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Aus einer Schnapsidee heraus bemühte sich Petra Hartlieb im Urlaub gemeinsam mit ihrem Mann um eine gerade geschlossene Traditionsbuchhandlung in Wien – und bekam überraschend den Zuschlag. Von einem auf den anderen Tag kündigte sie ihren Job und begann mit ihrer Familie ein neues Leben in einer neuen Stadt, ohne zu wissen, worauf sie sich einlässt.
In diesem Buch erzählt sie ihre eigene Geschichte und die ihrer Buchhandlung. Einer Buchhandlung, die zum Wohnzimmer für die eigene Familie wird, und zum Treffpunkt für die Nachbarschaft. Mit Stammkunden, die zu Freunden werden, und Freunden, die Stammkunden sind. Petra Hartlieb erzählt in einem schlagfertigen und humorvollen Ton, der jede Zeile zu einem großen Vergnügen macht und jedes Kapitel zu einer Liebeserklärung an die Welt der Bücher.
 
Petra Hartlieb wurde 1967 in München geboren und ist in Oberösterreich aufgewachsen. Sie studierte Psychologie und Geschichte und arbeitete danach als Pressefrau und Literaturkritikerin in Wien und Hamburg. Seit 2004 betreibt sie mit ihrem Mann eine Buchhandlung in Wien. Gemeinsam mit Claus-Ulrich Bielefeld ist sie das Autorenduo einer Krimireihe, die im Diogenes-Verlag erscheint.

Petra Hartlieb

Meine wundervolle
Buchhandlung

 

 

 

 

Für meinen Mann Oliver, das kleine Kind und das große Kind, das blonde Kind und seinen Bruder

 

Mit Dank an all jene, ohne die es unsere Buchhandlung nicht geben würde

 

Wir haben eine Buchhandlung gekauft. In Wien. Wir haben eine Mail mit einer Zahl geschrieben, ein Gebot, einen Betrag, den wir gar nicht hatten, und nach einigen Wochen kam die Antwort: Sie haben eine Buchhandlung gekauft! So etwas passiert dir nur bei eBay, wenn du dich hinreißen lässt und mehr bietest, als du eigentlich wolltest, weil sich das Kind das Harry-Potter-Lego so sehr wünscht und du dann diese eine Zahl hingeschrieben hast und keiner, verdammt noch mal keiner, findet sich, der mehr bietet. Und nun haben wir für eine Buchhandlung geboten, in einer Stadt, in der wir nicht leben, mit Geld, das wir nicht haben. Und haben sie bekommen. Und jetzt? Jetzt müssen wir das durchziehen.

Durchziehen heißt: Oliver kündigt seinen guten und gut bezahlten Job in einem großen deutschen Verlag. Ich verabschiede mich von dem Gedanken, Literaturkritikerin zu sein, gebe meinen Funkhausausweis zurück und beichte den Mädels aus der coolen Bürogemeinschaft im Hamburger Schanzenviertel, dass sie sich eine neue Mieterin suchen müssen. Wir erklären dem sechzehnjährigen Sohn, durch und durch norddeutsch und das erste Mal verliebt, dass wir nach Wien ziehen werden. Wir rufen den Freund mit dem Erbe an und fragen, ob sein Angebot, uns eine beträchtliche Summe zu leihen, noch steht. Wir rufen die Freunde in Wien an und fragen, ob ihr Angebot, vorübergehend bei ihnen einzuziehen, noch steht.

Dabei hatte alles so harmlos angefangen. Der verregnete Hamburger Sommer schlug uns aufs Gemüt, also quartierten wir uns für zwei Wochen bei Freunden in Wien ein. Faul im Garten rumliegen, hin und wieder ins Schafbergbad, Gastgarten, Heuriger, Freunde treffen – das war der Plan.

Ein Abendessen mit einem befreundeten Verlagsvertreter veränderte alles. Klatsch und Tratsch aus der Branche, und ach, wie schade, dass ihr nicht in Wien wohnt, und stellt euch vor, da hat so eine kleine Buchhandlung einfach zugesperrt, gute Lage, Stammkundschaft.

Nach ein paar weißen Spritzern ist völlig klar: Eine Traditionsbuchhandlung, die vor ein paar Tagen aus welchen Gründen auch immer einfach nicht mehr aufgesperrt hat, wird unsere Zukunft. Theoretisch zumindest. So eine kleine Buchhandlung in Wien, das wär doch was, und je länger der Abend, desto logischer ist es – die Buchhandlung ist unsere!

