Sandra Noack

Patientin Jahrgang 1979,
auf der Treppe
ausgerutscht

Wie Corona in mein Leben trat
(und leider nicht mehr ging)

Was es vorweg zu sagen gibt

Kreis Heinsdorf

Die Nacht in der sich Corona zeigte

Wie konnte es nur soweit kommen

Zeitreise in das Jahr 2017

DAS Krankenhaus

Corona positiv und keiner weiß es

Sechs Tage Isolationszimmer

Die Isolationshaft namens Quarantäne

Lockdown für Anfänger

Freigang im Sommer, aber mit Bewährungsauflagen

Lockdown für Fortgeschrittene

Lockdown für Profis

Die Corona Notbremse

Der Versuch einen Türgriff zu ersetzen

Immun oder nicht immun? – Das ist hier die Frage

Ich träume von der 116117

Open end vs happy end

Was bleibt

Ein letztes Danke

Für

Basti, Anna und Line

Ich liebe euch!

…was für eine Zeit

Was es vorweg zu sagen gibt

Hallo, darf ich mich kurz vorstellen?! Wie Sie dem Titel entnehmen können, bin ich Jahrgang 1979. Des Weiteren bin ich verheiratet, Mutter von drei noch recht kleinen Kindern (9,7 und 4 Jahre alt) und beruflich bin ich seit meiner ausgelaufenen Elternzeit noch bis zum Sommer 2021 eine beurlaubte (das Wort Urlaub ist hier eigentlich völlig fehl am Platz) Studienrätin für die Fächer Geschichte und Sport. Sport war schon immer meine größte Leidenschaft. Ich bin schon mehr als einmal Marathon gelaufen – in Laufschuhen wie auch auf Inline Skates, habe einige Monate mit Radtouristen als Mountainbike-Guide die Insel Gran Canaria erkundet, habe semiprofessionell Fußball gespielt und parallel dazu die Trainer A-Lizenz gemacht. Somit habe die meiste Zeit meines Lebens mein Bewegungssoll erreicht und mich in Gruppen bewegt. Beruflich wie privat hatte ich immer Menschen um mich. Nach meinem Studium in Köln bin ich mit zwei Freunden und einem Rucksack einmal um die Welt gereist. Und das war nicht die einzige Reise in meinem Leben, obschon die Größte. Das sind nur zwei Aspekte meines - wie ich meist sehr zu schätzen weiß - äußerst privilegierten Lebens, die vielleicht erahnen lassen, dass ich – wie wahrscheinlich viele andere auch auf dieser Welt – nicht für eine Pandemie mit diesen Einschränkungen, die Corona mit sich brachte und immer noch bringt, gemacht bin.

Für alle weiteren Informationen müssen Sie jetzt einfach weiterlesen – genauso wie für die Aufklärung des Titels von diesem Buch. Verkneifen Sie sich aber das schnelle Urteil, dass dieser Rahmen die perfekte Voraussetzung sei, ein Buch zu schreiben. Schon ertappt? Ob Sie bei Ihrem Urteil bleiben oder doch feststellen, dass dieses Buch nicht in unendlich vielen Stunden entstanden ist, in denen ich vor lauter Langeweile nicht wusste, was ich hätte Besseres machen können, sondern alles ein wenig komplexer ist als es vielleicht scheint, können Sie ebenfalls durch Weiterlesen herausfinden.

Auf das Wort Corona brauche ich nach über einem Jahr Pandemie im Vorwort nicht erklärend eingehen. Das ist für niemanden mehr ein Fremdwort. Also komme ich gleich zur Intention. Warum gibt es dieses Buch?

Wir, damit meine ich meine ‚Kernfamilie‘ – wie es so schön heißt - haben niemanden durch das Virus verloren, wir haben gute Rahmenbedingungen, trotzdem geht es uns nicht gut. Man kann sagen, wir vermissen, wir verzichten, wir leiden.

