»Wenn Liam bis dahin wieder fit ist.« Zac grinst.

Oh Gott, reize ihn doch nicht noch mehr! Der tätowierte Typ sieht aus, als würde er hier gleich alles kurz und klein schlagen! Ich kralle mich an den Gurt meines Rucksackes, während sich Zac meine Reisetasche schnappt. »Viktor hat meine Ladungswache übernommen, ich zeige Julia ihre Kammer.«

Bloß raus hier. Ich husche auf den Gang und höre noch, wie uns der andere Kerl hinterherruft: »Dann kannst du gleich der Kleinen das Schiff zeigen und die Sicherheitseinweisung machen.«

Zac dreht sich zu mir um, rollt mit den Augen und geht die drei Schritte zum Schiffsbüro zurück. »Miss Perry, wenn ich bitten darf!«, sagt er mit scharfer Stimme. »Sie ist unser Gast an Bord, und du wirst sie entsprechend behandeln.«

»Dein Gast vielleicht«, knurrt er. »Meiner ganz sicher nicht.«

Irgendwo beginnt ein Funkgerät zu rauschen. Nach einem kurzen Knacken ertönt eine tiefe Stimme. »Bay zweiundzwanzig, dritte Tier

Zac kommt auf den Gang zurück und zieht die Tür hinter sich zu. »Lassen wir ihn mal in Ruhe seine Ladung machen. Der Chief ist ganz in Ordnung, wenn er nicht grad frustriert ist. Lass dich nicht ärgern.«

»Wer?«

»Der Chief. Chief-Mate, Erster Offizier.«

Ich bin so schlau wie vorher.

»Adam, der Stinkstiefel dort drinnen.« Er zeigt in Richtung des Schiffsbüros. »Er ist unser Erster Offizier, bald Kapitän – wenn er sein Patent ausfährt. Er redet immer davon, dass er aufhören will, aber das geht schon seit zwei Jahren so. Immer, wenn etwas nicht nach Plan läuft, will er hinschmeißen. Wäre schade drum. Ich gestehe es nicht gerne, doch er ist einer unserer Besten.«

»Oh, ich dachte, Sie sind ...«

»Wie gesagt, ich bin aktuell noch der Zweite Offizier. Ich brauche noch ein Jahr oder so bis zum Kapitänspatent. Kürzer, wenn Adam wirklich hinschmeißt, dann rücke ich nach. Erst Erster Offizier, dann Kapitän.«

Er sieht nicht glücklich aus bei dem Gedanken.

»Keine Lust aufs Kapitän-Dasein?«

»Geht so. Mehr Kohle, das ist nett, aber nur Bürokram. Keine Zeit mehr an Deck, keine an Land. Siehst du ja bei Adam. Dreißig Stunden hockt er jetzt schon am Stück über den Ladeplänen. Es gibt eben nur einen Ladungsoffizier. Viktor, das ist der Dritte Offizier, und ich, wir wechseln uns an Deck ab. Jetzt wäre eigentlich Zeit für eine Pause gewesen – oder eben die Sicherheitseinweisung.«

Ich blicke ihn überrascht an. »Tut mir leid, ich wollte dir nicht die Pause stehlen.«

Zac schüttelt den Kopf und seine blonde Mähne schwingt um sein hübsches Gesicht. »Ach Quatsch. Bei einer schönen Frau wie dir verzichte ich gerne auf meine Pause. Noch ein Deck, dann sind wir da.«

Wir sind mittlerweile im vierten Stock – viertes Deck, schwirrt mir Zacs Stimme im Kopf herum – angekommen. Dort sind die Kammern der Zweiten und Dritten Offiziere und der Ingenieure. Es geht weiter aufs fünfte Deck und so langsam tun mir meine Waden von den vielen Stufen weh. Die Kapitänskammer, die Kammer des Chief-Mate, die Lotsenkammer und die Eignerkammer: mein Zuhause auf Zeit, fährt es mir durch den Kopf und ich frage mich, wie lange das alles gut gehen soll. Was ist, wenn die restliche Mannschaft mich genauso wenig hier haben will wie dieser Chief-Mate? Mein Blick geht hilfesuchend zu Zac, der eine Tür aufschließt und meine Reisetasche ins Zimmer trägt. Zac bemerkt mich gar nicht richtig. Er lässt einen prüfenden Blick herumschweifen, rückt den Stuhl am kleinen Schreibtisch gerade und zieht das Bettzeug glatt. Normalerweise wäre mein erster Gedanke, dass er sich doch bitte vorher die Hände waschen sollte, bevor er mein sauberes Bettzeug anfasst, aber heute ist mir alles egal. Dass aus Love in Paradise Lost in Paradise werden soll, wird mir erst jetzt richtig bewusst. Containerschiff, kein Kreuzfahrtschiff. Ein Thriller, keine Romantik. Mir steigen die Tränen auf.