Am nächsten Morgen erinnern wir uns dunkel an die Euphorie der Nacht, also geht’s nach dem Frühstück nicht ins Schwimmbad.

Nur mal schauen, ganz unverbindlich. Und tatsächlich: Eine Buchhandlung mit braunen Schaufensterrahmen aus den Siebzigern, hinter den verschmierten Scheiben vollgeräumte Schaukästen, drinnen alles dunkel und an der Tür ein handgeschriebener Zettel. Ab 1. August ist die Buchhandlung geschlossen: Wir bedanken uns bei allen Kunden für ihre langjährige Treue.

»Ist ja eh eine Schnapsidee, aber du könntest doch mal rausfinden, was damit ist und wer die Besitzer sind?« Oliver weiß immer ganz genau, auf welchen Knopf er bei mir drücken muss. Schon hänge ich am Telefon und spreche mit allen aus der Branche, die gerade nicht im Urlaub sind.

Eine Traditionsbuchhandlung sei das gewesen, zumindest in den siebziger und achtziger Jahren. Einem Sohn der Familie habe sie gehört zum Schluss, aber Genaues wisse man nicht. Natürlich schaffe ich es, den Besitzer ans Telefon zu kriegen, und zwei Tage später haben wir einen Besichtigungstermin. Ganz unverbindlich. Eh eine Schnapsidee. Aber schauen kann man ja mal. Und dann stehen wir in einem vierzig Quadratmeter großen düsteren Raum, Regale bis zur Decke, ein schmutziger Plastikboden, Drehsäulen mit Büchern, eng und zugestellt, eine flackernde Neonröhre – und finden es gut. Also, natürlich finden wir es hässlich, aber irgendwie … es fühlt sich gut an. Im Hinterzimmer führt eine gusseiserne Wendeltreppe steil nach oben in eine Wohnung, die sich über die gesamte erste Etage des Hauses erstreckt. Also, Wohnung wäre ein zu großes Wort. »Das Objekt wird nur zusammen vermietet«, sagt der Besitzer, ich sage: »Danke, wir sind nicht interessiert«, und Oliver sagt nichts, bekommt glänzende Augen und geht die Zimmer mit großen Schritten ab. Ein Packraum mit Spinden für das Personal und einem großen Tisch, Pappkartons, Waage, Frankiermaschine, dann ein großer Büroraum mit zwei alten Schreibtischen, die in geputztem und repariertem Zustand als »vintage« durchgehen würden, ein Kopierraum, eine Dunkelkammer und dahinter noch ein paar kleine Zimmer, bis obenhin voll mit Büchern, Schachteln und Dekomaterial aus mehreren Jahrzehnten. Ein angegrauter Plastikchristbaum ragt grotesk aus einem Haufen Pappkartons und alten Büchern. »Schöne Wohnung«, höre ich meinen Mann murmeln und betrachte die Tapeten, auf denen man die Muster unserer Kindheit gerade noch erkennen kann. Ein Bastlerhit. Ich sage nichts.

Im grellen Sonnenlicht auf der Straße vor dem Geschäft wirkt alles wie ein absurder Traum, und wir schweigen.

»Und?«, fragt mein Mann.

»Was und?«, frage ich.

»Wie findest du es?«

»Schrecklich. Und du?«

»Ich auch.«

»Na dann.«

»Aber man könnt schon was draus machen.«

»Ja, aber die Wohnung, das geht gar nicht.«

»Wieso, eine coole Riesenwohnung wird das! Schau, in diesen Packraum kommt die Küche, in den großen Büroraum mit den Schreibtischen das Esszimmer, wo der Kopierer steht, wär ein kleines Fernsehzimmer. Aus der Dunkelkammer machen wir das Bad, und dann gibt’s noch ein paar kleine Zimmer fürs Schlafen und für die Kinder.«

»Du spinnst.«

»Ja, eh.«

Nun ist es vorbei mit dem geruhsamen Urlaub auf der Hollywoodschaukel. Könnten wir nicht … sollten wir vielleicht … was wäre, wenn wir … Unsere Wiener Freunde machen es uns nicht leichter, in dem sie uns anbieten, bei ihnen zu wohnen, bis wir ein eigenes Zuhause haben würden. Einfach so. Und dann gibt es auch noch diesen alten Freund, also eigentlich ein Ex von mir, der von seinem Erbe lebt und uns quasi im Vorbeigehen ein zinsloses Darlehen anbietet. Auch einfach so.