Jeder hat Dinge, mit denen er besser oder schlechter klar kommt. Jemand, der aus welchen Gründen auch immer nicht gut Luft bekommt, wird die Maske als große Einschränkung oder sogar als Zumutung empfinden. Wer das Fitnessstudio braucht um keine Rückenbeschwerden zu haben und die Übungen nur im Kurs regelmäßig wiederholt, ist nicht zwangsläufig undiszipliniert, sondern einfach ein geselliger Mensch, ein soziales Wesen. Und auch Kinder, die ein eigenes Zimmer haben und einen Garten nutzen können, dürfen leiden, schimpfen und weinen, weil ihnen etwas oder sogar ganz viel fehlt. Die Pandemie trifft uns alle. An den unterschiedlichsten Stellen, unterschiedlich schwer. Allein über die Aufzählung solcher Beispiele ließe sich ein Buch schreiben. Urteile, besonders über die ‚objektive Belastung‘ oder die Gewichtung von Belastung sind gar nicht möglich, nicht zielführend, sogar überflüssig und zerstören meiner Meinung nach ganz viel von dem, was eine Gesellschaft eigentlich ausmachen sollte. Trotzdem ist es Alltag, die Situation der anderen zu bewerten; die Pandemie macht es außergewöhnlich offensichtlich. So kommt es mir vor. Wobei wir beim Punkt wären. Dies ist MEINE Corona Geschichte, von der ich das Gefühl hatte, es tut mir gut sie aufzuschreiben. Für das klassische Tagebucherlebnis fand ich mich zu alt. Ob jemand meine Geschichte liest, ist nebensächlich. Trotzdem fühlt es sich auch gut an, ein Buch geschrieben zu haben. Das kann ich nicht leugnen. Also, das Schreiben hat sich für mich gelohnt. Ob sich das Lesen für Sie lohnt, das müssen Sie herausfinden.

Wichtig ist mir, Ihnen mit auf den Weg zu geben, dass Sie bitte nicht jedes Wort, nicht jeden Satz zu ernst nehmen. Ich habe nichts erfunden, aber Humor und manchmal auch Ironie und Sarkasmus helfen mir, schwierige Situationen zu meistern bzw. zumindest besser bewältigen zu können. Und lachen tut sicherlich nicht nur mir gut. Sie sehen, ich möchte nur Ihr Bestes. Meine subjektive Wahrheit ist der Rahmen, der hier manchmal ein wenig ausgeschmückt wurde oder fantasievoll beschrieben wurde. Das Geschilderte ist aber tatsächlich passiert, in den Fakten genauso wie aufgeschrieben.

Ich weiß, dass jeder sein Bestes gegeben hat und mehr als Alles kann man nicht geben. Was auch immer der Grund dafür sein mag, dass Fehler passiert sind, hat dies niemand mit Vorsatz oder gar böser Absicht gemacht und deshalb soll sich auch niemand persönlich angegriffen fühlen – auch wenn ich für mich beschlossen habe, die ein oder andere Konsequenz aus manchen Erfahrungen zu ziehen. Es geht in keinster Weise um Abrechnung, Verurteilung oder was man fälschlicherweise sonst noch vermuten könnte. Deshalb wird natürlich selbstverständlich niemand mit Namen erwähnt oder erkennbar gemacht (außer beim Bedanken bzw. positiven Hervorheben). Im Laufe des Buches werden Sie verstehen, was ich meine.

Pandemie war einfach noch nie, nicht so und meine Generation hat ebenso wie die vor mir und die nachfolgende noch keine derartige Herausforderung erlebt – nicht in Westeuropa. So hat jeder nun seine ganz persönliche Corona Geschichte. Dies ist meine. Und da ich als Geschichtslehrerin Quellen interessant finde und Geschichten von Menschen sehr spannend finde, mache ich meine Geschichte jetzt öffentlich und stelle mich sozusagen auf die ‚andere Seite‘. Bisher habe ich immer nur gelesen und konsumiert. Vielleicht nehmen Sie etwas mit, erkennen etwas wieder oder lassen sich einfach nur unterhalten. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall ein lohnendes Leseerlebnis.

