Bauer gesucht,

Traummann gefunden

 

Lisa Summer

 

Inhalt

Danke für Nichts

Theo, spann den Wagen an

Der Deal ist im Sack

Montags leider Ruhetag

Plötzlich war ich Nutzvieh

Zwischen Hühnern und Ziegen steht irgendwo ne Kuh

Wer braucht schon Terminabsprachen?

Von Schokobons und Liebesfrust

Kaviar statt Sauerbraten

Willkommen, kleine Uschi

Leben wie im Tatort

Meine Date-Schnüffler-Nase spinnt bestimmt

Plötzlich trug ich die Scheuklappen

Walther vs. Reinmar

Vögel sind nur Vögel

Frau Krüger, die Furie

Ich war ein Sieb

Eigentlich uneigentlich

Kuhküsse

Kurz vorm Höhepunkt

Vorbereitungen mit Hindernissen

Hoch zu Ross

Lena und Nina – Events mit Herz

Montage

Leseprobe: High Seas – Verloren im Paradies

Kapitel 1 − Katie

Kapitel 2 – Katie

Kapitel 3 − Matt

Kapitel 4 – Katie

Newsletter

Impressum

 

Danke für Nichts

 

»Nina, könnten Sie kurz in mein Büro kommen? Es wartet Arbeit auf Sie.«

Ich streckte den Rücken durch und blickte in das müde Gesicht meiner Chefin, die sich gleich darauf umdrehte und zurück durch die Tür stakste. »Natürlich«, sagte ich seufzend und folgte ihr. Die letzten drei Wochen lief es ziemlich mau für die Agentur. Wir hatten uns voll darauf konzentriert, ein Musikfestival zu organisieren sowie eine Reihe von Hochzeiten für eine Fernsehshow, und dann – dann ist beides ins Wasser gefallen. Die TV-Show abgesetzt und das Festival ist dank drei Tage Dauerregen an dem Wochenende tatsächlich baden gegangen. Seitdem hatte meine Chefin ihre gute Laune verloren und ließ dies gerne mal an mir aus, als wäre es meine Schuld gewesen, dass die Hochzeitsshow aus dem Programm gestrichen wurde.

Frau Krüger saß schon wieder mit übereinandergeschlagenen Beinen hinter ihrem Schreibtisch und sah mich streng an. Doch dann lächelte sie. »Ich weiß, wir hatten es nicht leicht in den letzten Wochen und ich war oft etwas zu grantig zu Ihnen, aber nun scheint es ja wieder bergauf zu gehen.« Der Knoten ihres Haares saß fest, während sie sich nach vorne beugte und in ihren Unterlagen herumwühlte. »Ah, hier ist er ja.« Sie hielt mir eine gelbe Mappe mit dem neuen Auftrag hin. Gelb – das waren Geburtstage. Normalerweise plante ich Hochzeiten.

Ich schlug die erste Seite, auf der der Auftrag stand, auf und runzelte die Stirn. »Seit wann organisieren wir auch Kindergeburtstage? War Ihr Motto nicht immer ›Party erst ab sechzehn‹?«

Frau Krüger wackelte mit dem Kopf. »Schwierige Zeiten erfordern manchmal unangenehme Maßnahmen. Kümmern Sie sich darum. Die Eltern sind langjährige Kunden von uns, auch wenn wir bisher eher Dinnerpartys mit extra Showeinlagen für sie veranstaltet haben.« Dinnerpartys − dann konnten sie nicht arm sein.

Ich blätterte durch die Seiten. Die reichen Schnösel waren immer die kompliziertesten Kunden. Leider aber auch die, die am besten zahlen konnten. »Was genau stellen die sich für die Feier vor?«

»Steht auf Seite drei. Sie wollen die Feier gerne auf einem Bauernhof organisiert haben, die Zwillinge wünschen es sich so. Trotzdem soll auf ein wenig Prunk nicht verzichtet werden. Also denken Sie sich etwas Hübsches aus. Die Familie erwartet einen ersten Entwurf ihres Plans am Montag, dann können Sie ihnen auch die Location zeigen.«

Innerlich seufzte ich, während ich die Augenbrauen hob und zurück zu meinem Schreibtisch ging, den Auftrag weiterhin studierend. Ponnyreiten, Hüpfburg, Melken und Tiere streicheln standen ganz oben auf der Wunschliste. Außerdem sollte jemand die Kinder schminken und es musste für ein reichhaltiges Buffet gesorgt sein. Puh – was Kindergeburtstage anging, kannte ich mich null aus. Bis jetzt hatte ich nie viel mit Kindern zu tun gehabt, vielleicht lag es daran, dass ich selbst so schnell erwachsen werden musste.

