Sie er und ich - Bei Verwechslung Liebe

Band 1 - 10

Special-Edition

Adelina Zwaan

AZ Books

Band 1

Widmung

»Der Trick ist, nur an die jetzt ausgeführte Tätigkeit zu denken und nicht an die vielen unerledigten Dinge, die sich meterhoch vor dir auftürmen.«

Adelina Zwaan

Kapitel 1

Jeden Vormittag arbeite ich in der Praxis, bis mich Isabel irgendwann zwischen ihre Termine schiebt, um meine Zahnbehandlung vorzunehmen. Nachmittags arbeite ich für Thies meine Unkosten ab. In diesem gleichmäßigen Takt vergehen die Wochen wie im Fluge, bis drei Monate verstreichen und Mitte Oktober sich die ersten Blätter gelb färben.

Meine Verstauchung verheilte, der Bluterguss löste sich nach und nach auf, was zu erwarten stand. Das Pflaster im Gesicht ist Geschichte, nur eine kleine rosa Narbe prangt jetzt auf meinem rechten Wangenknochen. Mittlerweile kaufte ich unter Aufsicht neue Bekleidung und laufe seither nicht mehr in Arbeitsbekleidung für Arzthelferinnen herum. Thies begleitete mich, denn er wollte sichergehen, dass ich wirklich nur Klamotten kaufe, keine Drogen. Bei allen Geschichten, die ich über seine Ex-Frau höre, bleibt er vorsichtig und noch immer argwöhnisch.

Wie immer nach dem Mittag schlendere ich mit Carl zur Sitzbank, wo er verschnauft und für eine halbe Stunde einnickt. Heute bleibe ich jedoch nicht bei Carl sitzen, sondern gehe in das Büro von Thies, wo er mir Aufgaben zuteilte. Ich soll einen Stapel Akten archivieren und gehe lustlos an diese deprimierende Arbeit.

Thies nimmt heute Nachmittag einen Außendienst-Termin wahr, daher bin ich allein in diesem kleinen Büro und erledige unbeobachtet die Archivierung, allerdings schiele ich mit einem Auge immer zum Klavier. Seit Wochen restauriert er es liebevoll und detailgenau.

Irgendwann stelle mich davor und überlege ewig, ob ich die Klappe anhebe. Kurzerhand setze ich mich, öffne den Tastaturdeckel und schaue beeindruckt auf die unzähligen Tasten der Mechanik. Ich schnappte im Musikunterricht auf, dass direkt am Schlüsselloch des Tastaturdeckels das C liegt und es daher das Schlüsselloch-C genannt wird. Vorsichtig schlage ich die Taste an und fühle mich berauscht, denn der Ton hallt durch die Werkstatt. Ich übe mich an Alle meine Entchen, bis ein Schatten mich erschrocken in die Höhe springen lässt.

»Was machst du da?«, fragt Thies, der neben dem Klavier steht und näher kommt.

Die mir aufgetragene Arbeit erledigte ich zwar, aber ich bin peinlich berührt, weil ich unerlaubt an seinem restaurierte Klavier spiele. Entsprechend betreten schweige ich und bereite mich innerlich auf eine Rüge vor. Die bleibt zu meinem Erstaunen aus.

Stattdessen kommt Thies zum Hocker, setzt sich und sieht zur Mechanik. »Du hast das C gefunden?«, erkundigt er sich, weil ich schweige.

Ich hebe meine Hand in die Mitte der Tastatur und deute auf eine weiße Taste.

»Richtig. C-Dur, ausgezeichnet.«

»Ich habe deine Akten archiviert und wie besprochen in das Kellerregal geräumt.«

»Du bist schon fertig?«

»Ja, aber die Wäsche wartet noch auf mich«, sage ich und will gehen, doch er zieht mich auf den Hocker hinab.

»Spiel es noch einmal!«

Ich sehe auf die Tasten, hebe meine rechte Hand und spiele die einfache Tonleiter. Begeistert sieht er mich anschließend an. »Das war gut und du hast gute Chancen einmal eine weltberühmte Pianistin zu werden.«

Mir bleibt nicht weiter übrig, als lauthals loszulachen. Ich lehne mich dabei weit nach hinten, bis ich wieder zur Ruhe komme und verlegen seinem Blick ausweiche. Mit der Zeit geht er weniger rüde mit mir um und diese kleinen Witze reißen die Regen verhangene Wolkendecke auf.

Auch jetzt lacht er verhalten, beobachtet mich und scheint zufrieden, dass der Witz gut ankommt. Er legt seine Hände auf die Tasten. Die erste, sehr eingängige Tonfolge erklingt, die er vorsichtig anspielt, sich aber so lange steigert, bis seine Stimme einsetzt.

Gänsehaut überläuft meine Unterarme, was nicht nur allein an ihrer wohlklingenden Klangfärbung liegt, sondern daran, dass mir dieses Lied über alle Maßen gefällt. Ohne zu überlegen, stimme ich in den Refrain ein und finde mich in einem Duett wieder, welches aus der Kehle kommt, als singen wir schon immer zusammen. So sanft das Lied seinen Anfang nahm, so leidenschaftlich endet es, als die letzten Klänge verstummen.

Alles in mir vibriert, als sei ich selbst zum Klavier verwandelt, in dem jede Saite angeschlagen wurde und weithin hörbar erklingt. So lauthals, freimütig und ungeniert singe ich sonst nur in meiner Badewanne oder unter der Dusche. Zum Ende des Liedes konnte ich in seinem Gesicht erkennen, dass dieses Duett ihm mindestens genauso viel Freude bereitet, wie mir. Jetzt liegt ein eigenartiges Lächeln auf seinem Gesicht, während er sich mit seinem Oberkörper zu mir wendet.

Es erstirbt ohne jeden Übergang und ein weitaus seltsamerer Blick legt sich über seine Augen, die mich mustern, als sehe er mich zum ersten Mal.

»Danke«, unterbreche ich jede weitere Annäherung, stehe auf und eile in die Waschküche. Dort angekommen, lehne ich mich gegen die Steinwand, um meine glühenden Wangen zu kühlen, denn in mir kam etwas in Bewegung. In meinem, durch den Gesang geöffneten Herzen verrutschte etwas an eine Stelle, an der es nicht verharren darf und ich stürze mich jetzt in die Arbeit, um mich davon abzulenken.

Isabel sorgt geschickt dafür, dass ich mich an den Nachmittagen nicht langweile und deckt mich mit allerlei Arbeit zu. Sie fügt die Wäsche der Praxis zu dem ohnehin schon riesigen Wäscheberg, als sei ich ihre persönliche Haushaltshilfe.

»Warum läufst du fort?«, will Thies hinter mir wissen und erschreckt mich, da ich mich zum Sortieren der Wäsche über den Berg beuge.

