»Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Ich weiß nur, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll.«

Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799)

WELTGESPÜR

IRRWEGE DER GEGENWART UND AUSWEGE IN DIE ZUKUNFT

VORWORT DES AUTORS

Glaubst du auch, dass die Menschheit an einem enorm wichtigen Wendepunkt auf dem Weg in die Zukunft steht? Dass es gerade jetzt auf die nächsten Weichenstellungen ankommt? Fragst du dich manchmal, ob die Lenker dieser Welt den richtigen Kurs eingeschlagen haben oder ob sie die Probleme eher vergrößern? Wenn dies alles zutrifft, solltest du dieses Buch nicht beiseite legen.

Hast du eine Idee, was sich hinter dem Wort »Weltgespür« verbirgt? Erhoffst du dir neue Erkenntnisse über die Lage der Welt? Suchst du ein Buch, das Hoffnung macht?

Bestimmt gehörst du nicht zu den Gleichgültigen, die glauben, dass wir sowieso nichts am Lauf der Dinge verändern können. Vermutlich bist du ein interessierter und aufgeschlossener Mensch, der im Großen und Ganzen um die globalen Gefahren weiß und dem es nicht egal ist, was mit den Regenwäldern, dem Klima, den geschundenen Nutztieren und den Menschen in Deutschland, Syrien oder dem Kongo geschieht. Die Pandemie hat vielleicht auch bei dir Spuren hinterlassen und du weißt, dass alles auf der Erde vernetzt ist und das jede: r von uns einen Einfluss auf das Ganze hat.

Wenn dich dieses Buch auf den ersten Blick anspricht, dann glaubst du grundsätzlich an Wahrheit, Wissen und Hoffnung und hast sehr wahrscheinlich einen gesunden Menschenverstand.

Ich war immer schon offen für neue Denkwege und radikale Schlussfolgerungen, weil ich mich nur der Wahrheit verpflichtet fühle und nicht der Erhaltung bestimmter Gegebenheiten. Ich sehe den Tatsachen ins Auge, auch wenn sie ausweglos erscheinen, und glaube dennoch grundsätzlich an die menschlichen Fähigkeiten, jede Krise zu überwinden.

Doch das wird nur gelingen, wenn es genügend Menschen gibt, denen die Entwicklung der Welt nicht gleichgültig ist, die die Augen nicht verschließen und alles in Frage stellen, statt leichtfertig dem allgemeinen Trend zu folgen.

Falls du das ähnlich siehst, wird dir dieses Buch bestimmt neue Erkenntnisse bringen.

Es kann sein, dass du trotz deiner Zustimmung einen gewissen Argwohn hegst, während du dies liest. Du kennst den Autor nicht und möchtest weder Fake-News noch Verschwörungstheorien aufsitzen. Da sind wir ganz einer Meinung und ich hoffe, dass du dir diese Vorsicht bewahrst!

Lass mich ein wenig mehr von mir und diesem Buch berichten, damit du einschätzen kannst, ob es sich lohnt, mir Vertrauen zu schenken und weiterzulesen.

Seit ich denken kann, spüre ich eine innige Verbindung zu allem Leben und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass es allen Wesen so gut wie möglich geht. Das ist mein größter Ansporn!

Schon früh lernte ich das ganzheitliche Denken der Systemtheorie kennen und es hat mich begeistert, wie einfach man damit der Wahrheit näher kommen kann. Es gibt Gesetzmäßigkeiten, die gleichermaßen für alle Gebilde im Universum gelten: für Planeten und Atome, für Lebewesen und Computer, für Wälder und menschliche Gesellschaften. Man muss sie nur konsequent anwenden! So gelangt man unter anderem zu Schlussfolgerungen, die Irrtümer offenbaren, denen wir unbemerkt tagtäglich aufsitzen. Allein diese Erkenntnis macht das ganzheitliche Denken so wertvoll!

Daraus wurde meine Lebensaufgabe, denn ich wollte ergründen, warum wir Menschen so sind, wie wir sind – eigennützig und selbstlos, engstirnig und weltoffen, kaltblütig und barmherzig – und warum wir trotz unserer geistigen Fähigkeiten offenbar nicht in der Lage sind, die globalen Probleme wirksam zu bekämpfen, deren Dringlichkeit in den letzten Jahren rapide gewachsen ist.