Ich setzte mich an den Computer und googelte nach passenden Bauernhöfen. Tatsächlich gab es einige Erlebnisbauernhöfe in der Region, die solche Sachen anboten. Mein Blick fiel wieder auf die Unterlagen – hundertfünf Kinder plus Eltern ... wollten die die ganze Schule einladen? Wie alt waren die Kleinen überhaupt? Ich blätterte wieder ein paar Seiten zurück. Der sechste Geburtstag stand an. Dann war es vermutlich tatsächlich der ganze Kindergarten.

Ich griff zum Telefon und klingelte mich durch die einzelnen Leitungen. Ferienhof Marx war für das Wochenende ausgebucht, genauso der Victorhof. Die nächsten drei hatten keinen Platz für so viele Kinder und zwei andere arbeiteten grundsätzlich nicht mit Agenturen zusammen. Das konnte noch ein schöner Spaß werden.

Als die Uhr endlich fünf anzeigte, gab ich die Suche vorerst auf. Beinahe zwei Stunden hatte ich in den Leitungen gehangen und noch nicht eine Zusage erhalten. Der Geburtstag sollte bereits in acht Wochen stattfinden, viel zu früh, um so schnell noch etwas zu finden.

Ich kannte viele Höfe von früher. Meine Eltern waren gefühlt mit fast allen Landwirten in der Eifel befreundet gewesen, aber keiner hatte einen Eventhof, der auf solche Feierlichkeiten ausgelegt war. Theoretisch war es kein Problem, alles extra zu organisieren, solange das nötige Kleingeld stimmte.

Sachte klopfte ich an Frau Krügers Tür. Sie sah mich genervt an, als ich eintrat. »Was ist denn? Haben Sie nicht schon Feierabend?«

»Ja, ich will auch gleich gehen. Es geht um den Kindergeburtstag.« Ich wedelte mit der gelben Mappe in der Hand.

»Was ist damit?«

»Kein einziger Bauernhof in der Region hat die nötigen Kapazitäten an dem Wochenende. Meinen Sie, die Eltern wären bereit, den Termin weiter nach hinten zu verlegen? Acht Wochen sind wirklich nicht mehr lang.«

»Das bezweifle ich, sie feiern bereits zwei Wochen nach dem tatsächlichen Geburtstag, damit das Ganze vor die Sommerferien fällt. Tut mir leid, Nina, aber diese Kunden sind wichtig, also lösen Sie das Problem!«

Innerlich rollte ich mit den Augen. »Ich könnte bei den normalen landwirtschaftlichen Betrieben nachfragen, ob jemand für eine solche Veranstaltung Platz und Zeit hätte, aber das würde auch bedeuten, dass wir sehr viele Externe anmieten müssten. Sie wissen, was das kostet. Eventuell müssen wir auch an den Ställen etwas verändern, es muss alles sauber sein.«

»Nina, hören Sie auf zu reden und kommen Sie her.« Meine Chefin winkte mich ungeduldig zu sich und zeigte auf ein Feld ganz unten im Vertrag auf ihrem Bildschirm. »Sehen Sie diese Zahl? So viel ist Familie von Thunstein bereit, zu zahlen. Was sagt Ihnen das?« Eine Antwort ließ sie nicht zu. »Genau, dass wir tun können, was wir tun müssen. Die von Thunsteins sind nicht nur adlig, sondern vor allen Dingen auch Unternehmer. Die wissen, was ein gutes Event kostet. Also finden Sie gefälligst einen Bauernhof oder eröffnen Sie selbst einen, wenn es sein muss. Und nun, genießen Sie den Feierabend. Bis Freitag will ich eine Location haben.«

Ich schluckte. Freitag war in zwei Tagen. »Ich krieg das schon irgendwie hin«, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu ihr.