»Ich möchte mich kurz frisch machen«, murmele ich.

Zac blickt mich mitleidig an. In seinen grünen Augen könnte ich versinken, wenn ich nicht gerade meine Tränen unterdrücken müsste. »Ich hol dich in einer halben Stunde ab, okay?«, fragt er mitfühlend. Er lächelt mir noch einmal kurz zu und schließt die Kabinentür hinter sich.

Ich lasse mich aufs Bett fallen, das Zac eben noch berührt hat. Ich bin froh, alleine zu sein, und wünsche mir gleichzeitig, dass dieser umwerfend aussehende, blonde Offizier in meine Kabine zurückkehrt und mir Gesellschaft leistet. Er würde wissen, was man gegen die aufquellende Einsamkeit tun kann.

Es reicht. Ich springe auf und gehe ins Bad. Kaltes Wasser spritzt in mein Gesicht, dann beuge ich mich runter und starre auf das Waschbecken. Kaum eine Stunde an Bord und meine Fantasien gleiten zu Love in Paradise ab! Das muss aufhören. Hier ist kein Platz für Romantik. Nur ein Haufen ungewaschener Männer. So sehr das bei Typen wie Zac meine Fantasie anregt, so sehr wird sie bei Gedanken an die anderen Kerle an Bord wieder erstickt. Dieser dämliche Kerl mit seinem blutigen Oberkörper hat mich vollkommen aus der Rolle gebracht. Hoffentlich muss ich nicht mehr Zeit als nötig mit ihm verbringen. Wenn so einer es auf einen abgesehen hat, hilft auch die Fürsorge anderer heißer Typen nicht mehr.

Ich krame eine dunkelblaue Shorts und ein weißes Poloshirt aus meiner Reisetasche. Wenn ich schon nicht auf einem Kreuzfahrtschiff mitfahren darf, kann doch wenigstens mein Outfit etwas hermachen, oder? Aus meinem Kulturbeutel ziehe ich ein Haarband und drapiere es geschickt in meiner schwarzen Mähne. Zufrieden betrachte ich mich im Spiegel. Julia Perry, Thrillerautorin bei Paper-Cronwood. Ich setze eine ernste Miene auf. Vielleicht wird mir meine neue Rolle doch nicht so schwerfallen, wie ich befürchtet habe. Ich muss nur selbstbewusster auftreten, um nicht zwischen den Männern unterzugehen. Wie sollen sie mich akzeptieren, wenn ich es nicht kann und nur rumjammere?

Es klopft. Ohne eine Antwort abzuwarten, geht die Tür auf. Zac steht im Türrahmen. Die blonden Locken sind nass und er trägt eine frische Uniform. Gewaschene Männer sind mir die Liebsten. Ein frischer Duft nach einem sportlichen Duschgel weht zu mir herüber und ich sauge ihn genüsslich ein. Ich muss schnell meinen Mund schließen, damit er nicht auf genauso dumme Gedanken kommt wie ich noch vor wenigen Minuten.

»Schick siehst du aus!« Er hält mir die Tür auf. »Darf ich bitten?« Also ist er nicht nur gutaussehend, sondern auch ein Gentleman.

Ich spüre, wie mir das Blut ins Gesicht steigt, als ich mich ihm nähere. Luft holen, Julia!

»Hast du deine Papiere dabei?« Sein warmer Atem streift meine Wange, als ich mich an ihm vorbei auf den Gang schieben will.

»Was?«, frage ich völlig konfus.

»Deine Papiere? Wir müssen nochmal runter zu Adam, der macht für den Kapitän heute die Dokumente.«

Nicht schon wieder der. »Ähm ... klar. Reisepass, Impfpass ... was noch?« Ich habe mich bereits wieder umgedreht und wühle in meiner Reisetasche nach der Mappe mit den Unterlagen.

»Basic Safety, das Sicherheitstraining – den Schein hast du doch hoffentlich, oder?«

Beim Gedanken an den einwöchigen Kurs in London, bei dem Feuerlöschen und Rettungsbootfahren auf dem Programm standen, wird mir wieder schlecht. Ja, den Schein habe ich, aber er soll bloß nicht fragen, wie viele Anläufe ich gebraucht habe, um die praktische Prüfung zu schaffen. Ich nicke nur und zeige ihm die Mappe. Also nochmal zu Mr. Aggressiv rein, na toll.

»Hey Chief, Julia hat ihre Papiere mitgebracht.« Zac schiebt mich mit seinen starken Händen ins Schiffsbüro.

Der Chief hat mir den Rücken zugewandt und starrt auf irgendwelche Unterlagen. Wahrscheinlich die Ladepläne. »Legen Sie die Papiere drüben auf den Tisch.« Er deutet, ohne mich anzusehen, auf die andere Seite des Büros. Ungehobelter Klotz.