Dieser Aufgabe bin ich treu geblieben und habe ihr viel Lebenszeit geopfert. So stecken im ersten Teil dieses Buches – »Irrwege der Gegenwart« – Erfahrungen und Erkenntnisse aus fast 40 Jahren Einsatz für Mensch und Umwelt, aus unzähligen Überlegungen, Recherchen und Aufbereitungen etlicher Projekte, sowie aus meiner Arbeit als langjähriger Wikipedia-Autor.

Im Grunde beruhen die Gedankengänge in diesem Buch auf einer einfachen Logik und auf anerkanntem, leicht überprüfbarem Wissen. Wenn du dazu nicht gleich in die verwendete Literatur einsteigen möchtest, empfehle ich dir eine Recherche bei Wikipedia. Ich bin dort seit 2006 Autor und habe täglich Gelegenheit, Artikel auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen … und gegebenenfalls zu verbessern. Die Schwerpunkte meiner Arbeit betreffen vorwiegend Themen aus der Ökologie und anderen Bio- und Geowissenschaften, aus Ethnologie, Anthropologie, Archäologie und weiteren Sozialwissenschaften sowie aus dem Natur- und Umweltschutz.

Ein paar Worte zur Qualität der Wikipedia: Als ich meine Mitarbeit bei dem Wissensprojekt begann, habe mich gefragt, ob es der Sache förderlich ist, dass jeder oder jede x-beliebige Internet-Nutzer: in Artikel verändern kann. Zudem habe ich mich seither schon häufiger über den rüden Umgangston bei Diskussionen um Artikelinhalte geärgert. Doch heute stehe ich hundertprozentig hinter dem Projekt, denn die guten und wichtigen Artikel (unter anderem erkennbar an einer möglichst umfangreichen Zahl unterschiedlicher Einzelnachweise) stehen alle permanent unter Beobachtung mehrerer wahrheitsverliebter Autor: innen. So werden auch geschickt eingefügte Privat- und Verschwörungstheorien sowie unbelegte Behauptungen schnell erkannt und entfernt. Im Endeffekt führen alle »Wahrheitsverfälschungen« dazu, dass sich die Hauptautor: innen erneut mit den Inhalten beschäftigen, sodass die Aktualität und Güte der Artikel quasi automatisch immer besser werden muss.

Nach meiner Auffassung kann man die Wikipedia als ganzheitlicher Ansatz sehen, da nirgendwo sonst so viele unterschiedliche Interessen, Kenntnisse und Denkansätze unabhängig arbeitender Autor:innen aufeinandertreffen, um gemeinsam das bekannte Wissen umfassend, ausgewogen, (hoffentlich) verständlich und vor allem fächerübergreifend darzustellen. Eine daran angelehnte Arbeitsweise habe ich mir für dieses Buch zu eigen gemacht.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal meines Buches ist die Schonungslosigkeit, mit der ich vorgegangen bin. So habe ich einfach alles in Frage gestellt – auch grundlegende Glaubenssätze, auf die unsere Gesellschaft seit einigen hundert Jahren baut, ohne ihre Berechtigung zu überprüfen: Etwa Wirtschaftswachstum und Wettbewerb, Eigentum und Vermögen, Arbeit und Fortschritt, Demokratie und Bildung.

Ich bin überzeugt davon, dass ich hier in hochverdichteter Form eine umfassende, schlüssige und verständliche Beschreibung der globalen Zusammenhänge vorlegen kann, die die wesentlichen Ursachen und die möglichen Folgen unseres Handelns offenbart. Ich gehe dabei kaum in die Tiefe, sondern verstehe mein Buch als »Fundament und Interessenwecker« für deine weiteren Recherchen.

Du wirst sehen, dass einige Schlussfolgerungen auf den ersten Blick ungewöhnlich sind und im Widerspruch zu gängigen Meinungen stehen, denn der Großteil des heutigen Wissens stammt zumeist nicht aus einer ganzheitlichen Denkweise. Betrachtet man eine Sache nur aus einem Blickwinkel, bleibt das Wissen unvollständig und man gelangt leicht zu falschen Schlüssen. Außerdem verbergen sich hinter den Aussagen mancher Menschen persönliche Absichten, die ganz andere Dinge verfolgen als die Wahrheit.

Ich würde mich freuen, wenn du meine Gedankengänge für nachvollziehbar hältst und zu ähnlichen Schlüssen gelangst!