Im Februar hatte ich die Agentur gewechselt und langsam war ich mir nicht mehr sicher, ob das wirklich sinnvoll war. Die Bezahlung hier war zwar wesentlich besser und es gab saftige Provisionen, aber dafür hatte ich nun Frau Krüger am Hals. Sie war uns Angestellten eine Furie gegenüber, doch die Kunden liebten sie. Sie arbeitete nur mit der High Society aus NRW zusammen. Events für Unternehmen standen ganz oben auf ihrer Liste. Aber auch Hochzeiten für Prominente, die ich normalerweise mitorganisierte, gab es schon viele. Die letzten Monate waren wir vor allem mit der TV-Show beschäftigt und mussten deshalb sogar einige Aufträge ablehnen. Und nun hatten wir den Salat.

Ich stieg in meinen Mini und ließ meine rote Tasche auf den Beifahrersitz fallen. Dann schnallte ich mich an und düste los. »Siri, rufe Lena an«, sagte ich deutlich und im nächsten Moment sprang das Display meines iPhones an und Lenas Bild erschien darauf.

»Hey Süße, was gibt’s?« Es tat immer gut, ihre Stimme zu hören.

»Hey, hast du gerade Zeit, oder störe ich?«

»Ne, passt schon. Hab gerade nicht viel zu tun.« Seit Lena mit meiner alten Agentur eine neue Auftraggeberin für ihren Grafikservice eingefangen hatte, lief es relativ gut die letzten Monate für sie. Zusätzlich hatte sie sich noch ein zweites Standbein als Coverdesignerin aufgebaut, um gut über die Runden zu kommen.

»Ich wollte bloß wissen, ob für Janas Party schon alles steht. Hast du gefragt, ob wir den kleinen Raum in der End Art mieten können? Ansonsten würde noch das Festzelt bei deiner Tante gehen. Aber das ist halt ziemlich im Nichts. Da wäre Düren besser. Es kommen ja doch viele aus Köln, die dann nachts mit dem Zug zurückwollen.«

»Alles gut. End Art geht klar. Ich weiß, du bist eigentlich unsere Planerin, aber ich kriege das schon hin. Die Einladungskarten sind auch fertig. Das wird ein geiler fünfundzwanzigster Geburtstag. Warum hab ich eigentlich nicht so eine große Feier bekommen?«

»Weil deine Familie dir den Spaß nicht zum Examen geschenkt hat«, sagte ich schnippisch und wir mussten beide lachen. Jana hatte, was das liebe Geld betraf, sich tatsächlich noch nie Sorgen machen müssen.

»Stimmt auch wieder ... also von meiner Seite aus klappt alles. Was gibt es sonst Neues bei dir? Du klingst gestresst.« Gestresst war das falsche Wort. Eher genervt.

»Ich soll einen Kindergeburtstag organisieren. Verdammt, ich bin Hochzeitsplanerin und Eventmanagerin, keine Nanny. Was denkt sich die Krüger? Und, halte dich fest, der ganze Mist soll auf einem Bauernhof spielen. Du weißt, was für eine Hölle das für mich ist. Wie kann diese Familie nur freiwillig ihre Kinder dem Untergang weihen?« Ich bremste etwas zu heftig an der roten Ampel und sah die Fußgänger störrisch an. Konnten die nicht schneller machen?

»Ach Nina, sei nicht kindisch. Hast du deiner Chefin gesagt, was damals passiert ist?«

»Nein, und das geht sie auch nichts an. Wer hat schon Angst vor Tieren? Ich hoffe nur, dass es keine Ziegen dort gibt. Mit dem Rest kann ich inzwischen immerhin halbwegs leben. Aber ich habe sowieso noch keine Location. Alle Ferien-, Event- und Erlebnisbauernhöfe, oder wie sie sich sonst noch nennen, sind ausgebucht oder zu klein. Rate mal, wie viele Personen kommen sollen.«

»Keine Ahnung. Bei einem Kindergeburtstag vielleicht zwanzig. Oder vierzig mit Eltern?«