»Ach, Zac, vergiss nicht, die Musterliste neu zu schreiben, ja? Mit der Kleinen ... mit Miss Perry, meine ich.« Endlich dreht er sich um. Er betrachtet mich von Kopf bis Fuß und zieht die Augenbrauen hoch. »Wollen Sie schon wieder abmustern?«

»Wie bitte?«

»Wollen Sie Valparaíso besichtigen? Dann hätte ich Mario nicht gehen lassen.« Er spannt die breiten Schultern an und greift zum Telefon. »Ich rufe ihn an, er wird Sie abholen.«

»Was? Nein!«, winke ich völlig verwirrt ab. Wie kommt er darauf? »Ich gehe nicht von Bord. Ich habe ...« Meine Stimme versagt. Gar nicht so einfach, selbstbewusst zu bleiben, wenn ein Kerl wie der Chief einen anstarrt. »Ich habe zu arbeiten«, sage ich würdevoll. Von Bord gehen, als ob! Ich werde mit Zac an meiner Seite die Sicherheitseinweisung überstehen und dann recherchieren und schreiben, was das Zeug hält. Paper-Cronwood präsentiert: Julia Perry! Ich lächele überlegen auf den Kerl herunter, der mit frischem Hemd am Schreibtisch sitzt. Ein Verband blitzt leicht durch den dünnen Stoff durch.

Zac unterbricht unseren kleinen Machtkampf. »Wir machen jetzt die Sicherheitseinweisung.«

»In den Klamotten?«, fragt er stirnrunzelnd. »Wie sollen sich denn da die Männer auf ihren Job konzentrieren, wenn die Kleine ...« Er seufzt. »... wenn Miss Perry an Deck rumläuft wie in der Avenida Rio Grande 5?«

Verständnislos blicke ich zwischen ihm und Zac hin und her.

»Ein Bordell«, raunt er mir zu.

Ich schnappe nach Luft.

»Ist das Ihr Ernst? Sie wollen mir sagen, ich sehe aus wie eine ...« Das Wort kommt mir nur schwer über die Lippen. »Wie eine Prostituierte?« Ich trage ein verdammtes Poloshirt und keine Strapse und Korsage! Was glaubt der Kerl eigentlich, wer er ist?

»Regen Sie sich nicht auf.« Der Chief wendet sich wieder seinen Ladeplänen zu. »Meinetwegen können Sie anziehen, was Sie wollen, Miss Perry. Beschweren Sie sich nur hinterher nicht über meine Jungs.« Mir klappt die Kinnlade runter. Ist das sein Ernst?

Die Stimme des Chiefs klingt müde. Beinahe könnte er mir leidtun, doch nicht nach so einem Vergleich. Ich spüre, wie meine Ohren brennen, als ich Zac auf den Gang hinaus folge und er mich zu sich zieht. Er schüttelt den Kopf. Das soll wohl so viel wie »mach dir keine Sorgen deshalb« heißen.

»Soll ich mich umziehen?« Ich blicke ihn fragend an.

»Mir gefällst du so.« Er grinst, wird aber gleich darauf wieder ernst. »Wahrscheinlich den anderen auch, also ja, lieber umziehen.«

 

 

 

 

Kapitel 4 – Julia

 

»Brücke: sechstes Deck. Kapitän, Lotse, Eigner: fünftes Deck«, zitiere ich.

Er nickt beinahe stolz. »Weiter?«

»Der Dritte Offizier ... wie heißt er doch gleich? Viktor? Du, der Erste und Viktor – und die Ingenieure – auf dem vierten Deck. Der Bootsmann, Koch, Elektriker, ... und der Gehilfe vom Koch ...«

»Ginto, der Steward.«

»Genau. Die alle auf dem dritten Deck. Auf dem zweiten die Essens- und Aufenthaltsräume – Messen, meine ich. Und die Küche ist im ersten Deck. Außerdem der Pool, und das Gym, ... was noch?« Ich blicke ihn hilfesuchend an.

»Kühlräume und der Bonded Store. Zum Schießen, dass du dir den Store nicht merkst. Wo es Alkohol und Zigaretten gibt, weiß normalerweise jeder Neuankömmling zuerst. Die suchen noch am dritten Tag ihre Kammer, aber wo die Kippen weggeschlossen sind, merken die sich.«

»Na ja, ich rauche nicht ... und trinke sehr selten.«

Er lacht laut los. »Spätestens beim ersten Karaoke-Abend werde ich dich dran erinnern.«

»Karaoke?« Nach zwei Stunden Rundgang übers Deck und den Maschinenraum dachte ich, ich wüsste so langsam über die Gegebenheiten an Bord Bescheid.