Ich hoffe, man verzeiht mir, dass ich nicht genderkonform schreibe. Als tolerante, weltoffene Frau hat dies nichts mit meiner Einstellung zu tun, sondern dient lediglich der Einfachheit. Ich denke, dieses Buch lässt sich so besser lesen. Es ist zudem mein erstes Buch, sieht man einmal von meiner Diplomarbeit ab, und ich möchte mich auf den Inhalt konzentrieren können. Ich betrachte Menschen als Menschen, Leser als Leser, ohne Unterschiede und ich ignoriere niemanden oder verurteile gar jemanden durch die Vermeidung weiterer sprachlicher Ausdrücke.

Kreis Heinsdorf

Heute (Veilchendienstag 2020) wurden zwei Patienten mit dem Corona Virus ins Erkelenzer Krankenhaus eingeliefert. Der Kreis Heinsberg – oder wie es der Tagesschau Sprecher am nächsten Tag formulierte, der Kreis Heinsdorf – schließt für den Rest der Woche alle Schulen und Kindergärten. So oder so ähnlich trat Corona konkret in die unmittelbare Nähe meines Lebens, abends um 22 Uhr durch eine Whats App Nachricht in einer der unzähligen Schul- und sonstigen Elterngruppen. Nicht immer schlecht so eine Gruppe oder so viele Gruppen. So verpasst man nichts – nichts Wichtiges und nichts Unwichtiges und wird gleich mehrfach informiert. Herrlich wie ein und dieselbe Nachricht über den gleichen Kanal einen im Minutentakt dazu bringt aufs Handy zu schauen. Glaubwürdiger wurde es dadurch natürlich auch nicht. Komische Fake News…Da haben wohl einige beim Kreis zu viel Karneval gefeiert. Auf die Idee Karneval zu verlängern, muss man erst einmal kommen. Bis Mitternacht dauerte es noch bis ich realisiert hatte, dass sich niemand diese Nachricht ausgedacht hatte. Prima, dann stelle ich mal alle Wecker aus und plane morgen früh einen Besuch beim Bäcker ein, damit das Aschermittwochsfrühstück auch richtig gut schmeckt. Zwei Lehrer mit drei kleinen Kindern, wohnhaft in Wegberg, war an diesem Tag quasi ein Sechser im Lotto. Und mit dem entgangenen traditionellen Gottesdienst zu Beginn der Fastenzeit war der Preis für dieses Virus für unsere Kinder auch noch nicht hoch.

Die Freude im Kreis Heinsberg zu wohnen währte allerdings nicht lange. Wie? Die Menschen aus dem Kreis Heinsberg werden gebeten nicht zum Bundesliga Spiel der wahren Borussia gegen die andere Borussia ins Stadion zu kommen. Da hört der Spaß aber auf. Zumal ich nur zugezogen bin. Ich kannte den Kreis doch die ersten 26 Jahre meines Lebens gar nicht. Und überhaupt, gehört Gangelt, also der Corona Hotspot, überhaupt wirklich zum Kreis? Das ist weiter weg als die niederländische Grenze und zwei Nachbarkreise. Da aber schon kurze Zeit später nicht mehr nur unser Kreis zu leiden hatte, spielten diese Gedanken bald keine Rolle mehr und ich musste zumindest in Hamburg niemandem mehr erklären, wo Wegberg liegt. Kreis Heinsberg reicht als Erklärung mittlerweile völlig aus. Es ist nicht alles schlecht, wie schon so Mancher sagte. Nur den Humor nicht verlieren.

Die Nacht in der sich Corona zeigte

Das hatten wir beim Hausbau wirklich nicht bedacht, aber in dieser Nacht fiel es mir auf. Unsere Treppe ist während eines Sturzes und auch danach extrem unbequem.