Ich schnaubte. »Häng noch eine Null hinter die zwanzig. Zweihundert! Lena, zweihundert Gäste für eine Kinderparty. Hundertfünf Kinder plus Eltern. Das ist doch krank. Und die haben ein Budget von zweihundert Euro pro Kopf angegeben. Das sind 40.000 Euro für einen Kindergeburtstag, und dann kommt unsere Provision noch oben drauf.«

»Um Himmelswillen. Sind das irgendwelche Promis und das kommt wieder im Fernsehen?«

»Dann könnte man das ja noch halbwegs verstehen, aber ne, so adlige Unternehmer aus Nideggen. Glaube Baugewerbe.«

»Aber was wollen die denn auf einem Bauernhof? Feiert man da nicht eher auf einem Schloss? Die könnten sich doch auch das Spieleland in Bubenheim mieten. Die Eltern können sich in der Burg entspannen und die Kinder auf dem Spielplatz austoben.«

Ich bog in meiner Straße ein, schaltete den Motor ab und nahm das Handy an mein Ohr. »Frag mich nicht. Wahrscheinlich haben die im Kindergarten gerade Bauernhoftiere durchgenommen oder so. Am Montag werde ich mich mit denen treffen. Zumindest, wenn ich bis dahin eine Location habe. Fällt dir denn noch eine ein?«

»Du bist die Bauernhof-Expertin, ich bin da überfragt«, gestand meine beste Freundin.

Ich knallte die Fahrertür zu, lief zum schmalen Haus, in der meine Wohnung lag und öffnete die Tür.

»Na ja, ich bin jetzt daheim. Falls dir doch ein Hof einfällt, kannst du dich ja melden. Ansonsten steht unser Date am Samstag zum Brunchen noch, oder?« Ich betrat meine Wohnung und schmiss den Schlüssel achtlos auf die Malm Kommode im Flur.

»Ja, Jana hat auch Zeit. Wo wollen wir hin?« Die nächste gute Frage.

»Ich hätte noch mal Lust auf Extrablatt, aber ich weiß nicht, ob das nicht zu weit weg ist. Ansonsten könnt ihr aber auch gerne zu mir kommen. Bei dir wird es ja bestimmt nicht gehen, oder seid ihr schon mit Renovieren des Anbaus fertig?«

»Schön wäre es. Wir hätten beinahe eine tragende Wand am Wochenende eingerissen. Zum Glück hat Flos Vater das noch rechtzeitig gemerkt. Aber wir arbeiten auch gerade beide in Vollzeit, auch wenn das für mich mit dem ganzen Baustaub nicht leicht ist. Ich geh jetzt oft runter zu seiner Mutter und setz mich dort in die Küche. Glücklicherweise soll mein Arbeitszimmer als erstes fertig werden.«

»Ich drück dir die Daumen. Dann kommt einfach zu mir am Wochenende. Ich muss jetzt Schlussmachen. Mein Magen treibt mich in den Wahnsinn. Ich hab bestimmt seit neun Stunden nichts mehr gegessen. Wir sehen uns dann«, meinte ich.

»Ja, und erzähl nächste Woche, wie es mit dem Bauernhof lief. Klappere doch mal die normalen Höfe ab. Die stehen bestimmt im Telefonbuch.«

Ich lächelte in mich hinein. Damit stand mein Plan für den morgigen Tag wohl fest. »Mach es gut.«

»Tschüss.«

Geschafft wusch ich mir die Hände und ließ mich auf meine Couch sinken. Im Fernsehen lief nichts, also machte ich Netflix an und ließ irgendeinen Film im Hintergrund laufen, während ich mir eine Pizza in den Ofen schob. Zum Kochen war ich heute zu kaputt – oder zumindest zu sehr mit den Nerven am Ende. Warum musste es ausgerechnet ein Bauernhof sein? Ich hasste diese Dinger, auch wenn ich selbst auf einem großgeworden war. Aber die kleine Nina, die sich von einer Herde Ziegen fast tottrampeln ließ, die gab es nicht mehr. Diese kleine Nina hatte ich abgelegt, als meine Eltern starben und ich endlich von diesem schrecklichen Hof und seinen Tieren wegkam. Ich hatte mir damals geschworen, niemals mehr den Fuß auf einen Hof mit Tieren, einem Tierpark oder sonst irgendetwas in dieser Art, zu setzen. Und nun sollte ich eine Feier mit Ponyreiten, Melken und Tierestreicheln organisieren. Meine persönliche Hölle wartete auf mich.