»Na ja, der Berg Wäsche wäscht sich nicht von allein«, sage ich entschuldigend und wedele verlegen mit einer dunkelblauen Unterhose herum, weil ich nicht ehrlicher antworten möchte. Belustigt grinst er, denn es ist seine Unterhose. Ich rolle kurz mit den Augen, lasse die Unterhose fallen und seufze schwer aus, denn ich glühe noch immer auf meinen Wangen.

»Kann ich dir etwas helfen?«

Verstört sehe ich ihn an, denn erstens kenne ich keine Männer, die ernsthaft bei der Wäsche helfen wollen und zweitens freiwillig danach fragen. Er beugt sich über den Wäscheberg, sortiert die Wäsche nach Farben und stutzt bei einem Handtuch aus der Praxis.

»Das macht doch eine Wäscherei.«

Ich zucke mit den Achseln, nehme das Handtuch aus seiner Hand und lege es auf den Stapel Weißwäsche, den ich eigens für die Praxis sortierte, um ihn getrennt von der Familienwäsche zu waschen. Thies sieht nachdenklich dorthin und hilft schweigend weiter beim Sortieren.

»Ich habe im Internet nach Morbus Alzheimer recherchiert, als am Praxisempfang Zeit dafür war.«

»Es war Zeit dafür?«

»Thies, es ist absehbar, wie es ausgeht, also lenke nicht ab. Wie sieht euer Plan aus?«

»Tja, darüber sind Mutter und ich geteilter Meinung.«

»Sie will ihn nicht angemessen unterbringen lassen?«, frage ich leise und sehe ihn verneinend den Kopf schütteln. Ich hole inzwischen die fertig gewaschene Wäsche aus der Maschine, lege sie in den Wäschekorb und gehe damit in den Trockenraum. Thies folgt mir, reicht mir Wäscheklammern und Wäschestücke, die ich aufhänge.

»Fehlt es dir nicht?«

»Was?«, erkundige ich mich, nehme die dargebotene Wäscheklammer entgegen und stutze.

»Die Partys, die Drogen, die Stänkereien und das ganze Drumherum.«

Die Wäscheklammer sitzt am Shirt, darum lasse ich meine Arme sinken und sehe ihn eindringlich an.

»Sage mir, wen du siehst!«

»Lene?«

»Was, wenn nicht? Was, wenn eine andere Frau vor dir steht?«

»Wo hat Lene sie nur die ganze Zeit versteckt?«

»Gib mir das nächste Shirt!«

»Wie soll ich wissen, was sich in deinem Kopf abspielt?«

»In meinem Kopf dreht sich im Moment alles um die riesigen Wäscheberge, die Mittagszubereitung und den Berg Brombeeräste, den ich schreddern muss. Das alles wird ganz dicht gefolgt von dem Gedanken, dass es so langsam unbequem vor der Kinderzimmertür wird.«

Thies lacht erheitert auf und hält mir eine neue Wäscheklammer entgegen.

»Mir geht es gut, wirklich«, versichere ich ihm.

»Wirklich?«

»Ja, wirklich«, wiederhole ich und denke an die geplatzte Hochzeit. Bei dieser Tatsache bekomme ich nicht einmal Gewissensbisse, was mir vor Monaten total abwegig erschienen wäre, ich aber diese Familie nicht kannte.

Nachts in meinem Kämmerlein wird mir die aberwitzige Situation klar, aber ich lebte noch nie in einer Familie und will sie aus diesem Grund nicht verlassen. Ich weigere mich sogar, die klärenden Gespräche mit Olli und Viola zu führen, was mir so überhaupt nicht ähnelt. In einer Nebelwolke des betörenden Eau de Familie Schlatt gefangen, fühle ich mich darin heimelig und berausche mich regelrecht an ihrem Alltag.

Mir leuchtet ein, dass es nicht in Ordnung ist, wenn mich alle, außer Carl, für Lene halten und ich dieses Spiel mitspiele, ohne etwas Konkretes dagegen zu unternehmen. Nachts kampiere ich vor Kims Kinderzimmer, atme den Duft der holzig duftenden Zudecke ein und will nichts in eine andere Richtung unternehmen. Vorhin sagte ich zwar, dass es langsam unbequem vor der Kinderzimmertür wird, aber es war nur die halbe Wahrheit.

In Wahrheit will ich nicht allein im ehemaligen Heuboden schlafen.

Ich mag es, an der Zudecke zu schnuppern, nachdem er sie mir jeden Abend anbietet. Ich will die Familienmitglieder in meiner Nähe wissen, als seien sie meine eigene Familie.

Mein ganzes Leben regelte ich immer alles, löste jeden Konflikt im Alleingang und erlebe nun, wie viel Kraft es mich all die Jahre kostete, allein auf weiter Flur zu kämpfen.

Seit ich auf das Autodach fiel, befinde ich mich auf einem gewaltigen Selbsterfahrungstrip und mag nicht mehr problemlos in das aufgeräumte Leben der Milla Wendt zurückkehren. Ich häcksle einen riesigen Berg Brombeeräste, der sich im Garten stapelt, koche für die Familie, putze das Haus bis in den letzten Winkel in der Toilette, stopfe massenweise Strümpfe, bügele körbeweise Baumwollhemden und betreue den dementen Carl, als könnte ich dadurch eine höhere Weisheit erlangen.

Nichts, rein gar nichts fällt mir von den zugeteilten Arbeiten schwer.

Es bereitet mir Freude, für Menschen da zu sein, und Carl leistet mir oft Gesellschaft. Er ist dankbar für kleine Aufgaben, die sich jeden Tag wiederholen. Diese Routine ist sein Handlauf, an dem er in seiner Krankheit Halt und Orientierung findet. Mit ihm gehe ich mittlerweile täglich eine Stunde spazieren, wobei sich über all die Wochen seine Panikattacken legten. Jeden Tag gingen wir zehn Meter weiter, als an dem Tag zuvor und erhöhten auf diese Weise seine Leistungsfähigkeit und sein Selbstvertrauen, was besonders Isabel erstaunt.

»Das klingt gut«, sagt Thies erleichtert, stellt den Korb mit den Klammern auf dem Boden ab, kommt zu mir und nimmt mein Gesicht zwischen die Hände.

Ehe ich mich versehe, bekomme ich ein Küsschen auf die Wange, bevor er mich lange ansieht, den Raum verlässt und sicher wieder an die Arbeit geht. Es läuft zwischen uns einiges entspannter, als an Anfang, wo er mich beinahe für jedes Luftholen anging. In manchen Momenten wollte ich mich einfach nur in Luft auflösen, unsichtbar machen und überhaupt nicht auffallen, doch dann bemerkte ich, dass Kim mich heimlich beobachtete.

Mittlerweile beäugt sie mich. Zwar argwöhnisch, aber sie beobachtet mich aus den Augenwinkeln, wenn ich am Tisch sitze oder in das Auto einsteige, und sie zusammen mit Thies zur Schule fahre. Auf diesen morgendlichen Fahrten in die Schule ignoriert sie mich weitestgehend und antwortet nur knapp auf meine Fragen, wenn überhaupt.