Für mich ist das Ganze wie die berühmten unmöglichen Figuren von Escher: Du schaust drauf und bist dir sicher, welches Bild du erkennst. Einen Moment später wirfst du wieder einen Blick hin und siehst das genaue Gegenteil. Warum eigentlich Veränderung? Ich habe das Glück, den besten Mann der Welt kennengelernt zu haben. In einer der coolsten Großstädte zu leben. Wir wohnen in einer schönen Altbauwohnung im Hamburger Uni-Viertel mit total netten Nachbarn. Das kleine Kind hat einen der begehrten Ganztagskindergartenplätze, und das große Kind geht auf eine gute Schule, wo es bestens integriert ist. Ich habe einen spannenden – zumindest in Teilzeit – Job, Zeit für die Kinder und trotzdem das erste Mal in meinem Leben das Gefühl, finanziell abgesichert zu sein. Und Oliver? Hat sich hochgearbeitet vom kleinen Buchhändler aus der deutschen Provinz zum sogenannten Marketing-Manager eines der wichtigsten deutschen Verlage. Er mag seinen Job, sein Chef fördert und unterstützt ihn, und wir könnten echt zufrieden sein. Sind wir auch. Aber. Wie wäre es wohl, wenn man was gemeinsam machen würde? Gemeinsam etwas aufbauen, zusammenarbeiten. Etwas wagen?

Wir rechnen, diskutieren und telefonieren, und jede Stunde ändern wir unsere Meinung. Super Idee. Völlig schwachsinnig das Ganze. Undurchführbar. Unsere Zukunft. Unser Ruin.

Wie rechnet man aus, wie viel Bücher man verkaufen muss, damit man davon eine vierköpfige Familie ernähren kann? Irgendjemand erzählt mir von einem Vertreter, der vor sehr langer Zeit in dieser Buchhandlung ein paar Jahre gearbeitet hat. Ich rufe ihn an, er erinnert sich dunkel an die Zeit. »Sag mal, Günther, was habt ihr denn da so an Umsatz gemacht?«

»Mein Gott, das ist über fünfundzwanzig Jahre her! Keine Ahnung.«

»Bitte versuch dich zu erinnern! Es ist wichtig!«

»Na ja, ich weiß noch … im Weihnachtsgeschäft … wenn wir über 100 000 Schilling am Tag gemacht haben, dann hat die Chefin einen Sekt springen lassen.«

Na, das ist doch was. Wir haben eine Zahl. Einen Tagesumsatz. Von vor fünfundzwanzig Jahren. In einer anderen Währung. Und daraus rechnen wir jetzt den zu erwartenden Jahresumsatz aus. Unseriös? Ja, natürlich.

 

Du bist volljährig, seit vielen Jahren von zu Hause ausgezogen, lebst selbstständig in einer eigenen Wohnung, bist verheiratet und hast zwei Kinder. Trotzdem geben deine Eltern ihre Meinung zu deinem Leben ab, und immer noch fühlt es sich an, als stündest du mit einer schlechten Note oder gewagten Urlaubsplänen vor ihnen. Und es ist genauso, wie man es erwartet hat: Sie reagieren mit Entsetzen und Unverständnis.

Mein Vater, ehemaliger Spitzenmanager, spezialisiert auf Betriebssanierungen, wirft mit schneller Hand ein paar Zahlen auf das Blatt Papier am Küchentisch und schüttelt entschieden den Kopf. »Niemals geht sich das aus! Ihr seid wahnsinnig, so was könnt ihr nicht riskieren, denkt an die Zukunft eurer Kinder.«

Mit der gleichen Entschiedenheit, mit der er mir vor ein paar Jahren abgeraten hatte, wegen eines Mannes nach Hamburg zu ziehen und mich völlig auszuliefern, warnt er denselben Mann nun, seinen sicheren Job aufzugeben und so etwas Verrücktes wie eine Selbstständigkeit zu wagen. Ein winziger Teil in mir hatte gehofft, er würde ein bisschen Geld lockermachen, ein wenig Erbe vorauszahlen, doch er kommt nicht auf die Idee, und die Zeiten, in denen ich ihn um Geld gebeten habe, sind lange vorbei.