 

Theo, spann den Wagen an

 

Langsam bekam ich die Krise. Meine ganz persönliche Bauernhof-Krise, als hätte ich die nicht schon seit meiner Kindheit gehabt. Nach mehreren erfolglosen Telefonaten am Morgen hatte ich mich dazu entschieden, die nächsten Höfe persönlich zu besuchen, in der Hoffnung, dass die Besitzer mich noch aus meiner Kindheit kannten und so etwas offener für ein Gespräch waren. Bisher hatten nämlich alle gleich wegen zu hoher Auflagen abgesagt, dabei war ich mir sicher, alles so hinzubekommen, dass es passte und mir die eventuell nötigen Bescheinigungen von der Stadt zu besorgen.

Ich fuhr auf den dritten Hof in Nideggen, dessen Tor weit geöffnet stand und parkte vor dem Haupthaus. Die Mayers waren damals ziemlich eng mit meiner Mutter befreundet gewesen, mit meinem Vater kamen sie nicht so gut klar. Trotzdem waren wir oft hier zu Besuch. Vor allem die Großeltern hatten mich stets wie ihre eigenen Enkel behandelt. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie die ganze Familie auf die Beerdigung meiner Eltern kam. Seitdem hatten wir uns nicht mehr gesehen.

Etwas nervös, auch wenn ich selbst nicht genau sagen konnte, warum, stieg ich aus und sah mich um. Zweihundert Leute hätten hier locker Platz und Pferde hatte ich auf der angrenzenden Koppel ebenfalls bemerkt. Ich ging rüber zum Eingang des Haupthauses und klingelte. In der Küche brannte Licht. Als Kind war ich so oft hier. Die Mayers waren wie Familie für mich gewesen, bis sich der Kontakt irgendwann verloren hatte, als ich älter wurde.

Ich hielt meine Hand über die Augen und versuchte durch die grüngestrichenen Gitter, die vor dem Fenster hingen, an der Gardine vorbei nach drinnen zu gucken. Außer einer getigerten Katze, die auf dem Tisch lag, war niemand zu sehen. Schulterzuckend drehte ich mich um und blickte über den Hof. Rechts von mir waren zwei Ställe. Früher hatten die Mayers hier Hühner und im großen Stall ein paar Kühe stehen, mit denen sie sich nur selbstversorgt hatten. Inzwischen schien am Ende des Stalls noch angebaut worden zu sein. Auf der anderen Seite des Haupthauses war immer ein Schuppen gewesen, in dem die Traktoren gestanden hatten. Jetzt war dort ein großes, neues Schiebetor angebracht, das mir die Sicht versperrte. Gegenüber mussten heute noch mehr Ställe sein, zumindest sah es von hier aus so aus. Mir fiel auf, dass auch das Haupthaus renoviert war. Draußen erstrahlte es wie frisch gestrichen und auch die Küche sah sehr viel moderner aus, als ich sie in Erinnerung hatte.

Ich lief rüber zu den Ställen und zog die schwere Holztür auf. Vertrauter Geruch schlug mir entgegen und trieb mir Tränen in die Augen. Seit dem Autounfall hatte ich ihn nicht mehr so bewusst wahrgenommen. Ich wischte mir eine Träne mit dem Handrücken weg und rieb mir die Augen. Fast zehn Jahre war der Unfall inzwischen her und seit mindestens fünfzehn Jahren war ich nicht mehr hier gewesen.

Alles sah viel neuer aus als in meiner Erinnerung. Die Hühner hatten sich sichtlich vermehrt und ihr Gegacker drang in meine Ohren. Nach hinten hin konnten sie offenbar raus auf die angrenzende Wiese neben dem Haus. Früher hatte das Grundstück den Nachbarn gehört − falls man bei mehr als zweihundert Metern Entfernung davon sprechen konnte − offenbar hatten sie es inzwischen abgegeben.

Ich drehte mich um und starrte auf eine Melkanlage. Also hatten Mayers sich ihren Traum noch erfüllt. Ich hatte so ein Teil noch nie benutzt, bei uns ging damals alles noch per Hand. Hinter mir bemerkte ich plötzlich Schritte und einen Schatten im Fenster. Im nächsten Moment spürte ich den Windzug der sich erneut öffnenden Stalltür.