Ich spüre, ich bin ganz dicht davor, die Nuss zu knacken, denn sie klammert mich nicht mehr aus.

Carl ist von allen Bewohnern uneingeschränkt freundlich zu mir. Nach getaner Hausarbeit und unseren Spaziergängen sitzen wir auf der Bank, von wo aus wir der Mondscheinsonate lauschen, die Thies immer in seiner Kaffeepause spielt und Carl einschlummern lässt. Ist er ausgeschlafen, erzähle ich ihm von Olli und Viola, denn für ihn sind meine Erzählungen jeden Tag neu. Nie erteilt er Ratschläge und streckenweise schläft er ein, während ich erzähle. Immer hält er meine Hand und versichert mir, dass ich Milla und nicht Lene bin, schließlich sei er ja nicht senil.

Dann lächele ich aufgemuntert und lege meinen Kopf an seinen Oberarm. Isabel mag das nicht und ging mich einmal entsetzlich am Abendbrottisch dafür an. Jedoch schert mich ihre Meinung herzlich wenig, da Carl diese Nähe genießt, gerade weil er dement ist und doppelt so viel Nähe spüren muss, wie normal.

Ich nenne es Eins-zu-eins-Kontakt und stelle mir vor, woran ich mich festhalten würde, wenn ich andauernd alles verliere, was elementar ist. Carl fühlt sich einfach nur ein wenig fähiger, wenn ich ihn anlächele oder berühre. Er quittiert es dankbar mit einem Lächeln, so einfach funktioniert das. Ich hole ihn nie aus seiner Wirklichkeit und höre einfach nur zu, wenn er unentwegt von Thies, seinen Bienenvölkern und seiner großen Liebe Isabel erzählt.

Nachdem ich mit der Wäsche fertig bin, gehe ich in den Innenhof, wo Carl wieder auf den Bus wartet. Ich setze mich auf die freie Stelle und sehe interessiert zu seinem Buch, das er immer zuklappt, wenn ich es neugierig mustere.

»Du hast ein hübsches Buch, Carl.«

»Ja, Isa gab es mir, damit ich mich erinnere. Es …« Er stockt, weil ihm der restliche Satz entfällt.

»Woran willst du dich erinnern?«

»Meine Familie.«

»Du hast Familie?«

»Aber klar. Willst du mal sehen?«

»Darf ich?«

Carl nimmt das in Leder gebundene Buch, schlägt den dicken Einband auf und blättert zur ersten Seite, auf der ein Babyfoto klebt.

»Das bin ich mit drei Monaten«, liest er vor.

Isabel schrieb diese Zeilen schnörkellos neben dem Bild, auf dem ein pausbäckiges Gesicht in die Kamera lächelt.

»Drei Monate und schon so ein hübsches Lächeln.«

Er blättert nickend weiter. Seine Eltern stehen auf dem nächsten Foto vor ihm. Der festlich gekleidete Carl hält mit stolz geschwellter Brust einen Osterkorb in der linken Hand und strahlt in die Kamera. Neben dem Foto stehen das Datum, die Namen seiner Eltern und der Anlass. »Das war Ostern 1946. Meine Eltern sammelten mit mir im Tierpark Ostereier. Da waren eine ganze Menge Familien und alle Kinder sammelten die versteckten Ostereier ein ihre Körbe ein.«

Bezüglich seiner Jugend weiß er noch sehr viel mehr zusammenhängend als zum aktuellen Tagesgeschehen. Ich kenne sein Erinnerungsbuch inzwischen auswendig, höre aber gerne seinen Kindheitserinnerungen zu. Zuweilen erzählt er Dinge mehrmals am Tag, was Isabel und Thies an ihre Grenzen stoßen lässt.

Die gescheckte Katze gesellt sich zu uns. Sie bekam inzwischen ihren Nachwuchs, der mittlerweile seine eigenen Wege geht und putzig anzusehen ist. Thies ließ alle, einschließlich Katzenmutter sterilisieren, verschenkte einige Kätzchen an Nachbarn und die, die keiner wollte, streunen über den weitläufigen Hof.

Ich beobachte Carl, der Seite um Seite aufblättert. Er kommt mir vor, als sei er ein Puzzle, welches in die Horizontale gestellt wurde. Ein Puzzleteil nach dem anderen fällt dabei zu Boden und er sieht machtlos zu, wie die Teile unwiderruflich zu Boden fallen. Vermutlich ist das der Grund, warum nicht oft in der Familie über seine Erkrankung gesprochen wird, die jeden auf seine Weise belastet.

Zu gut verstehe ich, dass Isabel ihn ungern in ein Heim unterbringt, sehe andererseits aber auch die offensichtliche Überforderung aller Beteiligten. Für alle gleicht es einem gefährlichen Spagat zwischen Liebe zu Carl und seinem tragischen Verfall.

Der Vater, der geliebte Mann, fühlt sich zunehmend bevormundet und nicht für voll genommen, reagiert schnell ungehalten und erregt, was alle noch mehr belastet. Für mich ist es schwer, es mit anzusehen, allerdings habe ich eine emotionale Distanz zu den auftretenden Symptomen.

Wenn Carl in den Momenten zornig antwortet, in denen er sich bevormundet oder ungerecht behandelt fühlt, gelange ich nicht so schnell an meine Grenzen, weil ich in keiner familiären Bindung zu ihm stehe. Ich gehe in diesen Situationen eher auf seine Bedürfnisse ein, lenke ihn ab und fahre ihn runter.

Isabel und Thies bemerken es und nehmen die Hilfe dankend an, verlieren aber nicht viele Worte darüber. Nun, ja, Isabel macht nie mit erkennbaren Gesten klar, was sie wirklich denkt, allerdings mache ich das nicht, weil ich Dankesworte oder Anerkennungen anstrebe. Ich mag Carl und beschäftige mich gerne mit diesem schlauen, witzigen und liebevollen Mann, so einfach ist das.

Durch unsere Gespräche auf der Sitzbank erfahre ich täglich mehr über diese Familie. Carl erzählt zusammenhanglos, mitunter wirr und die Ereignisse der letzten Jahre wirken deutlich blasser als seine Jugenderinnerungen.

»Auf dieser Geburtstagsfeier lernte ich meine Isa kennen. Sie wohnte in Berlin und kam für den Geburtstag eines Freundes in dieses Dorf. Es funkte sofort zwischen uns, obwohl sie in Begleitung ihres Verlobten war.«

»Wann war das?«, erkundige ich mich und betrachte mir das verblasste Schwarz-Weiß-Foto auf dem alle Kleidung aus den frühen Achtzigern.

»Es war Anfang August, brütend heiß und einige Gäste kollabierten, weil sie zu fesch tanzten«, lacht er in dieser Erinnerung.