Zurück in Hamburg ist alles weit weg. Inzwischen wissen wir von einigen Wiener Buchhandlungen, dass sie auch dran sind an dem Objekt, und Hamburg ist ja eh sehr okay. Mit genügend Grünem Veltliner und Knödelbrot können wir wieder ein paar Wochen im hanseatischen Nieselregen überleben, der Sohn pubertiert gemütlich vor sich hin, die Tochter besucht den coolen Kinderladen, Oliver zieht jeden Morgen Anzug und Krawatte an und macht Karriere, und ich schreibe einen Artikel nach dem anderen, treffe hin und wieder berühmte Autoren zum Interview und lerne, wie man Radiobeiträge bastelt. Am Nachmittag gibt’s Kinderturnen oder Kaffee im Schanzenviertel. Und Nord- und Ostsee sind auch nicht weit weg. Also alles gut.

Wäre da nicht diese Bekannte aus Wien auf Besuch gekommen. Eine Pressefrau, die ein paar Hamburger Journalisten besucht und sich am Abend an unserem Küchentisch erholt. Unsere »Urlaubsgeschichte« wird erzählt, Fotos werden gezeigt, Konzepte werden erläutert. Inzwischen wissen wir immerhin, dass sich die Buchhandlung im Konkursverfahren befindet, etwaige Angebote werden von einem sogenannten Masseverwalter entgegengenommen.

»Und, habt ihr ein Angebot gemacht?«

»Nein, haben wir nicht.«

»Warum nicht?«

»Das geht alles nicht. Und wir haben eh keine Chance.«

»Ihr seid’s wie die kleinen Kinder beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel: Zuerst Mitspielen und knapp vor Schluss, wenn die anderen besser sind, das Spielbrett umschmeißen. Feig!«

Spät ist’s, als sie geht, und unser Vorrat an österreichischem Wein ziemlich dezimiert. »Lass uns ein Angebot schreiben«, sagt mein Mann, und ich schalte den PC an. Drei Sätze schreiben wir, ein Betrag steht drin, den zusammenzuschnorren nicht völlig utopisch ist.

»Wir bieten auf das Objekt Nr. 45 896. Im Angebot enthalten sind 180 Meter Holzregale, 120 Laufmeter Bücher, eine Registrierkasse, diverse Ladeneinrichtungsgegenstände, ein Lieferwagen Marke Citroen C15, Baujahr 1996. Unser Angebot endet am 30. September.«

Das Datum hat einen simplen Grund: Wenn man eine Buchhandlung eröffnet, braucht man erst mal ein Weihnachtsgeschäft, um viel Geld zu verdienen. Wir sind zwar naiv, aber nicht dumm.

 

Wieder viel zu lange gebraucht, um einen Beitrag zu gestalten. Wieder ein viel zu ausführliches Interview geführt. Er war aber auch sehr nett, der Berliner Russe mit den blitzblauen Augen. Wie so oft war ich ins Tratschen gekommen, hatte statt fünf knackigen Sätzen eine nette Plauderei auf dem Aufnahmegerät, und daraus sollte ich einen Vierminutenbeitrag mit drei O-Tönen basteln. Eine Stunde war noch Zeit, bevor ich das Kind aus dem Kinderladen abholen musste, da konnte ich schnell noch mal nach Hause, die Mails checken. Vielleicht wollte ja der Österreichische Rundfunk doch noch meinen Beitrag über die Billigbuchreihe der großen deutschen Zeitungen einkaufen, dann hätte sich das Gespräch, das ich mit dem überheblichen Herausgeber der großformatigen Zeitung geführt hatte, wenigstens gelohnt.

Ich ziehe die Schuhe erst gar nicht aus, mache mir einen Espresso und fahre den Computer hoch. Leider kein Mail vom ORF, dafür ein anderes aus Österreich, der Absender ein Notar. »Sehr geehrte Frau Hartlieb, Sie haben den Zuschlag für das Objekt Nr. 45 896 erhalten und somit die Konkursmasse der Firma XY erstanden. Bitte finden Sie sich bis zum 15. Oktober an der Adresse des oben genannten Objektes ein und bringen den Betrag von 40 000 Euro in bar mit.«

So fühlt sich also ein Nervenzusammenbruch an. Ich versuche, meinen Mann im Büro zu erreichen.