Während meine Entscheidung, ob die Treppe oder das bodentiefe Fenster vor der Toilette – bevor sie völlig erschrecken zumindest noch der Hinweis, dass dieses Fenster zum Garten raus in der ersten Etage längst mit Folie beklebt ist - die größere Panne beim Bau war, noch nicht gefallen ist, musste ich aber in dieser Nacht Ende März außerdem feststellen, dass die Treppe dafür sehr pflegeleicht und stabil war und wahrscheinlich immer noch ist. Auf eine Wiederholung der Ereignisse um meine Aussage zu festigen, habe ich allerdings verzichtet und bleibe lieber unwissenschaftlich an dieser Stelle. Die Blutflecken gingen problemlos raus und nicht einmal eine kleine Kitsche hat mein Dickschädel geschafft in die Treppe zu hauen. Alle Spuren konnten somit beseitigt werden.

Wenn ich ihre Neugier immer noch nicht geweckt habe, lesen Sie trotzdem weiter. Vielleicht kommt der Abschnitt, der Sie fesselt, amüsiert oder was auch immer dieses Buch soll, ja noch. Ich verspreche Ihnen, ich gebe mir Mühe. Bleiben Sie optimistisch und lachen Sie so oft wie möglich, ganz unabhängig von meinem Talent zu schreiben.

Wie Sie vielleicht schon durch detektivisches Gespür erahnen können, bin ich die Treppe in unserem Haus in der Nähe der niederländischen Grenze und ganz weit weg von Gangelt hinuntergefallen. „Patientin, Jahrgang 1979, auf der Treppe ausgerutscht“ - das waren die Worte der Notärztin als Erstinfo an das Krankenhaus, in das ich gebracht werden sollte. Als Lehrerin würde ich dort direkt ein paar Fehler rot anstreichen. Patientin, also weiblich, hatten sie immerhin richtig erkannt. Jahrgang 1979 mussten sie einfach glauben, wobei sie sicher in besserem Zustand ein Kompliment hätten fallen gelassen wie man mit 41 nur so jung aussehen kann. Wundern Sie sich nicht. Das Buch soll ja nicht nur Ihnen gut tun, sondern auch mir. Dass der Sturz auf der Treppe passiert sein musste, war anhand der Blutflecken auch nicht zu übersehen. Kommen wir zu dem entscheidenden Punkt: Warum? Ich war keineswegs ausgerutscht – ok, vielleicht sogar, aber ich war dabei bewusstlos. Ich war also auf der Treppe bewusstlos geworden. Das stand gar nicht auf meiner to do Liste oder auf der Liste, der Dinge, die man im Leben unbedingt einmal gemacht haben muss, aber ich bin ja grundsätzlich offen für Ideen. Wie es dazu kam, dass ich in doch noch recht jungen Jahren mitten in der Nacht – was hatte ich dort überhaupt zu suchen? – bewusstlos die Treppe runter gefallen war, hatte dann eben doch mit dem für mich so weit entfernten Corona Virus zu tun. Gangelt, China, der Mars – gefühlt alles gleich weit weg und nicht in meinem näheren Interessengebiet, was diese Regionen nicht im Geringsten abwerten soll. Für mein Leben spielten sie bisher nur keine Rolle, wenn man einmal von einem einmaligen Besuch des Gangelter Tierparks einige Jahre zuvor absieht.

Wie konnte es nur soweit kommen

Muss ich wirklich so dringend auf die Toilette? An diesem Wochenende Ende März 2020 war ein klares JA als Antwort auf diese Frage der einzige Grund mich zu bewegen. Ich hatte zuvor alles versucht meinen Zustand zu ändern. Ich hatte mich furchtbar geärgert und war auch kurz davor meinen Beinen zu sagen, dass es unmöglich sei, mich so hängen zu lassen, aber weder Frust noch Wut noch Ignoranz oder gar Akzeptanz brachten eine Verbesserung. Seitdem habe ich Mitleid mit meinem Handy, wenn es weniger als 20 Prozent Akkuleistung hat. Auf Energiesparmodus zu fahren, ist schlichtweg anstrengend, ermüdend und von erholsam so weit weg wie eben das Corona Virus von mir – wie man sich täuschen kann. Alle Theorien über meine Verfassung und Schlussfolgerungen wie ‚ich brauche vielleicht mal eine Mutter-Kind-Kur‘ oder einfach nur ‚einen Lottogewinn für einen vierwöchigen All inklusive Urlaub auf den Seychellen‘ spielten an dem Sonntagabend aber keine Rolle mehr als ich mich dazu entschied auf der Couch zu schlafen. 13 Stufen bis zum Schlafzimmer hoch gehen? Unvorstellbar.