»Ihr seht alle fröhlich aus.«

»Das waren wir, besonders ich, denn die kleine Medizinstudentin hatte nur Augen für mich.«

»Das kann ich gut verstehen, denn du siehst auf dem Foto sehr schneidig aus. Welche Frauen konnten dich denn da schon übersehen?«

»Nun, das war egal, solange sie mich nicht übersah«, murmelt er und blättert weiter. Erzählt er von ihr, leuchten seine Augen jedes Mal, wobei sie regelrecht glänzen. Er wird nicht müde mir zu erklären, wie faszinierend die junge Medizinstudentin auf ihn wirkte, wenn das Hochzeitsfoto an die Reihe kommt.

Beide sehen mit glatter Haut und glücklich lächelnd in die Kamera. Isabel trägt ein schlichtes, weißes Kleid, welches komplett gegen den damaligen Modegeschmack verstieß, die voller Rüschen und doch kantig in ihrem Erscheinungsbild war. Beide heirateten im November 1984, bei entsetzlichem Regenwetter.

»Und das ist unser Thies«, erklärt Carl, als er die nächste Seite umblättert. »Wir waren an einem See baden und der Steppke wollte immer in das Wasser, bekam nicht genug davon.«

Neben dem Foto wurden der Name des Sees und das Alter von Thies mit sechs Monaten vermerkt.

»Wenige Wochen vorher bekamen wir unsere Wohnung. Sie war winzig, hatte das WC auf dem Hausflur und fließend Wasser gab es nur in der Wohnküche. In der Fassade hingen noch die Granatsplitter des Alliierten-Einmarsches. Alles an diesem Mehrfamilienhaus war kaputt und wir froren uns in Winter bei den Toilettengängen den Allerwertesten ab, sage ich dir.«

Wie viele Paare heirateten sie, so schnell es ging, um eine Wohnung zu bekommen, was in der DDR tägliche Praxis war. Auf allen Fotos und durch alle Erzählungen weiß ich, dass eine gemeinsame Wohnung für Carl nie der Grund für die Hochzeit war.

»Hier kaufte Thies das Haus. Es war schrecklich heruntergekommen, aber wir sanierten es zusammen, schau!«

Beide stehen gemeinsam auf dem Dach und helfen Handwerkern dabei, das Dach neu einzudecken. Ich weiß aus Erzählungen, dass sich für Carl der Lebenskreis schloss, als sie in dieses Dorf und dieses Haus einzogen. In das Dorf und in das Gebäude, in dem er vor einunddreißig Jahren seine Isa kennenlernte.

»Ihr habt das Haus hübsch hergerichtet«, sage ich und sehe mir Thies genau an, der mit freiem Oberkörper auf einer Leiter steht und die Dachziegel an einen Handwerker weiter reicht.

Carl klappt das Buch zu, seufzt und schließt seine Augen. »Er kam seinen Sohn nie besuchen.«

»Wer?«

Er sieht zu Boden und bittet mich mit leiser Stimme, dass ich leben soll, als gäbe es kein Morgen. Zur Ablenkung und Aufmunterung stelle ich eine belanglose Frage, auf die er antwortet, bis er einnickt. Mich macht es nachdenklich, ihn so ohnmächtig zu sehen, und erahne nicht einmal, wie es sich für die Familie anfühlt.

Carl schläft neben mir ein und schnarcht leise.

Die Katze putzt sich neben ihm sitzend und Thies werkelt an einem Spinett, dessen Tonfärbung mir nicht recht behagt. Das sind die wenigen Momente am Tag, die Viola und Olli an die Oberfläche hervorholen, weil mich nichts anderes beschäftigt.

Erlaubt es die Zeit während meiner Arbeit in der Zahnarztpraxis, recherchiere ich im Internet über mich. Auf diese Weise fand ich heraus, dass ich vermisst werde, was mir nicht wirklich neu war und die letzten Zweifel ausräumte, dass ich tatsächlich Lene bin.

In meinem Büro ging noch immer niemand an das Telefon, was mir ebenfalls nicht neu war, weil ich mich ja hier aufhalte. Was mich jedoch wirklich nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, dass die Polizei einigen interessanten Hinweisen folgt. Eine Textpassage klingt dabei nach einer Option, die mir verdächtig nach Mordfall riecht.

Welche Spuren es genau waren, sagen sie anfangs nicht.

Wirklich beunruhigt, im Sinne von hibbelig, wurde ich allerdings nach einigen Wochen, denn da las ich, dass die Polizei einer bedeutsamen Spur nachging. Es hieß, dass ein Verdächtiger verhaftet worden sei und ich erkannte an der Formulierung Escortservice sofort, dass es sich um Lorenz handelte.

Irgendwie stank es für mich meilenweit zum Himmel, dass Viola ihn nicht entlastete, sondern scheinbar belastete. Offensichtlich beabsichtigte sie gezielt, Lorenz in den Kreis der Verdächtigen zu ziehen, und behauptete in einem Interview sogar, dass ich zuletzt mit ihm zusammen war, nicht mit ihr. Den Grund für ihr Verhalten servierte sie mir ja brühwarm vor ihrer Wohnungstür.

Sie will Olli und zieht ihre Marschrichtung konsequent durch.

Kapitel 2

Gestern bat ich Carl, der wie immer im Wartebereich auf den Bus wartete, eine Botschaft zu schreiben, und verschwieg ihm, dass diese Nachricht für die Polizei war. Das Schreiben der wenigen Sätze fiel ihm motorisch recht schwer und dauerte ewig. Entscheidend war aber, dass diese Zeilen so aussehen, als käme sie von dem Taxifahrer, der es ablehnte, mich zu Viola mitzunehmen. Der vermag Lorenz zu entlasten, denn ich sagte ihm damals, dass ich von einer Verabredung komme und zu meiner Freundin will.

Zufrieden faltete ich den Brief und schob ihn in einen Briefumschlag ohne Absender. Bei unserem täglichen Spaziergang steckte ich ihn gestern Nachmittag in den Briefkasten und bin jetzt unsagbar erleichtert darüber.

Auf dem Rückweg wollte Carl partout in ein unbewohntes Haus und beharrte darauf, dass es Thies gehöre und eine Abkürzung sei, was mir aber nicht geheuer vorkam. Er schwor hoch und heilig, bis ich am Haus hinauf sah, in das er unbedingt wollte. An der Fassade prangte das Logo einer Supermarktkette und es war verschlossen. Mit viel Mühe konnte ich Carl ablenken und auf den Zweiseithof lotsen.

Ich schiebe diese Gedanken beiseite, denn Thies verlässt gerade die Werkstatt, um Kim von der Schule abzuholen. Die Handarbeit, die ich in den Händen halte, sinkt auf meine Knie, um Thies anzusehen.

»Na, genießt du die Sonne?«, erkundigt er sich.

»Wer trägt bei euch eigentlich so hässliche Socken?«

Er kommt auf meine Frage näher und besieht sich die Socke, in deren Ferse das Loch perfekte Ränder aufweist. Von Isabels Schere.

»Bunte Socken? Bist du dir sicher, dass die von uns sind?«

»Ja, denn sie lagen in dem Stapel, den mir Isabel hinlegte«, erkläre ich und Thies richtet sich auf.