»Was machen Sie hier?« Die Stimme klang tief und viel arroganter als die des alten Herrn Mayer.

»Ich möchte zu Herrn Mayer und−«, ich brach ab, als ich mich umdrehte und in ein vertraut verhasstes Gesicht blickte. »Theo?«, fragte ich mit gerunzelter Stirn.

Theo sah mich kurz eindringlich an, stutzte dann leicht und lehnte seine Heugabel am Türrahmen an. »Nina? Was machst du hier? Mein Vater ist vor drei Jahren abgehauen, was willst du von ihm?«

Ich schüttelte überrascht den Kopf. »Wieso dein Vater? Ich wollte eigentlich zu deinem Großvater, Igor. Kannst du mich zu ihm bringen? Ich muss etwas Wichtiges mit ihm besprechen.«

Theo neigte den Kopf und starrte kurz auf seine Stiefel. »Opa ist seit sechs Jahren tot. Lebst du immer noch dermaßen in deiner eigenen kleinen Welt, dass du nichts um dich herum mitbekommst?«

Jetzt kam ich mir richtig beschissen vor. Seine Großeltern hatten so viel für mich getan, mir sogar bei der Beerdigung geholfen, und ich wusste nicht einmal, dass Igor verstorben war. »Und deine Oma?«

Theo strich sich durch sein schwarzes, verstrubbeltes Haar und griff nach der Heugabel, um sich auf ihrem Stiel abzustützen. »Ist ihm ein Jahr später gefolgt.« Bitterkeit und Trauer schwangen in seiner Stimme mit.

»Das tut mir so leid«, sagte ich und ging einen Schritt auf ihn zu.

Er richtete sich sofort wieder auf und drückte den Rücken durch. »Das muss es nicht. Ist ja nicht deine Schuld. Opa hatte Blasenkrebs und Oma ... ich glaube, sie hat die Einsamkeit umgebracht. Ich bin jetzt für den Hof zuständig. Wir hatten erst überlegt ihn zu verkaufen, aber dann hab ich meiner Mutter gesagt, dass ich das hier schon hinbekomme. Sie hilft am Wochenende und nachmittags im Hofladen. Aber deswegen bist du bestimmt nicht hier. Also, was willst du?« Theo und ich waren damals alles andere als beste Freunde gewesen, obwohl wir im gleichen Alter waren. Ständig hatte er mich mit meiner Angst aufgezogen. Kam ja auch nicht oft vor, dass ein Bauerskind Angst vor den eigenen Tieren hatte.

»Ähm, ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast«, begann ich, unschlüssig, wie ich ihm am besten die Situation erklären sollte. »Ich bin inzwischen Eventmanagerin und aktuell auf der Suche nach einem Bauernhof für eine größere Geburtstagsfeier.«

»Willst du hier nen Kindergeburtstag veranstalten, oder was?«

Ich nickte. »Sozusagen. Nur in einer etwas anderen Größenordnung als man das normalerweise tut.«

Theo hob skeptisch die Augenbrauen. »Und die wäre?«

»Puh«, machte ich und sah bereits die nächste Absage auf mich zu steuern. »So zweihundert Personen mit allem Pipapo ...«

»Ein Kindergeburtstag, für zweihundert Personen? Sind das Madonnas Kinder oder was?«

Verlegen kratze ich mich am Hals. »So ähnlich ... reiche Unternehmerfamilie. Es würde auch gut was für dich rausspringen.«

Er leckte sich über die vollen Lippen. »Wie viel?«

Ich zuckte mit den Schultern. Die Location war eigentlich immer das teuerste mit Essen und Getränken. »Zehntausend? So ungefähr?«

Ihm klappte der Mund auf. Doch dann schloss er ihn wieder und musterte mich. Ich hasste es, wenn man mich zappeln ließ. »Zehntausend ... okay. Das ist – viel. Hast du eine Karte oder so? Dann bespreche ich das mit meiner Mutter und unseren zwei Angestellten.«

Automatisch huschte ein Grinsen über mein Gesicht, das sofort erstarb, als neben mir eine Kuh muhte und mir kurz einen kleinen Schreckensschauer über den Rücken trieb. Ich zuckte zusammen, fing mich aber zum Glück wieder recht schnell. Trotzdem schien ihm meine Regung nicht entgangen zu sein.