Auf dieser Grundlage kann die Erkenntnis reifen, welche Maßnahmen für unsere Zukunft sinnvoll und welche abträglich sind. Jeder Mensch sollte wissen, um was es geht – weil wir alle Einfluss haben!

Es kann sein, dass der erste Teil des Buches wenig Hoffnung macht. Die Lage ist ernst und manche Auswege erscheinen derzeit unerreichbar. Es würde mich wundern, wenn das keine Ängste weckt. Doch je mehr wir über ein Problem wissen, desto besser stehen die Chancen, es zu lösen! Es macht wenig Sinn, sich falschen Vorstellungen hinzugeben oder den Kopf in den Sand zu stecken.

Es gibt bereits viele Menschen, die sich nicht beirren lassen und tatkräftig nach Wegen aus der Krise suchen. Leider kommen solche Ansätze in den seltensten Fällen von Vertreterinnen aus Politik oder Wirtschaft, die sich – oftmals trotz besseren Wissens – nicht von den alten Wegen abbringen lassen. Das sind Wege, die zwar im Moment unseren Wohlstand sichern, aber gleichzeitig zu den globalen Problemen führen, die es zu überwinden gilt.

So findet man die »wahren Hoffnungsträger: innen« vor allem in Nichtregierungsorganisationen ganz unterschiedlicher Zielsetzung. Einige von ihnen möchte ich dir im zweiten Teil des Buches – »Auswege in die Zukunft« – vorstellen.

Ich hoffe, dich und andere Leser: innen mit den 100 genannten Organisationen und Projekten in 22 kurzen Kapiteln anregen zu können, sich in irgendeiner Weise selbst mit einzubringen. Wenn wir bereit sind, unser Handeln immer wieder kritisch zu hinterfragen, unser Selbstverständnis neu zu erfinden und ganz neue Wege einzuschlagen, besteht durchaus Grund zur Hoffnung!

Wir können noch »ganz Mensch« werden, wenn wir wollen! Beginnen wir jetzt damit!

Wuppertal, 12. Juni 2021                                             Frank Baldus

INHALT

Teil 1 – Irrwege der Gegenwart

Einleitung und Ziel – Ganz Mensch werden

Arbeit – Unter zunehmendem Druck

Bildung – Puzzle im Kopf

Christentum – Versteckte Fundamente

Demokratie – Herrschaft der Unvollkommenen

Entwicklung – Wunderbar und doch fehlerhaft

Fortschritt – Hoffnung oder Untergang?

Gemeinschaft – Das Große Wir

Hochtechnologie – Des Menschen Wille

Information – Die Logik der Lüge

Jugend – Beste Voraussetzungen

Klimawandel – Eins, zwei, drei … zu spät

Leben – Anspruch und Wirklichkeit

Mensch – Das unbekannte Wesen

Natur – Quelle allen Lebens

Ordnung – … ist (fast) alles

Pflanzen und Tiere – Rohstoffe oder Verwandte?

Qualität – … statt Quantität

Religion – Die Erkenntnis der Urkraft

Sicherheit – … gibt es nicht

Terror und Krieg – Vermeidbares Schicksal?

Umwelt – Selbstgemachte »Menschenräume«

Verantwortung – Nichts anderes als Liebe

Wirtschaft – Motor der Unersättlichkeit

»X« (Wissenschaft) – Das große Unbekannte

Yin und Yang – Verlorene Ganzheit

Zukunft – Wir werden es erleben

Ausblick – Grund zur Hoffnung … oder nicht?

Teil 2 – Auswege in die Zukunft

Geleitwort

Auf dem Boden der Tatsachen bleiben

Einsatz für den Klimaschutz

Kampf für Umwelt und Lebensgrundlagen

Natur lieben und schützen

Eine Stimme für die Tiere erheben

Demokratie leben und weiterentwickeln

Frieden bewahren und fördern

Kinder sind unsere Zukunft

Ernährung für Mensch und Klima

Forschung im Dienst der Nachhaltigkeit

Das Große Ganze im Blick

Glauben, erspüren, denken, diskutieren

Innere Reifung

Gemeinschaft pflegen und entwickeln

Aus der Not eine Tugend machen

Bekenntnisse für eine bessere Welt

Bewerten, benutzen und unterstützen

Wege zu einer nachhaltigen Wirtschaft

Wirtschaft und Globalisierung neu gestalten

Menschenrechte stärken

Gerechtigkeit für alle Völker

Eine bessere Zukunft gestalten

Schlagwortverzeichnis

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Danksagung

Weitere Bücher von Frank Baldus

TEIL 1

Irrwege der Gegenwart

 