»Cornelia Maier, guten Tag.«

»Hallo, hier ist Petra Hartlieb, ich hätte gerne meinen Mann gesprochen.«

»Der ist beim Chef in einer Besprechung.«

»Es ist wichtig, bitte stellen Sie mich durch.« Noch nie habe ich ihn aus einer Besprechung rausgeholt, selbst damals, als das Kind auf die Welt gekommen ist, habe ich in Ruhe abgewartet, bis er zurückrief. Ich werde durchgestellt: »Du musst sofort kommen. Wir haben die Buchhandlung gekauft. Scheiße, wir haben eine Buchhandlung gekauft!«

Am Abend sind unsere besten Freunde – sie Wienerin, er Deutscher – zu Besuch. Sie strahlen um die Wette, wollen uns irgendeine Neuigkeit mitteilen. Die haben wir aber selbst. Es ist für die beiden etwas schwierig zu Wort zu kommen. Ich glaube immer noch nicht, dass das jetzt wahr sein soll, schließlich haben wir auf unser Angebot nie eine Bestätigung erhalten, wir haben keinen eingeschriebenen Brief geschickt, nichts unterschrieben, einfach nur eine Mail, das kann doch nicht verbindlich sein.

»Ist es aber.« Der Vater meiner Freundin, pensionierter Richter in Wien, schmettert es mir am Telefon entgegen. »Ihr habt ein Angebot gemacht, und das ist angenommen worden. Das müsst ihr jetzt bezahlen. Ihr könnt es dann ja wieder verkaufen.«

Vielen Dank, das werden wir.

Oliver faxt noch am selben Abend sein Kündigungsschreiben an den Verlag, das haben wir uns gut überlegt wegen des Datumsstempels auf dem Fax. Und irgendwann kurz vor Mitternacht erzählen die beiden, dass sie schwanger sind. Auch schön.

Oliver steht um sechs Uhr auf und zieht sich schweigend seinen besten Anzug an. Mit Schlips. Er sieht nicht glücklich aus. Sein Ziel ist es, als Erster im Büro zu sein, um sein Kündigungsschreiben aus dem Fax zu nehmen, bevor es jemand sieht. Es ist ein besonderer Tag im Büro, man feiert das 30. Dienstjubiläum seines Chefs. Festreden, Buffet, Sekt, mein Mann ist nicht so ganz bei der Sache, wartet den ganzen Tag auf den richtigen Zeitpunkt, um seine Kündigung zu präsentieren. Als endlich alle Reden durch sind, die Konzernspitze sich verabschiedet hat und alle an Aufbruch denken, drückt er sich ins Büro des großen Vorsitzenden.

»Wir müssen noch was besprechen.«

»Sie kündigen?«

»Warum wissen Sie das?«

»Was sollten Sie sonst mit mir besprechen wollen, an so einem Tag?«

»Stimmt.«

»Wer hat Ihnen ein Angebot gemacht? Kann ich Sie irgendwie überzeugen, bei uns zu bleiben?«

»Nein, können Sie nicht. Und ein Angebot gibt es auch keines. Meine Frau und ich, wir haben eine Buchhandlung in Wien gekauft.«

»Sie sind völlig verrückt.«

»Ja, ich weiß.«

»Sagen Sie, wie ich Ihnen helfen kann.«

Nach einer schlaflosen Nacht bereiten wir uns auf den nächsten Schritt vor: Wie erklären wir es den Kindern? Das Kleine ist problemlos. Wien kennt es aus dem Urlaub, eine Kombination aus entspannten Eltern und Schnitzel, gemütlichen Nachmittagen bei den Freunden im Garten, Schwimmbad- und Zoobesuchen. Wir erzählen vom guten Eis in Wien, vom besseren Wetter und dass wir bald in einer Buchhandlung wohnen werden, wo es jedes Bilderbuch, das es gerne hätte, sofort bekommen kann. Und selbstverständlich alle Conni-Cassetten, die es noch nicht besitzt.

Der Sechzehnjährige ist mit diesen Zukunftsaussichten leider nicht zu beeindrucken. Durch und durch Hamburger – Schanzenviertel, Elbstrand und FC St. Pauli sind sein Leben, Wien kennt er nur aus der Perspektive eines Achtjährigen, sprich, die Stadt ist für ihn einfach nur uncool. Er ist freiwillig und gern mit mir von Wien nach Hamburg gezogen. Sollen wir ihn jetzt zwingen zurückzuziehen? Erst mal gibt’s Rückzug, Schweigen, Verzweiflung, wahrscheinlich ist er auch gerade verliebt, und wegzuziehen ist völlig unmöglich. Ich kann mich so gut daran erinnern, wie es ist, sechzehn zu sein, das Wichtigste auf der Welt sind die Freunde, Eltern lediglich ein notwendiges Übel, hilfreich zur Bereitstellung von Wohnraum, Geld und Nahrungsmitteln. Umzug völlig unmöglich. Er tut mir schrecklich leid. Oliver hat ja ein halbes Jahr Kündigungsfrist, bis dahin finden wir sicher eine Lösung.