»Die Philippino-Matrosen veranstalten jeden See-Samstag Karaoke. Irgendwie musst du dich ja unterwegs beschäftigen. Wir haben selten so hübsche Frauen dabei.« Er zwinkert mir zu, und meine Wangen fangen schon wieder an zu glühen.

Zac grinst. »Keine Angst, ich pass schon auf, dass keiner übergriffig wird. An die Komplimente allerdings wirst du dich gewöhnen müssen. Nicht jeder der Jungs hat Zeit für einen Landbesuch, da ist es ganz normal, wenn man Frauen an Bord besonders wahrnimmt.« Ich kann mir schon denken, wie diese Komplimente aussehen werden ...

Ich stapfe nach ihm die hintere Außentreppe hoch zum Freifallboot; die letzte Station der Sicherheitseinweisung. »Das ist doch ein Klischee, oder? Dass alle im Hafen sofort ins ... ins Bordell gehen?«

Er grinst und zuckt mit den Schultern.

»Das kaufen mir meine Leser niemals ab«, antworte ich entrüstet.

»Es ist die Wahrheit. Die haben alle Frau und Kind zuhause, aber sobald der Dampfer irgendwo festmacht, sind sie von Bord. Als Sicherheitsoffizier hast du dann immer die große Freude, Kondome auszuteilen. Tja, die Alternative: Wenn die Jungs sich was einfangen, Hosen runterlassen und die Spritze dahin, wo’s wehtut.«

Ich starre ihn mit großen Augen an. »Du verteilst Kondome?« Ich kann mir ein Kichern nicht verkneifen. »Wie stell ich mir das denn vor – ihr habt eine Großpackung auf Vorrat, oder wie?«

»Genau.« Er nickt ungerührt und steigt die letzten Stufen zu einem, beinahe frei hängendem, orangefarbenem, Boot hinauf. Es baumelt in einem Winkel von etwa 45 Grad hinten über dem Wasser und ist rundum geschlossen.

»Und du?« Himmel, wie soll ich die Frage stellen, die mich am Meisten interessiert? »Wenn du auf Landgang bist – gehst du dann auch ...? Und weiß deine Frau davon?« Während ich ihn das frage, kann ich ihn einfach nicht anschauen und starre stattdessen aufs Meer hinaus.

Zac hängt die Kette aus, die die Treppe vom Bootseinstieg trennt und öffnet die Tür. Stickige Luft schlägt uns entgegen. Er klettert auf den Einstieg und reicht mir die Hand. Hier gibt es keine Sicherungskette mehr. Ich blicke auf beiden Seiten des Einstiegs mindestens fünfzehn Meter in die Tiefe. Immerhin sind wir im Hafen und nicht auf hoher See. Ich verdränge meine Angst, nehme seine Hand und lasse mich auf den schmalen Einstieg ziehen. »Zuhause wartet niemand auf mich«, flüstert er in mein Ohr und meine Nackenhärchen stellen sich auf. Oh.

Ich bin ihm so nahe wie nie zuvor. Seine grünen Augen ruhen auf mir und ich schaffe es nicht, meine von ihm abzuwenden. Denn wenn ich an ihm vorbeisehe, öffnet sich die Sicht auf einen irrsinnig steilen Boden. Die Sitze des Bootes sind ebenfalls stark geneigt. Dort sollen wir im Notfall reinklettern? Ich schaue kurz über seine Schulter, bis mir ganz flau im Magen wird und konzentriere mich wieder auf seine vollen Lippen, seinen Duft nach frischem Duschgel, seine Arme, die mich stützen und mich weiter ins Boot hineinziehen ...

»Das hier vorne ist dein Sitz.« Er deutet auf die zweite Reihe. »Jetzt üben wir das Anschnallen.« Zac drängt sich an mir vorbei – es ist mir ein Rätsel, wie er sich derart leichtfüßig in diesem Boot bewegen kann – und klettert auf den mittleren Sitz. »Keine Angst, Julia. Lass dich einfach in die Sitzschale fallen.«

Ich kralle mich an den Sitzlehnen fest und quetsche mich in den engen Sitz. Zacs Hände sind scheinbar überall, als er die Gurte zusammensucht und mich festschnallt. »Fest genug?«

Ich nicke krampfhaft.

»Im Notfall wird das Boot einfach gelöst und stürzt im freien Fall ins Wasser. Wenn du nicht richtig festgeschnallt bist, besteht die Gefahr, schwerste Verletzungen davonzutragen, verstanden?«

Wieder nicke ich.