»Immer noch Angst, was?« Theo verdrehte die Augen und mir wurde wieder bewusst, wie sehr ich seine Anwesenheit als Kind verachtet hatte.

»Glaub mir, hättest du auch, wenn du dasselbe wie ich erlebt und deine Einschulung verpasst hättest, weil du mit gebrochenen Rippen bewusstlos im Krankenhaus lagst.«

Sein Kehlkopf trat deutlich hervor, als er schluckte. »Das hast du nie erzählt.«

»Ging dich ja auch nichts an«, konterte ich und wühlte in meiner Tasche nach dem Etui, in dem meine Visitenkarten steckten. »Hier«, sagte ich, als ich es endlich gefunden hatte und ihm ein Kärtchen entgegenstreckte.

Er nahm sie entgegen und kurz berührten unsere Fingerspitzen sich. Dabei verpasste er mir einen kleinen elektrischen Schlag. Instinktiv zog ich meine Hand von ihm weg und er sah mich wieder misstrauisch an. Dann schüttelte er den Kopf, als wäre ich verrückt. »Ich melde mich bei dir, sobald ich mehr weiß.«

Ich nickte. Immerhin bestand hier die kleine Hoffnung, dass er ja sagen würde. Die Renovierungen hatten mit Sicherheit ein großes Loch in die Kasse gerissen, und von der Größe her würde es perfekt passen.

»Ich muss jetzt weitermachen. Aber du hörst von mir, versprochen.« Theo schien mich zu mustern. Es überraschte mich, dass er mich überhaupt erkannt hatte. Ich dachte, ich hätte mich sehr verändert.

»Danke. Es ist wirklich nicht leicht, dermaßen kurzfristig etwas zu finden. In zwei Monaten soll es schon soweit sein.«

»Verstehe. Wie gesagt, ich melde mich.« Er ging an mir vorbei in Richtung der Kühe und ließ mich allein zurück.

Tief einatmend hielt ich draußen inne und genoss die saubere Luft. Es kam mir vor, als hätte ich drinnen den Atem angehalten. Zwar roch man auch hier noch deutlich den Stallgeruch, jedoch lange nicht so stark wie drinnen. Ich blieb vor meinem Wagen stehen und versuchte mir vorzustellen, wie alles für die Feier aussehen könnte. Eine Hüpfburg dort hinten, daneben der Stand zum Schminken. Vor dem ehemaligen Schuppen könnten wir einen Toilettenwagen stellen und vor dem Haupthaus das Buffet aufbauen. Ein Zapfwagen für die Getränke war sicherlich auch sinnvoll. Die Damen wollten bestimmt Wein und Champagner, aber für die Männer wäre ein Fass Bier sicherlich nicht schlecht. Aber das würde ich alles noch mit der Familie von Thunstein besprechen. Jetzt hoffte ich erst einmal, dass Theo schnellstmöglich zurückrufen und zusagen würde. Es war nur eine kurze Veranstaltung. Ein paar Tage Vorbereitung am Hof und das Fest selbst. Solange würde ich es hoffentlich mit ihm und seinen Sticheleien aushalten. Immerhin würde in zwei Monaten die ganze Aufregung schon wieder rum sein.

 

Der Deal ist im Sack

 

Nervös blickte ich auf mein Handy. Ich hatte Theo gestern Abend noch einmal versucht anzurufen, doch die Telefonnummer, die ich noch von damals hatte, war nicht mehr aktuell. Ob er schon mit seiner Mutter gesprochen hatte? Aber wieso meldete er sich dann nicht? War ihm nicht klar, wie wichtig dieser Auftrag für mich war, und auch für seinen Hof sein könnte?