»Die Welt ist Dunkelheit; Wissen ist Licht; aber Wissen ohne Wahrheit ist nichts als ein Schatten.«

Ali ibn Abi Talib (um 600–661)

EINLEITUNG UND ZIEL

Ganz Mensch werden

Verwendete Literatur: [31], [51], [85]

 

Im ersten Teil dieses Buches möchte ich dir die wesentlichen »Irrwege der Gegenwart« in 26 kurz gefassten Artikeln von A bis Z vorstellen. Sie greifen weitestgehend alle Themen auf, die für unser heutiges Leben eine Bedeutung haben. Es sind hoch verdichtete Informationen ohne überflüssige Ausschmückungen oder Fremdworte, die dich direkt zu den wesentlichen Aussagen bringen.

Fett geschriebene Worte und Pfeile verweisen auf den gleichnamigen Artikel. Im Anhang des Buches findet sich überdies ein umfangreiches Schlagwortverzeichnis.

Jeder Artikel endet mit der Seite »Lösungsansätze / Einschätzung«. Dort wird zum einen angerissen, welche Lösungsansätze für die im Artikel beschriebenen Problemstellungen sinnvoll und optimal wären und zum anderen, wie der Autor die Erfolgsaussichten dieser Ansätze persönlich einschätzt. Beides ist jeweils nur als Denkansatz zu verstehen.

Dreh- und Angelpunkt dieses Buches ist eine ganzheitliche Denkweise. Dazu sollte man eine klare Vorstellung von Ganzheiten (Systemen) haben:

»Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile«

Ein System ist ein Gebilde, das aus verschiedenen Einzelteilen bestehen, die miteinander wechselwirken, indem sie verschiedene Stoffe, Energie oder Informationen austauschen, um bestimmte Eigenschaften des Ganzen zu ermöglichen und zu erhalten.

Dabei kann es sich um einen Computer, ein Lebewesen, ein Atom oder einen Stern, aber auch um eine Firma oder einen Staat handeln. Sie alle unterliegen im Wesentlichen den gleichen Regeln – und sie alle weisen Eigenschaften auf, die aus der Betrachtung der Bausteine allein nicht zu erklären sind. Solch ein neues, zusätzliches »Mehr als die Summe der Teile« finden wir bei allen Ganzheiten.

Bei uns Menschen ist das vor allem unser Geist, dessen Besonderheiten und Funktionen sich nicht allein aus der Summe aller Nervenzellen unseres Gehirns erschließen …

Kennt man die allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten der Ordnung, lassen sich auch ohne genaue Kenntnisse über die Einzelteile, wahrscheinliche Aussagen über jegliches untersuchtes System treffen – weitgehend unabhängig davon, um welches System es sich dabei genau handelt.

Da diese Regeln nicht nur in der Gegenwart wirken, sondern seit jeher dem Wandel zugrunde liegen, gehört zu einer ganzheitlichen Untersuchung auch eine Betrachtung des zeitlichen Werdegangs, um einschätzen zu können, wann, wie und warum es zu einer bestimmten Entwicklung kam. Auch aus diesem Blickwinkel erscheinen manche Gegebenheiten in einem völlig neuen Licht.

Entscheidend ist dabei, dass man auch an bekannte Dinge herangeht, als würde man sie zum ersten Mal durchdenken. Das bedeutet, sorgsam darauf zu achten, nicht in alte Denkmuster abzugleiten. Das sind vor allem Vorurteile gegenüber anderen Menschen oder Vorstellungen. Ebenso gehören unbewiesene Behauptungen dazu, wie etwa »Ohne Wettbewerb gäbe es keinen Fortschritt«, »Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger: innen bremst den Arbeitswillen«. Oder auch viele Aussagen von Interessenvertreter:innen der Industrie, wie beispielsweise folgende Mutmaßung von Rafael Grossi, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde: »Jeder Weg zur Erreichung der im Pariser Abkommen festgelegten Zwei-Grad-Schwelle ist ohne Atomkraft nahezu unmöglich«.