»Probiere es mal selbst. Ich sitze im Ernstfall nicht neben dir, sondern dort oben.« Er deutet auf einen einzelnen Sitz. »Ich steuere das Boot. Das heißt, du musst dich selbst festschnallen.«

Weiß er, wie sehr mich seine Anwesenheit gerade einschüchtert? Bestimmt würde ich das besser hinbekommen, wenn er mich nicht die ganze Zeit beobachten würde. Ich greife mit zitternden Händen nach den Gurten. Zac lächelt mich an und sieht mir eine Weile zu, wie ich mich abmühe. Mit ernstem Gesicht schüttelt er schließlich den Kopf und greift meine Hände. Er löst meine steifen Finger von den Gurten und massiert sie mit seinen warmen, rauen Händen. »Entspann dich. Ich wollte dich nicht nervös machen, aber das hier ist wichtig.«. Sein heißer Atem streift mein Ohr und lässt eine prickelnde Welle wie einen Schauder über meinen Rücken schwappen. Die feinen Härchen auf meinen Armen stellen sich auf und mein Herz setzt eine Sekunde lang aus. Ich hole tief Luft und fahre mir mit der Zunge über die trockenen Lippen. Ich kriege das hin. Schließlich muss ich nichts tun, als die beiden Gurte ineinander zu klicken.

Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Metall rutscht klirrend über Metall. Meine Finger verkrampfen schon wieder und ein Schweißtropfen läuft mir über die Stirn, an der Wange herunter und über den Hals bis in mein Dekolleté. Ich spüre, wie Zacs Blick an dem Tropfen hängen bleibt. Meine Augen streifen seinen Mund, der wie meiner leicht geöffnet ist. Sein Gesicht nähert sich meinem und unsere Blicke versinken ineinander. Gerade, als sich unsere Lippen berühren, rastet der Gurt ein und ich atme erleichtert aus, was mehr wie ein Stöhnen klingt.

Zac scheint es als Aufforderung zu verstehen. Er tastet nach meinem Gurtverschluss und öffnet ihn mit geübten Fingern. Dann wandern seine Hände tiefer. Er nestelt an meinem Hosenknopf, während seine Lippen meinen Hals küssen und seine Zunge mein Schlüsselbein streift.

Ich ringe nach Atem. »Nein«, wispere ich. »Nicht ... Noch nicht ...«

Er hält inne. Seine Augen nehmen meinen Willen gefangen. Er küsst mich auf die Lippen, lange, zärtlich. Dann zieht er hastig sein Hemd über den Kopf und beginnt, seine Hose aufzuknöpfen. Das geht mir alles viel zu schnell. Ich will nicht als das Flittchen an Bord bekannt werden.

»Nicht, Zac, lass das!« Ich versuche ihn wegzustoßen. Unter uns poltert es plötzlich – ihm ist wohl etwas aus der Tasche gefallen.

»Komm schon«, stöhnt er. Seine blonden Locken hängen verschwitzt in sein Gesicht. »Das hast du doch von Anfang an gewollt!«

»Mr Johnson!« In einem verzweifelten Anfall von Förmlichkeit winde ich mich an ihm vorbei aus meinem Sitz. Ich setze einen Fuß auf die steilen Stufen und rutsche auf dem Funkgerät aus, das aus seiner Tasche gefallen ist. Gerade noch schaffe ich es, mich an der Sitzlehne festzukrallen und mich so davon abzuhalten, es dem Funkgerät gleichzutun und die gesamten Stufen hinabzustürzen.

»Ach, Scheiße!« Zac rappelt sich auf, zieht das Hemd wieder über und klettert schimpfend dem Funkgerät hinterher. »Wenn das Ding kaputt ist, zieht mir das der Alte vom Bonus ab!« Er sammelt die Einzelteile auf, baut sie zusammen und schaltet es an. Während ich weiter nach oben kraxle, höre ich aus dem Rücken ein Rauschen und Knarzen ... Als ich mich gerade wieder zu ihm umdrehe, wechselt das rote Licht des Lämpchens am Funkgerät zurück auf grün – anscheinend funktioniert es wieder.

»Zac, hier Adam! Zac, hier Adam.« Stille.

Zac rollt mit den Augen. »Was will der denn schon wieder?«

»Zac, hier Adam! Zac, hier Adam.«

Zac drückt mit mehr Kraft auf den Knopf, als wahrscheinlich nötig ist. »Was?«

»Alles okay?«

»Klar, wieso nicht?« Er lässt den Knopf los und knurrt: »Der hat ja wieder ein Gespür für Timing.«

»Kanal 72.« Vom seltsam besorgten Tonfall von eben ist nichts mehr übrig. Was ich nun höre, ist der klassische Befehlston, mit dem der Chief Mate anscheinend seine Crew herumkommandiert. Zac dreht am Funkgerät.

»Second Mate – hier ist der Chief Mate«, erklingt die Stimme des arroganten ersten Offiziers.

Man wechselt in den offiziellen Ton.

»Ja, Chief, hier spricht der Second Mate.«

»Lotse um 1400. Nimm unseren Gast mit zum Mittagessen.«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich von meinem sicheren Platz am Bootseingang alles richtig verstanden habe. Irgendetwas mit einem Lotsen?