»Nicht einmal Kim mag bunte Socken.«

»Nein, ihre haben auch keine Löcher.«

»Ich hole Kim und könnte danach mit ihr sprechen.«

»Mit Kim?«, frage ich erstaunt, doch Thies lacht und geht kopfschüttelnd zum Auto.

Nach dem Abendbrot sitze ich, wie jeden Abend vor Kims Tür. Seit zwei Wochen spielen Thies und ich jeden Abend zwei Runden Kniffel, bevor er in sein Zimmer geht und die Zudecke bringt. Unser Spiele-Ritual hat noch einen interessanten Nebeneffekt, denn Kim hört es. Vereinzelt schleicht mir der Gedanke durch den Kopf, dass Thies mir auf raffinierte Weise dabei hilft, um Kims Herz zu erreichen.

Im Flur der oberen Etage ist es jetzt stockdunkel, weil die Sonne im Oktober früh untergeht. Ich zerre die Zudecke unter das Kinn, bette mich bequem und sehe in die Schwärze. In Gedanken zähle ich, doch das will heute nicht recht gelingen.

Die Tür öffnet sich und eine schlotternde Kim steht vor mir. »Mir ist kalt«, sagt sie bereits entkräftet vom Zittern.

Ich schiebe sogleich die Zudecke beiseite, rufe Thies, der sofort erscheint und ab jetzt herrscht Hektik.

»Sie hat Fieber«, sagt er und eilt aus dem Raum.

Es ist das erste Mal, dass ich Kims Zimmer betrete, und sehe mich darin um, während Thies im Badezimmer Wasser in einer Schüssel einlässt und Kim in ihr Bett schlüpft. Das Kinderzimmer ist kunterbunt, wie sie. Handgemalte Bilder hängen an jeder freien Fläche der Zimmerwände und unzählige bunte Decken liegen auf ihrem Bett verstreut.

Mit meinem Handgelenk prüfe ich, wie Wärme ihrer Stirn. Das zarte Gesicht leuchtet nicht nur rot, sondern fühlt sich auch sehr heiß an. Besorgt rücke ich ihre Zudecke zurecht, als Thies in das Zimmer gelaufen kommt, wobei er sehr zerstreut und müde wirkt. Vorhin erwähnte er vor der letzten Runde Kniffel, dass er morgen früh zu einem wichtigen Auftrag an der Berliner Oper muss.

Ich lege meine Hand auf seinem Brustkorb, der hastig atmet. Zögerlich bemerkt Thies, dass ich mit dieser Geste etwas ausdrücken möchte. Einmal tief durchatmend ahne ich, es ist meine große Chance.

»Bringe mir, was ich brauche und lege dich danach schlafen! Morgen hast du einen wichtigen Termin und ich übernehme das hier für dich«, sage ich sachte und luchse ihm mit einer behutsamen, aber entschlossen die Wasserschüssel ab.

»Bist du sicher, dass du das hinbekommst?«

»Thies! Manche Frauen brauchen noch nicht einmal Kinder, um zu wissen, was bei Fieber hilft, also mach schon!«, versetze ich flüsternd und erhöhe den Druck meiner Hand, bis er aus seiner Starre erwacht. »Es ist die Gelegenheit für mich, verstehst du?«

»Du rufst mich sofort, falls etwas sein sollte!«, flüstert er und überlässt mir das Feld.

»Thies, wen sollte ich wohl sonst rufen?«

Er rafft sich zusammen und geht widerstrebend aus dem Raum, während ich mich zu Kim setze, die mich aus glasigen Augen ansieht.

»Wir bekommen das hin, oder?«, frage ich sie leise.

Kim wendet ihr rotes, glühendes Gesicht ab und ich fahre zärtlich über ihre Schulter. Zu müde, um sich gegen diese Berührungen zu wehren, schließt sie ihre Augen, was der maximale Widerstand ist, den sie unter diesen Umständen leistet. Diesmal stehen die Chancen wirklich gut und immerhin sitze ich bereits in ihrem Zimmer.

Thies bringt mir weitere Utensilien an das Krankenbett und erklärt mir alles, wobei seine Augen unruhig und voller Sorge auf die zitternde und schwitzende Kim geheftet sind. Er vertraut sie mir in diesem Zustand gewiss nur ungern an.

»Ich komme ab und zu nachsehen«, versichert er.

»Gerne, nur verbreite hier bitte nicht so eine Hektik, denn das hilft ihr nicht wirklich und mich machst du auch nervös mit deinem Getrippel. Ich wäre froh, wenn du etwas schlafen kannst und für deinen Termin morgen ausgeruht aufstehst.«

Ich kühle einen Lappen in der Schüssel, lege ihn auf Kims Stirn, schiebe Thies sanft und energisch aus der Tür, weil er sonst ewig nicht schlafen geht. Mit meinen eindeutig bittenden Augenaufschlag gebe ich ihm zu verstehen, wie bedeutungsvoll der Moment für mich sein kann. Er versteht, nickt und geht zögerlich in sein Zimmer.

Das Fieberthermometer zeigt nach der Messung unter dem Arm achtunddreißig Komma neun Grad. Die Kühlungen im Gesicht nimmt sie gern an, jedoch senkt sich das Fieber nicht deutlich. Das muss es auch nicht zwangsläufig, denn die Höhe ist noch nicht lebensbedrohlich und nachts ist es ja ohnehin höher als am Tag.

Zum Morgen sollte es von allein sinken.

Ich stütze mich auf die Bettkante und erfrische ihr blasses Gesichtchen, bis ich mich irgendwann zu ihr lege. Bedächtig streichele ich ihren Arm und Kim protestiert nicht, obwohl sie auch nach einer Stunde nicht davon einschläft, denn scheinbar behagen ihr die Streicheleinheiten.

»Wie fühlt es sich an, wenn man nichts mehr weiß?«, murmelt sie irgendwann heiser und mit abgewendetem Gesicht.

»Für mich fühlt es an, als sei ich ein leeres Blatt Papier. Mag sein, dass auf der anderen Seite schreckliche Bilder zu sehen sind, aber die Seite, die ich ansehe, ist unbeschrieben. Ich kann Stifte nehmen und mir die Farben aussuchen, die gut zusammenpassen …«

»Und ein neues Motiv auswählen?«

Wie doppeldeutig sie die Wörter wählt und wieder kommt sie mir nicht wie eine Achtjährige vor. Vorsichtig dreht sie sich um und sieht mich aus fiebrig glänzenden Augen an.

»So ist es und ein neues Motiv wäre reizvoll«, murmele ich und denke an all die dringenden Gespräche, die ich vor mir herschiebe, seit ich bei dieser Familie wohne. »Vielleicht wähle ich zarte Farben, denn ich mag Pastelltöne. Das Bild sollte nur einen winzigen Hauch von Blau haben, denn eine kräftige Farbe verträgt es höchstwahrscheinlich.«

»Blau finde ich eine wunderbare Farbe«, flüstert sie.