Da ich zumindest in anderen Sachen schlafen wollte als ich den ganzen Tag schon auf der Couch liegend angehabt hatte – ein bisschen Abwechslung wollte ich mir dann doch gönnen – holte mein achtjähriger Sohn mir ein T-Shirt und eine kurze Schlafanzughose aus dem Schrank. Hätte ich gewusst, was in der Nacht noch folgen würde, hätte ich mehr auf die Auswahl geachtet. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass dieses schicke Abi-T-Shirt von 1998 mit mittlerweile zwei Löchern und dem Abimotto „Filmriss“ groß als Aufschrift vorne zu lesen die eigenen vier Wände nicht verlässt und normalerweise in der Nacht weder der Paketbote noch die Nachbarin klingelt (und wenn, hätte jemand anders aufgemacht), ist man an der einen oder anderen Stelle fahrlässig im Umgang mit sich selbst oder die Fantasie reicht nicht aus um gewisse Dinge zu antizipieren.

Wie auch immer, bis 1:39 Uhr schlief ich recht gut in diesem T-Shirt samt nicht passender kurzer blauer Hose. Ich stellte mit Blick auf die Uhr fest, dass ich immerhin etwa drei Stunden am Stück ganz gut geschlafen haben musste. Allerdings schien der Schlaf mir nicht gut getan zu haben. Mein Körper hatte diese Phase dazu genutzt den ohnehin schon ziemlich angeschlagenen Zustand noch zu verschlechtern. Bisher war ich ‚nur‘ absolut matt, kraftlos und abgeschlagen gewesen. Jetzt hatte irgendjemand mir einen Stein – und keinen kleinen, eher einen Fels – auf die Brust gelegt. Puh, nicht gut, dachte ich. Vielleicht gehe ich doch mal hoch und wecke meinen Mann. Der Gedanke war im Nachhinein noch schlechter. Aber hinterher ist man ja immer schlauer. Der Weg aus dem Wohnzimmer durch den Flur bis zur Treppe wurde von meinem Kreislauf nur noch schwach begleitet und toleriert. Ganz ohne Alkohol oder Hypnose, ganz ohne mein Verschulden befand ich mich gefühlt in einer Art Trance, die aber nicht lange genug dauerte um mir Gedanken machen zu können. Wenige Augenblicke später muss mein Kreislauf irgendwo auf diesen 13 Stufen Richtung Schlafzimmer den Dienst verweigert haben – obwohl ich ansonsten sehr nett mit ihm umgehe. Ganz ohne muskuläre Anspannung und Augen, die einem den Weg weisen, ist durch die Schwerkraft der Weg nach unten vorprogrammiert. Ich bin nicht undankbar, dass das Schmerzzentrum in Bewusstlosigkeit auch nichts meldet, zumindest nichts spürbar. So eine Holztreppe mit einer annähernd 90 Grad Kurve nimmt einen nicht sanft in Empfang. Immerhin hatte ich an diesem Abend keine Dinge auf der Treppe gelagert wie es so oft der Fall war und immer noch ist, wenn die Kinder Dinge unten liegen lassen, die dann beim nächsten Gang nach oben mitgenommen werden sollen. Aber auch auf das Aufräumen hatten wir an dem Abend verzichtet – wie auf so Vieles andere. Ich erspare Ihnen die Details. Unterhaltsame Bücher sind dafür da, in Geschichten zu versinken und kreativ eine Geschichte im Kopf entstehen zu lassen. Ich lasse Ihnen gerne an der ein oder anderen Stelle Raum dafür. Unsere Treppe war also frei von jeglichem Spielzeug, Kleidungsstücken und leider auch frei von Decken oder Kissen. Es wäre ein glücklicher Zufall gewesen, der wie es bei Zufällen ebenso ist, nur selten eintritt.