»Lotse 1400. Verstanden, ich bin achtern.«

Zac klettert zu mir nach oben. »Der Lotse kommt um zwei, dann laufen wir aus. Höchste Zeit für ein Mittagessen.« Er lächelt mich charmant an und bietet mir seinen Arm dar.

Zu verwirrt von allem, was sich eben abgespielt hat, ergreife ich seinen Unterarm und gehe an seiner Seite zur Messe.

 

 

 

 

 

Kapitel 5 – Julia

 

Das schrille Klingeln des Telefons reißt mich aus meinem Schlaf. Verwirrt blicke ich mich um. Eine karge Kammer, mein Gepäck in der Ecke ... Ich liege auf einem schmalen Bett, das so viel unkomfortabler ist als mein King-Size-Bett daheim ... hässlich gestreifte Bettwäsche ... Wo bin ich hier?

Das Telefon klingelt weiter. Ich stolpere zum Schreibtisch, an dem die Holzoptik-Folie abblättert, und greife den Hörer. »Miss Perry?« Die Stimme des Chiefs klingt gelangweilt am Telefon. Richtig, ich bin auf diesem Himmelfahrtskommando, auf das mich mein Verleger geschickt hat. Mein Gehirn kommt mit den ganzen Eindrücken nicht hinterher. Ich wollte mich nur kurz ausruhen und muss dabei wohl eingeschlafen sein. »Ähm ... ja?«, stottere ich.

»Der Lotse ist da. Wenn Sie das Auslaufen beobachten wollen, kommen Sie am besten auf die Brücke.«

»Ist gut«, murmele ich schnell. Es wird spannend. Ich hätte es mir nie träumen lassen, jemals wieder auf einem Schiff zu reisen, und wenn, dann in einer luxuriösen Passagierkabine. Dort hätte ich allerdings kaum das Auslaufen aus der ersten Reihe miterleben dürfen.

Ich tausche meine Shorts gegen lange Hosen, packe Notizbuch und Handy ein und erklimme die Stufen zur Brücke. Dort herrscht geschäftiges Treiben. Der Kapitän kontrolliert etwas, das wie ein GPS-Navigationssystem im Auto aussieht. Viktor, der Navigationsoffizier, wie er sich mir vorstellt, steht mit einer Kaffeetasse in der Hand neben ihm und erklärt in leisen Tönen die Route. Ein Matrose setzt Kaffee auf, und ein belebender Duft zieht durch den Raum. Nur der Chief Mate ist nirgendwo zu sehen. Ich atme auf. Anscheinend werden Viktor und der Kapitän das Schiff steuern, und ich muss keine komischen Blicke von dem Mann ertragen, den hier alles nur noch nervt – ich inklusive.

Wenn man vom Teufel denkt. Hinter mir öffnet sich die Tür und Mr. Macho rempelt mich an. »Pass auf! Oh, Miss Perry ...« Er knirscht mit den Zähnen, als würde es ihm schwerfallen, einen Rest an Höflichkeit zu bewahren. »Seien Sie doch so gut und gehen Sie mal einen Schritt zur Seite.« Verdattert starre ich ihn an. Offenbar reagiere ich nicht schnell genug, denn schon im nächsten Moment schiebt er mich beiseite und wendet sich dem Mann zu, den er mitgebracht hat.

Der Wachmatrose drückt sich mit zwei Tassen Kaffee an mir vorbei und bringt sie dem Chief Mate und dem anderen Mann. Unschlüssig, wo ich am wenigsten im Weg stehe, trete ich noch einen Schritt zur Seite. Fantastisch, ich werde nun überhaupt nichts mitbekommen.

»Kaffee, Miss Perry?« Der Wachmatrose ist der Einzige, der mich wahrzunehmen scheint.

»Nein, danke. Sag mal –« bevor der Matrose mich auch stehenlässt, muss ich einfach ein paar Fragen loswerden. »Kannst du mir sagen, was hier passiert? Ich habe noch nie richtig erlebt, wie so ein Schiff ausläuft.« Ich lächle entschuldigend.

»Der Chief Mate hat den Lotsen eben abgeholt«, erklärt der Matrose bereitwillig. »Und jetzt bereiten sie das Auslaufen vor. Der Dritte ...« Er deutet auf Viktor »… hat die Route geplant und geht sie nun mit dem Kapitän und dem Chief durch.« Mittlerweile haben sich alle um das Navi geschart, nur der Lotse starrt noch auf sein Tablet, auf dem eine ähnliche Anzeige blinkt. »Der Lotse kennt sich in den Küstengewässern aus. Er führt uns raus und geht dann von Bord.«

»Auf See?« Ich blicke ihn erstaunt an.