Behutsam fische ich eine klebrige Strähne aus dem Gesicht, nicke und unterdrücke den Impuls, sie kräftig an mich zu drücken.

»Wie wäre Azur?«, frage ich. »Mich erinnert diese Farbe an einen Sommerhimmel. Ein leichter Wind bläst, es ist warm und der Wind hebt die Haare an. Die Wolken, die am Himmel vorbeiziehen, haben Gesichter, die sich in seltsame Tiere verwandeln oder erinnern mich an die Superhelden aus Comics. Wenn ich jemanden das Gesicht zeigen will, das ich eben entdeckt habe, ist es auch schon verschwunden, bevor er es auch sieht.«

Kims Mund verzieht sich zu einer Grimasse. »Manche Leute haben echt null Fantasie.«

»Du schon«, entgegne ich und deute mit meinem Zeigefinger zu den aufgehängten Bildern an der Wand.

»Opa sagt, dass du nicht Mama bist«, flüstert sie und mustert mein Gesicht, ohne ihres dabei zu bewegen. »Ich glaube langsam, er hat recht.«

Ich antworte nicht, streife lediglich weitere feuchte Strähnen aus dem schwitzenden Gesicht und rutsche den kühlenden Lappen wieder in Position, der auf ihrer Stirn verrutschte.

»Die Strunze hätte im Krankenhaus nicht geweint, als sie mich sah, denn die hat nie geweint wegen mir.«

Kim beobachtet mich schweigend, bis sich ihre Lider vor Müdigkeit schließen. Ich fahre mit meinen Fingern über die dünnen Ärmchen, die vom Fieberschweiß kleben.

»Es heißt meinetwegen, nicht wegen mir, Kim.«

»Auch das hätte sie null interessiert.«

»Kinder und Betrunkene …«, wispere ich in die Dunkelheit, drücke sie fest in meine Arme und behüte ihren fiebrigen Schlaf.

»Lene.«

Ich höre den Namen, wie aus weiter Ferne, ordne ihn jedoch nicht mir zu, bis jemand sanft an mir rüttelt.

»Lene!«

Schleppend schlage ich meine Augen auf, denn hier sprechen mich alle mit Lene an, also bin ich aller Wahrscheinlichkeit nach gemeint. Jetzt fühle ich mich angesprochen.

»Geh in die Küche! Dort steht Frühstück für dich auf dem Tisch. Ich übernehme hier so lange die Wache«, flüstert Thies und äugt zu der schlafenden Kim.

Träge und mit stocksteifen Gliedern erhebe ich mich und blicke zum Fenster, durch das der rauchfarbene Morgenaufgang schimmert. Kim erwacht nicht durch meine Bewegungen. Ihre Haare kleben an der Stirn, die Wangen überziehen rosige Schimmer und der kühlende Lappen verrutschte erneut.

Mit steifen Gelenken trotte ich grußlos an Thies vorbei, der für mich die Wache am Krankenbett übernimmt und sich nun vor das Bett hockt. In der Wohnküche angekommen, setze ich mich schlaftrunken an den Esstisch, auf dem ein Teller mit zwei Honigbroten für mich steht.

Sämtliche Knochen tun mir weh, weil ich mich nicht wagte, mich im Bett zu wenden. Mit einem Auge und einem Ohr lag ich in einem merkwürdigen Halbschlaf, um keine Regung von ihr zu verpassen. So gut behütet, wie in diesem Kinderbett, ruhte ich mein Leben lang nicht, obwohl ich die Erwachsene bin und zeitgleich Krankenpflegerin. Es war sehr besonders, neben ihr zu schlafen, und bei diesem schönen Gefühl bleiben die steifen und erschöpften Knochen nebensächlich.

Meinen geleerten Teller stelle ich in die Spülmaschine und trotte in die Scheune. Dort stelle ich mich unter die Dusche, lasse mich berieseln und genieße das warme Wasser. Die Badezimmertür wird unerwartet aufgerissen. Ohne Einlass zu erbitten, betritt ein atemlos schnaufender Thies das Badezimmer und stellt sich vor die Glastür der Duschkabine.

»Thies!«, empöre ich mich und schütze, was meine Arme erreichen.

»Kim will, dass du sofort zu ihr kommst. Ich soll dich holen«, richtet er atemlos aus.

Auf der Stelle öffne ich die Duschkabine und fische mit einer Hand umständlich nach dem Handtuch. Thies begreift, was ich suche und reicht es mir, damit es schneller geht. Ich lege das Handtuch um meinen tropfnassen Körper und sehe auf.

Thies glotzt mich an, während er noch immer um Atem ringt und schnauft, als sei er eine uralte Dampflok, bewegt sich jedoch keinen Zentimeter aus dem Badezimmer. Eindeutig drängend sehe ich ihn an und deute mit meinem Zeigefinger kurz zur Tür.

Irritiert dreht er sich um und versteht.

»Es gibt nichts, was ich an dir nicht schon einmal gesehen habe«, entgegnet er gestresst über diese Verzögerung.

»Mag sein, doch erinnere ich mich nicht daran, also solltest du besser gehen! Nur weil du zusiehst und alles an mir kennst, geht es auch nicht schneller vonstatten, folglich ist es völlig egal, wo du auf mich wartest.«

Er rollt mit den Augen, öffnet die Tür und stellt sich von Außen daneben. »Du erinnerst dich nicht daran?«

»Bingo!«, beantworte ich seine Frage und streife mir zackig das Shirt über, lege das Handtuch über die Wandhalterung, damit es trocknet. Eilig verlasse ich das Badezimmer und werde argwöhnisch von Thies gemustert, als ich angezogen vor ihm stehe.

»Das muss ein sehr harter Fall gewesen sein.«

»Gehen wir!«

Ich steige bereits auf der Treppe die letzten Stufen hinab, als mir die Doppeldeutigkeit in seinem Satz auffällt.

»So hart zu fallen, wünsche ich jedenfalls niemanden, wenn ich ehrlich sein soll«, murmele ich, als wir nebeneinander über den Hof schreiten. Thies antwortet nicht, denn er läuft vor und öffnet mir die Haustür mit gehetzt wirkender Miene.

»Sie schreit das ganze Haus zusammen wegen mir?«, frage ich erstaunt, nachdem ich im Hausflur stehe und die Treppenstufen hinauf sehe, von wo der ohrenbetäubende Lärm dringt.

»Grammatikalisch korrekt heißt es meinetwegen und nicht wegen mir. Keine Ahnung woher sie die Kraft nimmt, aber du solltest dich beeilen, denn sie ist völlig außer Rand und Band.«

Erfreut über die plötzliche Wendung des Schicksals lächele ich Thies zu, der es mir freudestrahlend quittiert. Ich haste die Treppe hinauf, wobei ich zwei Stufen auf einmal nehme und in ihr Zimmer fliege. Isabel, die vergeblich versucht, das fiebernde und schreiende Kind zu beschwichtigen, sieht an mir hinab, als sei ich ein lästiges Insekt.