Leider begegnen uns solche eigennützigen oder vorschnellen Behauptungen bis hin zu völlig absurden Ideen im Zeitalter des Internets praktisch täglich in einem unglaublichen Ausmaß, sodass die Vorsicht gegenüber dem Unwahren nicht oft genug erwähnt werden kann!

Während Wissenschaftler: innen geschult werden, möglichst viel über sehr wenig herauszufinden, um daraus Schlüsse zu ziehen – kann ein »ganzheitlich geschulter Menschenverstand« umgekehrt von verhältnismäßig wenigen großen Zusammenhängen auf die kleinen schließen – wenn er die entscheidenden Fakten kennt.

Es ist ein Ansatz, die Welt gewissermaßen von oben zu betrachten, wie ein Astronaut, der die Erde bei jedem Blick aus dem Fenster von seinem Raumschiff aus als Ganzes sieht:

In ihrer ganzen, wunderbaren, vollständigen, nicht wirklich fassbaren Schönheit und Verletzlichkeit.

ARBEIT

Unter zunehmendem Druck

Verwendete Literatur: [13], [14], [34], [45], [48], [55]

 

»Stress und Überlastung zwingen immer mehr Arbeiter zu Fehltagen«

Das ist eine Schlagzeile aus der Presse. Sind wir weniger belastbar als unsere Großeltern, deren Alltag noch viel stärker von körperlicher Arbeit geprägt war? Oder sind die vielen Burnouts nur vorgeschoben, um der Arbeitswelt für eine Weile entfliehen zu können? Das sind böswillige Mutmaßungen. Die eigentlichen Ursachen für den zunehmenden Druck liegen woanders:

Ohne Wachstum kann praktisch kein Betrieb längere Zeit überleben. Je größer die Zahl der Wettbewerber, die ähnliche Waren oder Dienstleistungen anbieten, und je höher die Kosten, desto schwieriger ist es für die Firmen, immer mehr Geld zu erwirtschaften. Deshalb muss die Produktionsmenge stetig vergrößert werden.

Hinzu kommt eine mathematische Tatsache von entscheidender Bedeutung: Die Prozentwerte für das Wachstum der Wirtschaft beziehen sich immer auf das bisher schon erwirtschaftete Kapital. Je mehr (erfolgreiche) Jahre vergehen, desto höher ist das Kapital einer Firma und desto mehr muss demnach für dieselbe prozentuale Wachstumsrate erwirtschaftet werden. Drei Prozent im Jahr 2020 erfordern daher einen viel größeren Aufwand als drei Prozent im Jahr 1980. Das ist entscheidend, wird aber fast nie erwähnt.

Dieser »Wachstumszwang« kann zwar zu neuen Arbeitsplätzen führen, doch er verursacht auch einen erheblichen Druck auf die Werktätigen: Immer mehr Leistung bei gleichen Löhnen, sodass der Stress immer größer wird. Auch wenn die Darstellung sehr vereinfacht ist und viele weitere Faktoren fehlen, ändert das nichts an der Zwangsläufigkeit dieser mathematischen Logik.

Es gibt noch eine weitere Ursache für zunehmenden Stress in der Arbeitswelt. Alle Menschen suchen ihren Vorteil, um ihr Leben so gut es geht zu gestalten. Dieser »Eigennutz der Gene« ist vom Grundsatz her überlebenswichtig, denn nur so können wir uns erfolgreich weiterentwickeln und den Anforderungen des Lebens gerecht werden. Die wachstumsorientierte Arbeitswelt lenkt diesen Drang jedoch zuerst auf Erfolg und Karriere im Beruf. Je größer der Druck wird, um sich im Job zu behaupten, und je mehr sich die Arbeitnehmer: innen vereinnahmen lassen, um die gewünschte Anerkennung zu bekommen, desto mehr kann die Arbeitswelt den gesamten Alltag bestimmen. Dabei können viele andere wichtige Dinge auf der Strecke bleiben: Entspannung, Gesundheit, Familie … bis hin zur Auseinandersetzung mit den weltweiten Problemen, die uns alle betreffen.