Er lacht leise. »Ja, das Lotsenboot kommt längsseits und der Lotse steigt über eine Strickleiter über.«

Ich mache eifrig Notizen in das kleine, mit Glitzerpailletten bestickte Buch, dass ich immer mit mir rumschleppe, während dem Matrosen ein leises Glucksen entweicht. Das alles klingt abenteuerlicher, als ich es mir vorgestellt habe, dabei haben wir den Hafen noch nicht einmal verlassen. »Und warum –« Ich sehe auf und blicke direkt in das finstere Gesicht des Chief Mates.

»Lassen Sie meine Männer arbeiten.« Er drückt dem Matrosen ein Funkgerät in die Hand. »Vordere Muringstation, Joseph, mit Viktor.«

Der dritte Offizier huscht an uns vorbei und nimmt Joseph mit. Ich schaue den beiden auch noch hinterher, als sich die Tür zur Brücke längst geschlossen hatte. Alles war besser, als dem Chief Mate erneut in die Augen zu sehen. Wahrscheinlich wäre ich besser in meiner Kabine geblieben.

Er räuspert sich. Verdammt, nun habe ich keinen Grund mehr, ihn zu ignorieren. »Miss Perry, kommen Sie lieber mit auf die Backbord-Nock, dort sehen Sie besser. Außerdem kann ich Ihnen dann leichter erklären, wie das Manöver abläuft. Deswegen sind Sie doch hier, oder?«

Bitte? Ich muss mich sehr zusammenreißen, um nicht meine Augenbrauen hochzuziehen. Ich trotte ihm hinterher auf den seltsamen kleinen Balkon an der Schiffseite, den er als »Nock« bezeichnet hat. Von hier aus wird das Schiff anscheinend gesteuert, zumindest beim Ablegen, wie der Chief erklärt. Er betätigt den Steuerknüppel und gibt gleichzeitig Anweisungen über Funk. An Deck bei den hinteren Seilen sehe ich Zac, der drei Matrosen wild gestikulierend durch die Gegend scheucht.

Ich habe kaum Zeit, ihn mir genauer anzuschauen, da ertönt die heisere Stimme des Chiefs: »Achterliche Muringstation.« Dann blickt er mich wieder an. »Vorne ist Viktor. Das ist die ständige Aufteilung. Der Kapitän fährt meistens das Ablegemanöver, aber heute bin ich an der Reihe.« Er spricht erneut etwas ins Funkgerät hinein.

»So, Miss Perry, ich muss mich konzentrieren.« Er unterdrückt ein Gähnen und reibt sich mit der Hand über die Augen. »Gehen Sie mal rüber auf die Nock an der Steuerbordseite ..., ähm rechts«, sagt er. »Dort können Sie die Schlepper beobachten.«

Damit bin ich entlassen. Er blinzelt hastig, als könnte er damit seine Müdigkeit vertreiben, und ignoriert mich vollständig. Seine Aufmerksamkeit gilt lediglich der Steuerung und seinem Funkgerät.

Erst, als ich mich umdrehe, sehe ich den Kapitän hinter uns stehen, der den Chief mustert. Ist das so etwas wie eine Prüfung hier?

Ich gehe auf den Balkon an der anderen Seite und schaue zwei Booten zu, die an unserer Freya angebunden wurden. Sie ziehen uns von der Pier weg. Ein flüchtiger Blick quer durch die leere Brücke zeigt mir den Chief Mate, der immer noch konzentriert auf das Geschehen schaut. Sein dunkles Haar hat er etwas zurückgekämmt. Er wirkt hochkonzentriert, während er die Stirn kräuselt und auf seiner Lippe herumkaut.

Als die Tür laut zuschlägt, zucke ich zusammen. Der Matrose, Joseph, ist wieder da und reißt mich aus meiner Starre. Er nickt mir grüßend zu und stellt sich ans Steuer auf der Brücke. Einen Moment später kommt der Lotse von der Nock herein, gefolgt vom Kapitän und dem Chief Mate. Die Falten auf seiner Stirn sind wieder geglättet, dann gab es wohl keine Probleme beim Ablegen. Ich folge ihnen auf die Brücke, bleibe aber an der Tür stehen. Ich will mir nicht wieder vorwerfen lassen, ich stünde im Weg herum.

Der Chief macht hinten an einem Schreibtisch Eintragungen in ein Buch und dreht sich dann zu mir um. Seine Hand schießt ihn die Höhe und ich meine, den Anflug eines Lächelns zu sehen, als er mich zu sich winkt.

Ich lächle verlegen zurück und gehe zu ihm.

»Joseph steuert jetzt und der Lotse gibt Anweisungen. Wenn wir draußen auf See sind, können Sie auch mal steuern.« Ein kurzes Lächeln huscht erneut über sein Gesicht. Trotz der Müdigkeit, die auf seinen Zügen lastet, schimmern seine Augen in einem warmen Goldbraun, das direkt in mein Herz zu blicken scheint und die Nervosität wahrnimmt, die allein der Gedanke daran, ein solches Schiff zu steuern, in mir hervorruft.