»Danke Mutter, Lene übernimmt jetzt die Obhut«, sagt er und geht eilig zum Bett, in dem Kim aufrecht sitzt. »Sie ist ja da, schau!«

Schlagartig beruhigt sich das schreiende Kind und betrachtet mich aus glasigen, hilflosen Augen, die an Tränenflüssigkeit hergeben, was eine Achtjährige aufbieten kann.

»Ich bin hier, war nur kurz frühstücken, duschen und zog mich um«, beruhige ich sie, am Bett angekommen. Damit sie mir glaubt, zerre ich an meinem frisch gewechselten Oberteil, worauf sie zögernd nickt und mit zitternden Lippen an mir herabsieht.

»Lege dich wieder hin! Ich bin hier. Alles ist gut«, murmele ich und nehme nur am Rande wahr, wie Isabel sich grimmig murmelnd aus dem Zimmer zurückzieht.

Dessen ungeachtet schmiege ich mich an die fiebernde Kim und starte neuerlich die Prozedur, ihr die Stirn, die Wangen und den Hals zu kühlen.

»Ich muss los, bin aber über das Handy erreichbar, wenn was sein sollte«, sagt der über uns gebeugte Thies. »Gehe heute nicht in die Praxis und die Hausarbeit teilen wir anderweitig auf. Kümmere dich um sie!«

Ich sehe ihn an, weil er mich aufmunternd anlächelt, denn er freut sich ehrlich für mich, dass meine Hartnäckigkeit erste, vielversprechende Früchte trägt. Im zweiten Atemzug wird mir mit dem Blick in das strahlende Gesicht klar, wie sehr er sich eine gute Beziehung zwischen Kim und ihrer Mutter wünscht. Entsprechend untröstlich sehe ich ihn an, denn auf die eine oder andere Weise lüge ich entweder ihn an, oder mich.

Gott, ist das verzwickt!

Ich bin Milla Wendt und nicht Kims Mutter. Allerdings überwiegt in diesem Moment die Glückseligkeit, die sich in seinem Gesicht spiegelt, als er sich aufrichtet und herzbewegend zu uns herabschaut, bevor er zur Arbeit geht.

Meine beruhigenden Worte und der monotone Singsang tragen dazu bei, dass Kim ihre Augen schließt und rasch im Halbschlaf liegt. Sie schwitzt stark und das Fieber kämpft sich aus dem kleinen Körper. Die kleine Elfe ist empfindlicher und zerbrechlicher, als jeder ahnt, der sie ansieht. Hinter ihrer kecken Fassade versteckt sich ein achtjähriges, Halt suchendes Mädchen, welches gerne und viel malt, um den emotionalen Verlust zu verarbeiten. Immer wieder schreckt sie auf und sucht mich mit ihren fieberglänzenden Augen. Jedes Mal streichele ich sie und drücke sie sanft in ihr Kopfkissen zurück.

»Schlafe dich gesund, kleine Elfe!«, hauche ich ihr dann ins Ohr, »ich bin hier.«

»Singst du bitte etwas vor?«

Ich sehe an die Zimmerdecke, die von dem sanften Licht einer kleinen Steckdosenlampe erhellt wird und singe Lieder. Dabei werde ich immer leiser, weil sie entspannter atmet. Ich lausche ihren Atemzügen und genieße diese Nähe. Ab und zu öffnet sie schläfrig ein Auge, um nachzuschauen, ob ich noch da bin.

Nur schwerlich kann ich nachvollziehen, wie eine Mutter dieses Kind nicht vollumfänglich liebt und überlege, welche Probleme die Mutter gefangen halten, damit das überhaupt erst möglich wird. Die Lichter vor dem Fenster senken sich wieder zum Abend, als ich mich umdrehe, denn in meine Nase steigt ein wohlbekannter Holzgeruch.

Ich öffne die Augen.

Er steht tatsächlich am Bett und beobachtet uns zufrieden.

Liebevoll breitet er seine mitgebrachte Zudecke über mich aus und streift vorsichtig eine Haarsträhne zurück, die mir dabei in das Gesicht rutscht. Von dieser angenehmen Berührung aufgerüttelt, fahre ich erschrocken auf. »Warum gibst du mir immer deine Decke? Du brauchst sie doch selbst.«

»Ich will, dass es euch gut geht.«

»Bis auf das Fieber geht es uns gut«, flüstere ich.

»Das geht vorbei, glaube mir!«,

»Schade«, grinse ich und bette mich wieder auf das Kopfkissen.

Er lächelt, sieht aber dabei auf dem Boden. »Wieso?«

»Sie riecht nach Holz«, antworte ich leise und atme geräuschvoll den würzigen Holzgeruch aus der Decke ein, während ich mich wieder zu Kim drehe.

»Du hasst Holz, Lene.«

»Lene vielleicht. Milla nicht.«

Kapitel 3

Sehr zittrig und dennoch vorsichtig fährt ein kleiner Finger meinen Nasenrücken entlang, worauf ich verschlafen die Lider aufschlage. Kims grüne Augen sind das erste, was ich an diesem Morgen erblicke. Der Tag fängt ausgezeichnet an, denn die Fieberschübe der letzten Nacht gehören anscheinend der Vergangenheit an.

»Guten Morgen«, flüstert sie lächelnd und rekelt sich zufrieden. »Ich wollte dich ganz lieb wecken.«

»Guten Morgen, das ist dir gelungen. Bist du schon lange munter?«

»Ja, ich habe dich ganz lange angesehen. Ich mag dich.«

Meine Hand fährt zu ihrer Stirn und fühlt, dass das Fieber für eine kleine Atempause gesunken ist und ihre Wangen nicht mehr glühen.

»Heißt das, du lässt mich ab jetzt in dein Zimmer?«

»Ja«, schmunzelt sie und rückt dichter an mein Gesicht. »Ich habe dir zugehört und will noch mehr wissen.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Warum dich niemand in den Arm genommen hat.«

Sie hörte also, wie vermutet, hinter der geschlossenen Tür sehr genau zu. Ich muss innerlich lächeln, denn alle lauschen dahinter. Es ist immer ein gutes Zeichen und ich freue mich unglaublich, dass meine Hartnäckigkeit sich endlich auszahlt.

»Das spielt keine Rolle mehr, denn mich nehmen heute andere Menschen in den Arm?«

»Na, Hallo«, säuselt Carl lieblich aus der geöffneten Tür, tritt an das Bett, wobei er wie ein Herr Direktor seine Hände auf dem Rücken ineinander faltet.

»Opi, guten Morgen.«

»Na, ihr, was gackert ihr zwei Hühner denn hier herum?«, will er wissen und mustert uns eingehend. Seine faltigen Wangen sind heute Morgen leicht gerötet, seine Laune allererste Sahne und sein Hemd frisch gebügelt.