»Haben Sie alles erledigt?«

Ich schluckte. Meine Chefin lugte durch die angelehnte Tür und sah kritisch vom Stapel Papiere in ihrer Hand auf. Ich hatte gehofft, sie wäre heute besser drauf. Meine Kollegin hatte mir erzählt, dass gestern ein weiterer großer Auftrag hereingeflattert war, also sollte es doch keinen Grund mehr für sie geben, so miesepetrig zu sein. Keinen Grund – außer meinem eventuellen Versagen. Panik machte sich in mir breit. Was sollte ich ihr erzählen? »Also ... ich warte noch auf einen Rückruf, aber wenn das klargeht, dann haben wir die perfekte Location. Ich kenne den Bauern sowie seine Familie und bin daher zuversichtlich«, fügte ich bei, auch wenn das nicht zu hundert Prozent der Wahrheit entsprach. Theo war gestern so kühl wie immer gewesen. Keine Spur davon, dass er meinetwegen mitmachen würde – außer, als ich das liebe Geld erwähnte hatte. Wenn seine Großeltern nur noch leben würde. Den ganzen gestrigen Abend hatte ich an sie gedacht – wie Igor mich als Kind auf dem Traktor mitgenommen hatte oder mit mir, vor dem Unfall, die Kühe gefüttert hatte. Ob die dicke Berta noch lebte? Sie war seine Lieblingskuh gewesen. Und wie oft hatte ich der Oma beim Kartoffelschälen geholfen oder die Milch in Krüge abgefüllt und im wöchentlich geöffneten Hofladen verkauft.

Meine Chefin musterte mich. Sie wusste nichts von meiner Vergangenheit als Landei. Bestimmt fragte sie sich, woher ich den Bauern kannte. »Kümmern Sie sich drum. Ich habe eben mit der Familie von Thunstein telefoniert und sie möchte die Location kommende Woche besichtigen, also sorgen Sie dafür, dass bis dahin alles klar geht, wenn Sie hier weiterarbeiten möchten.«

Ich riss die Augen auf. Hatte sie mir gerade gedroht? Langsam bereute ich es zunehmend, die Agentur gewechselt zu haben. Meine alte Chefin war ein Sonnenschein gegen sie und vielleicht war die Bezahlung damals doch gar nicht so schlecht gewesen.

Ich stieß einen Seufzer aus, als sie die Tür schloss und blickte ein weiteres Mal hoffnungsvoll auf mein iPhone. In dem Moment ploppte eine unbekannte Nummer auf dem Display auf. Das musste Theo sein. Ich nahm ab.

»Fuchs«, meldete ich mich.

»Nina, Theo hier. Kannst du auf einen Kaffee vorbeikommen?«

Verwundert über seine höfliche Art nickte ich erst nur, bis mir einfiel, dass ich auch etwas sagen musste. »Ja, natürlich. Ich fahre gleich los und bin dann in einer halben Stunde da.«

»Gut, ich warte auf dich. Bis gleich.«

Aufgelegt. Ich starrte aufs Handy und speicherte mir rasch seine Nummer ein. Kaffeetrinken, dass klang so gar nicht nach Theo. Trotzdem schien es mir ein gutes Zeichen zu sein. Warum sonst sollte er mich zu sich beten, wenn nicht, um über die Feier zu sprechen? Ich räumte meine Unterlagen zusammen und meldete mich bei Frau Krüger ab. Vermutlich war sie ganz froh, dass es in Sachen von Thunstein voranging.

Nideggen war nicht weit entfernt. Ich brauchte bloß etwas über eine Viertelstunde von der Arbeit aus, wenn die vielen Baustellenampeln auf den Dörfern nicht alle rot zeigten. Der Bauernhof lag vor dem Ortseingang mitten im Nichts. Immerhin, sollte hier eines der Kinder weglaufen wollen, brauchten wir bloß hinaus auf die umliegenden Felder blicken. Außer ein paar Windrädern gab es hier wenig, wohinter man sich hätte verstecken können.

Ich parkte an derselben Stelle wie gestern. Theo saß auf einer Bank, die unter dem Küchenfenster stand und beobachtete mich. Heute sah er fast schon förmlich aus. Statt in seinem Arbeitsoverall war er in Hemd und Jeans gekleidet, was ihm zugegeben wesentlich besser stand. Er winkte mich zu sich und überraschenderweise huschte mir ein Lächeln übers Gesicht, als ich sah, dass er sich die Haare gemacht hatte. Das war aber schon geschäftlich und kein Date oder so etwas? Nun kam ich mir blöd vor.