Kommen wir zu den guten Dingen des Abends, immer positiv denken und das Gute erkennen…mein Mann hat den Aufprall gehört, ihn nicht in seinen Traum eingebaut und friedlich weiter geschlummert, mein Mann hat sich entschieden aufzustehen und nachzusehen, mein Mann hat die Telefonnummer 112 auch nachts um zwei parat (man sollte auch die Kleinigkeiten sehen) und die Telefonleitung funktionierte zudem. Dem ersten Notarzteinsatz für mich stand also nichts mehr im Weg.

Stellen sie sich kurz einen reibungslosen Notarzteinsatz mit anschließender Behandlung im Krankenhaus vor. Verwerfen Sie nun diese Gedanken und überlegen Sie nun, was alles schief laufen kann. Sie haben sicher gute Ideen wie der Fahrer verfährt sich oder eine Straße ist gesperrt, es ist kein Behandlungszimmer frei oder man verbindet den falschen Arm. Es wurde viel spannender oder wie ich im Nachhinein zu sagen pflege, es wurde absurd. Absurd ist aber oft eben auch lustig und so habe ich meinen Humor nicht verloren und ich konnte viele Leute später damit amüsieren oder staunen lassen. Es ist schließlich alles gut ausgegangen.

„Ich hätte jetzt gerne einen Mundschutz“, sagte die Notärztin, nachdem bei mir 39 Grad Fieber festgestellt worden war. Das Gespenst Corona war kurzfristig zu Gast. Es schien aber auf der Fahrt ins Krankenhaus ausgestiegen zu sein, denn im Krankenhaus schien man dem Virus den Zutritt verweigert zu haben oder zumindest dies zu wollen. Dazu aber später mehr, denn der Weg ins Krankenhaus glich bereits dem Sendekonzept der „Versteckten Kamera“.

Nach einem Check auf der Treppe in besagtem Outfit unmittelbar neben der offenen Tür bei 2 Grad Außentemperatur, legte man mich auf die Liege vor die Tür. Kältetest bestanden. Die Patienten lebt noch, hatte man mit einfachen Mitteln festgestellt. Ich fror. Zittern ist für jeden Laien ein Indiz, dass noch nicht alles verloren ist. Dieser Test wurde ausgeweitet, aus mir unerklärlichen Gründen. Vielleicht hat man gehofft, dass das Virus erfriert, wenn man mich nur lange genug in meinen 1A Winterschlafanzug für die Tropen bei Frost draußen liegen lassen würde. Auch die Hecktür des Krankenwagen hatte man sicherheitshalber über 20 Minuten offen stehen gelassen, damit auch wirklich keine Wärme mehr im Innenraum vorhanden sein konnte. Warm wurde mir so schnell nicht. Positiv gesehen war die Konzentration auf die Kälte bzw. das Zittern eine perfekte Ablenkung von der Gesamtsituation, die immer noch weit weg von zufriedenstellend war. Aber es geht hier ja nicht ums Jammern, sondern ums Amüsieren und Staunen. Somit beenden wir diesen Abschnitt hier.

Auch die Überlegung mich gar nicht erst in ein Krankenhaus zu fahren, überraschte aufgrund meines desolaten Zustandes ein wenig, aber logisch gedacht kann ich natürlich niemanden außerhalb des Hauses anstecken, wenn ich das Haus erst gar nicht verlasse.
Man entschied sich aber doch dafür, mich in ein Krankenhaus zu fahren. Nicht in ein Krankenhaus, in DAS Krankenhaus. Nach einer schlechten Erfahrung drei Jahre zuvor, wollte ich nicht nachtragend sein und gab DIESEM Krankenhaus eine zweite Chance. Eher unfreiwillig, aber da der Zufall mit einem dicken Kissen auf der Treppe schon nicht eingetroffen war, würde schon kein Zufall in der Form eintreten, dass ich an derselben Stelle wieder an wenig professionelle Mitarbeiter geraten würde. Beurteilen Sie selbst.