Schlussendlich haben vor allem Einkommen und Vermögen einen erheblichen Einfluss auf unser Leben, denn Geldbesitz beeinflusst maßgeblich Bildung, Lebensstil und Wertvorstellungen eines Menschen und somit auch seine Auffassung von Gemeinschaft und Sicherheit. Obwohl die Tarifverhandlungen hier für Gerechtigkeit sorgen sollen, bestehen heute enorme Einkommensunterschiede, die nichts mehr mit dem tatsächlichen Wert einer bestimmten Arbeit zu tun haben! Die sehr große Spanne zwischen Niedriglohn und Top-Verdienst fördert die Ungleichheit der Menschen. So entzieht der Reichtum einiger Weniger (sprich: die Gesamtvermögen aus jahrzehntelanger Vermehrung von Geldern, die nicht zum Leben benötigt werden oder der produzierenden Wirtschaft dienen) der Gesellschaft Mittel, die dringend für das Gemeinwohl benötigt würden. Als Beispiel zur Veranschaulichung dieser Aussage eignet sich etwa ein Vergleich des rund 160 Mrd. Euro großen »Corona-Lochs« im deutschen Staatshaushalt von 2020 mit den über 700 Milliarden Euro Privatvermögen der 500 reichsten Deutschen.

Ein weiteres Gedankenspiel bezieht sich auf die Ungleichheit der Einkommen: Würde man alle Nettoeinkommen in Deutschland radikal nach Kopfzahl umverteilen – losgelöst von Alter, Bildungsstand, Beruf und Herkunft der Menschen –, hätte nach Berechnungen der OECD im Jahr 2015 jede:r Deutsche rund 32.000 Euro verdient (das entspräche über 10.500 Euro pro Monat für eine Familie mit zwei Kindern – ohne Verteilung der vorhandenen Vermögen).

Würden Vermögen und Einkommen gerechter verteilt, bräuchten wir alle wesentlich weniger arbeiten, könnten mit 60 in Rente gehen und Kinder- oder Altersarmut wären Fremdworte.

Das Modell der einheitlichen Gleichbehandlung der Menschen stammt von traditionellen Jäger- und Sammlerkulturen, die keine Leistungsorientierung kannten und die von einigen Völkerkundlern als »ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft« bezeichnet wurden.

Deswegen sollten wir nie vergessen, dass insbesondere die Bedingungen bei den Themen Arbeit und Geld nicht auf einer naturgesetzlichen Ordnung beruhen, sondern auf gesellschaftlichen Vereinbarungen, die vom Grundsatz her veränderbar sind!

Lösungsansätze / Einschätzung

Politik:

Die Abkehr vom Wachstumszwang im Rahmen einer kompletten Neugestaltung des globalen Wirtschaftssystems und eine gerechtere Entlohnung würde die Teufelskreise von Leistungsdruck und Einkommensunterschieden beheben. Ein erster Schritt wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen, um unabhängig von Arbeitsleistung oder persönlichem Glück allen Bürger: innen eine Teilhabe am Gesamterfolg der Gesellschaft zu ermöglichen. Radikal, aber sozial wahrscheinlich vertretbar und höchst hilfreich für die Gesellschaft wäre auch eine Obergrenze für Vermögen mit entsprechender Reichenabgabe.

Um die Wirtschaft grundlegend zu verändern, müsste sich die Gesellschaft vorab fragen, ob grenzenloses Pvivateigentum, die Länge der Arbeitszeiten, die Bewertung aller Dinge in Geldeinheiten und die Machtfülle der Reichen noch zeitgemäß sind. Wichtige Arbeit leisten hier unter anderem die Globalisisierungsgegner: innen – zum Beispiel von attac – oder Bürgerinitiativen wie »Arbeitszeitverkürzung jetzt« (beide → Teil 2).

Arbeitnehmer: innen:

Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft (DGB → Teil 2), um für mehr Freizeit und Lohn zu kämpfen.

Je größer die Gewerkschaften, desto größer ihr Einfluss. Auf diese Weise könnte die Zunahme von Ungleichheit und Stress sicherlich verlangsamt werden. Allerdings sind Gewerkschaften Teil des drerzeitigen Systems, sodass sie einen grundsätzlichen Wandel wohl kaum fördern würden.

Politischer Einsatz für das bedingungslose Grundeinkommen und neue Modelle der Zusammenarbeit in Betrieben.

Pilotprojekte in einigen Ländern sind ein Anfang. Beispielhaft für einen Betrieb mit maximaler Mitbestimmung und Freiheit aller Mitarbeiter: innen ist Locura in Köln (→ Teil 2).