Sein Blick wandert von meinen Augen zurück zum Schreibtisch und ich erkenne das Logbuch vor ihm, in dass er etwas einträgt. »Positionen«, sagt er. »Die schreiben wir unter Land alle sechs Minuten auf.« Er blickt mich abschätzend an. »Haben Sie schon einmal GPS-Positionen gelesen? Länge, Breite und so?«

Ich denke an den Plot zu Love in Paradise, für den ich eine Karibik-Route recherchiert und versucht habe, die GPS-Positionen auf der Karte wiederzufinden. »Ähm ...«, mache ich unbeholfen. Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf steigt.

Er schmunzelt wieder und gegen meinen Willen werden meine Knie weich. Das ist bestimmt nur der Aufregung des ersten Tages zuzuschreiben, ermahne ich mich. Der Chief tut nur so nett, weil der Kapitän mit im Raum ist. Wären wir alleine, hätte er sicher –

»Sie können das eintragen, bis wir auf See sind. Alle sechs Minuten, nicht vergessen.« Er drückt mir den Kugelschreiber in die Hand und deutet auf die GPS-Positionen, die auf dem Navigationsgerät durchlaufen. »Längengrade dreistellig, Breitengrade zweistellig, kriegen Sie das hin?«

»Bestimmt«, murmle ich und starre ihm hinterher. Er lässt mich mit dem Stift in der Hand vor dem Logbuch stehen und setzt sich vorne auf einen der beiden gepolsterten Sessel mit Ausblick nach draußen. Der Lotse hat in dem anderen Sessel Platz genommen und quatscht ihn voll. Joseph am Steuer muss stehen, genau wie ich. Ich grummele in mich hinein. Ganz klar, wer hier welchen Status hat.

Die Tür schlägt auf und ich fahre herum. Der Kapitän betritt die Brücke – mir ist gar nicht aufgefallen, dass er verschwunden war. Er geht nach vorne zum Chief. »Gute Leistung. Sauberes Ablegemanöver. Schon das fünfte in Folge. Noch ein paar davon, Chief, und Sie werden mich ablösen können.« Er grinst und scheint sich schon im wohlverdienten Ruhestand zu sehen. Zu gern würde ich die Reaktion des Chief Mates sehen, der mir seinen durchtrainierten Rücken zeigt. Ob er stolz auf seine Leistungen ist?

»Holen Sie mir mal Viktor auf die Brücke, der soll übernehmen. Sie legen sich hin, ich passe auf, dass der Dritte keinen Unfug baut. Ihr Tag war lang genug«, befiehlt der Kapitän.

Lang genug – was hatte Zac beim Mittagessen erzählt? Der Chief war seit dreißig Stunden auf den Beinen? Ich schüttelte den Kopf. Ausbeutung. Keiner kann dreißig Stunden am Stück arbeiten und dann noch ein Schiff ordentlich ablegen.

Gegen meinen Willen kommt Respekt für den Mann auf, der ein »Danke« murmelt, sich durch seine schwarzen Locken fährt und dem Kapitän seinen Platz überlässt. Als er zur Tür geht, zuckt ein erleichtertes Lächeln für den Bruchteil einer Sekunde über sein Gesicht. Dann schließt sich die Tür hinter ihm.

Leise seufzend wende ich mich schnell wieder den Positionen zu. Die sechs Minuten sind soeben vorbei, und wenn ich mich selbst nach nur zehn Stunden auf den Beinen nicht mehr auf meine winzige Aufgabe konzentrieren kann, werde ich wohl bald keine mehr übertragen bekommen, und das wäre meiner Arbeit nicht besonders zuträglich.

 

Kapitel 6 – Julia

 

Ein bisschen fühlt es sich nach Klassenfahrt an. Im Speiseraum, der Messe, lärmen beim Frühstück alle durcheinander. Es ist halb acht Uhr morgens und am Nachbartisch findet wildes Stühlerücken statt. »Die machen sich bereit für ihre Wache. Umziehen und so, das dauert«, erklärt der Kapitän, als er den Steward herbeiwinkt. »Mach mir mal noch zwei Rühreier, Ginto.«

Der Steward nickt und huscht wieder in die Küche.

»Um acht geht es an Deck los, und wenn der Chief Mate runterkommt, müssen die parat stehen.«

»Der Chief Mate ... aber hat er nicht jetzt gerade Wache? Hat er dann nicht Feierabend?« Ich konsultiere mein Notizbuch, das ich überall mit hinnehme. »Hier, Erster Offizier, vier bis acht. Auf See.« Ich darf gar nicht daran denke, wie sie ihn im Hafen ausbeuten, was die Arbeitszeit angeht. Auf See sind es wenigstens nur die zweimal vier Stunden Wache.