»Frauensachen«, antworte ich. »Die Henne dahinten in der Ecke jaulte die ganze Nacht, weil ihr Ei scheinbar feststeckte.«

Belustigt kichert Kim und bestätigt meine Aussage, wobei sie fantasievolle Geräusche erzeugt, die sie bei diesem Huhn vermuten würde.

»Wer sind Sie?«, fragt er über mich gebeugt und lächelt mich keck an.

Bisweilen weiß ich nicht mit Bestimmtheit, wann er nur vorgibt senil zu sein und wann nicht, wann er mich erkennt und wann er mich für Lene hält.

»Opi, das ist Mama. Du nennst sie Lene.«

»Nö, mach ich nicht und bin noch nicht verkalkt. Hast du mal genau hingehört?«

»Ja, schon, Opi. Du auch?«

»Höre mir zu, mein Junge! Wenn ich dir sage, dass das nicht Lene ist, kannst du mir das getrost glauben!«, beharrt er und stapft aus dem Zimmer. »Bin alt, aber noch nicht senil! Frecher, naseweiser Lümmel. Ich rufe deinen Vater an und lese ihm die Leviten, warum der dich nie besucht.«

Kim kichert wieder und sieht zu mir. In ihren grünen Augen regt sich ein leiser Zweifel, worauf ihr Lächeln erstirbt. Unterdessen steigt Carl laut lamentierend die Treppe hinab, wobei er wettert, dass ihn alle hier für vergesslich halten.

»Sie mochten sich noch nie.«

»Ich mag ihn.«

»Sie fand ihn rentnerisch und langweilig, weil er immer auf der Bank sitzt und stundenlang in den Hof schaut.«

»Rentnerisch? Das Wort gibt es doch nicht!«, zweifele ich ihre Aussage an und durchforste mein Denkarchiv nach einer passenden Akte, finde aber selbst in den hintersten Akten keinen passenden Eintrag zu diesem Wort.

»So hast du ihn aber genannt. Also sie.«

»Er wartet auf den Bus.«

»Ja, ihr war das zu langweilig.«

»Es ist alles andere als langweilig. Ich kann ihm immer alles anvertrauen und er hört mir stundenlang zu. Er erzählt gerne viel und sehr lustige Sachen aus seiner Kindheit.«

»Ja, er würde auch tagelang dort sitzen, wenn Omi ihn abends nicht ins Bett bringen würde.«

»Er hat Demenz und weiß nicht, dass er stundenlang dort sitzt, weil er es vergisst. Als ich die Verstauchung hatte, brachte er mir Vanilleeis, damit ich mein Gelenk kühlen konnte. Wir haben es einfach gegessen, statt meinen Fuß damit zu kühlen. Am Ende war mir schrecklich übel, denn so viel Eis aß ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf einmal.«

»Ich würde auch gerne einmal Eis bis zum Abwinken essen«, schwärmt sie und streckt sich mit ihren dünnen Armen und Beinen.

Hinter uns kichert Thies amüsiert auf. »Nur über meine Leiche.«

»Wenn es sein muss auch gerne über deine Leiche, Papsipap«, entgegnet Kim freudig lächelnd, weil sie ihn nun entdeckt. Sie hebt ihren Oberkörper ein Stück an, um ihn anzusehen, als Thies einen Teller mit Honigbroten und frisch aufgeschnittenen Apfelstücken auf dem Nachttisch abstellt. Es ist unser Frühstück und wurde liebevoll zubereitet.

»Dem großen Rand nach, hat die Signorina das Gröbste überstanden?«

»Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben, aber im Moment geht es mir gut«, antwortet sie dreist und schielt auf den Teller.

»Lass Mama auch etwas übrig und trinke genug. Ich bin derweil in der Werkstatt, sehe später aber noch einmal nach dir, ja?«

»Ja, bringst du dann eine Axt mit?«

»Eine Axt? Wozu?«, wundern sich Thies und ich zeitgleich.

»Na, ich will über deine Leiche«, kichert Kim und versteckt sich unter der Zudecke.

Blitzschnell greift Thies nach ihr und beugt sich dazu über mich, bis sie aufkreischt und der Unterarm, den ich interessiert beobachte, sich irgendwann zurückzieht. Auf leisen Sohlen verlässt er das Zimmer und murmelt: »In Ordnung, dann fällt Camping am Wochenende aus, denn wer frech ist, bleibt zu Hause.«

In einem halsbrecherischen Satz springt Kim zum Fußende. »Ich bin ganz lieb, Papsipap!«

Thies kommt zurück, beugt sich für ein Küsschen auf ihre Wange und streichelt liebevoll über das keck hervor gereckte Kinn. »Werde gesund, dann fahren wir alle drei zum See. Drei Tage ohne erhöhte Temperatur ist meine Bedingung, sonst bleibst du hier im Bett, verstanden?«

Übermütig schlüpft Kim unter die Zudecke und strahlt mich mit ihren Smaragden an. »Camping am See ist so einsame Spitze, sollst sehen! Wir angeln stundenlang Fische, die wir abends auf dem Grill legen und zusammen Kniffel spielen, aber erst muss ich mich gesund machen.«

Wir frühstücken im Bett, doch die offenen Arbeiten des Haushaltes rufen mich. Unter dem Versprechen, nach jeder erledigten Arbeit zu ihr zu kommen, verlasse ich das Zimmer.

Nach einer ausgiebigen Morgenhygiene stehe ich in der Praxis und erfrage mir Arbeiten. Dori und Monique lehnen die Unterstützung nie ab, obwohl sie wissen, dass meine Behandlung schon gelaufen ist und Isabel mich nicht gerne in der Praxis sieht. Ich verbreite ihr zu viel Trubel, weil Carl mit mir singt und Patienten aufheitert.

Ein Grund, warum ich gerne am Empfang der Praxis arbeite, ist der, dass ich bei Gelegenheit über mich recherchieren kann. Heute lese ich, dass die Polizei derzeit alle Fahrer des Taxiunternehmens befragen, die um diese Zeit meines Verschwindens Schicht schoben. Der Student meldete sich in der Zwischenzeit ebenfalls. Lorenz ist als Verdächtiger aus dem Rennen und bestimmt wieder zu Hause.

Zum Glück!

Erleichtert schließe ich die heutige Recherche ab, denn die neuesten Interviews von Viola möchte ich nicht ansehen. Ich beschließe, Lorenz eine Nachricht zukommen zu lassen, und wähle einen Satz aus, der stellvertretend zu dem Thema steht. Eilig schreibe ich den Satz auf einen kleinen Zettel und stopfe ihn mir in die Hosentasche.

Isabel entlässt den letzten Patienten an diesem Vormittag und geht schweigend mit Carl und mir in die Küche des Wohnhauses. Vor dem gemeinsamen Mittagessen sehe ich nach Kim, die im Bett sitzt und andachtsvoll etwas auf ein Blatt Papier zeichnet.

»Was machst du?«, frage ich und klopfe an den Rahmen der Tür.

Sie sieht auf und ich trete interessiert näher, doch in Windeseile ist das Blatt unter der Zudecke verschwunden.