 

Nun haben wir also eine Buchhandlung. Und wann verkauft man die meisten Bücher? Genau. Zu Weihnachten. Und es ist erst Anfang Oktober, das wäre doch gelacht, wenn man nicht bis zum November den Laden aufsperren könnte. Davor müssen nur noch ein paar Kleinigkeiten erledigt werden. Zum Beispiel das Geld, das wir uns noch leihen müssen, nach Wien bringen, Mietverträge für Ladenlokal und Wohnung aushandeln, eine Bank suchen, die uns einen Kredit für die Konkursmasse gibt, ohne allzu viele Fragen zu stellen, Kindergartenplatz für die Tochter suchen, Schule für den Sohn, Gewerbeschein erstehen, den alten Laden, der voller Bücher und Büromaterial und Deko und Verpackungsmaterial ist, ausräumen, Wände streichen, Schaufensterrahmen streichen, neue Elektrik installieren, Logo entwerfen, Plastikboden rausreißen und und und. Wie gesagt, es ist ja erst die zweite Oktoberwoche, also Eröffnung am 4. November? Ah ja, und den Umzug nach Wien erledigen wir später. Wohnung haben wir eh noch keine.

Wie praktisch, dass es im Oktober die Frankfurter Buchmesse gibt und wir da ohnehin hinfahren müssen. Und weil Oliver für den Standaufbau seines Noch-Arbeitgebers zuständig ist und demnach im Stress, bin ich es, die sich um unsere Zukunft kümmert. Ich muss schließlich nur ein paar Interviews führen, also nutze ich die Zeit und treffe mich dazwischen mit all jenen Leuten, die man so braucht, wenn man eine Buchhandlung gekauft hat. Die Chefs der Auslieferungen in Österreich und Deutschland, Verbandspräsidenten, Kammerchefs, Vertriebschefs der wichtigen Verlage, Kolleginnen usw. Warum nur habe ich das Gefühl, dass die meisten meiner Gesprächspartner mitleidig lächeln? »Das ist wirklich sehr mutig, was Sie da vorhaben, aber es kann funktionieren.« Danke, es muss funktionieren. Wir haben keine Wahl.

Dazwischen haben Oliver und ich immer gute Ideen, die wir uns bei kurzen Begegnungen auf den Buchmessegängen zuwerfen: »Vielleicht brauchen wir einen Anwalt für die Vertragsunterzeichnung? Kennen wir jemanden, der uns eine Bank empfiehlt?« Die Handyrechnung ist vermutlich höher als der zu erwartende Tagesumsatz, aber da müssen wir durch. Ich besitze eine Zauberkarte, die nennt sich Presseausweis. Mit der kommt man ins Pressezentrum der Buchmesse, und da sitzen die ganzen Kollegen und tippen ganz wichtig ihre Beiträge über die Messe. Ich hingegen recherchiere die Nummer eines Anwalts, der mich vor ein paar Jahren mal in einem Arbeitsprozess vertreten hat, sonst kenne ich keinen. Ich rufe die einzige meiner Freundinnen an, die etwas mit Wirtschaft und Banken zu tun hat, schließlich hat sie Ökonomie studiert, die muss doch einen Bankbeamten kennen, der uns einen Kredit gewährt. »Ich kenn jemanden, der kennt jemanden, der kennt jemanden« ist in Österreich nach wie vor der gängige Weg, niemals würde ich auf die Idee kommen, einfach so bei einer Bank anzurufen.

Dazwischen wird – wie jedes Jahr – der Nobelpreis für Literatur bekannt gegeben, und zu meinem Schreck bekommt den ausgerechnet dieses Jahr Elfriede Jelinek. Meine Bank-Anwalts-Wirtschaftskammergespräche werden jäh unterbrochen von einem Anruf der für mich zuständigen Ressortleiterin des Senders: »Du musst den Beitrag gestalten, du bist die einzige Österreicherin.« Als würde mich das befähigen, spontan einen Radiobeitrag über Jelinek zu machen! Schnell ein paar O-Töne einsammeln, Leute suchen, die etwas über die nicht gerade beliebteste Österreicherin zu sagen haben, ein paar ihrer Bücher habe ich irgendwann gelesen.

Und dann ist die Buchmesse zu Ende, Oliver überwacht den Abbau des Standes, ich packe die Koffer, und kurz vor Mitternacht geht’s los auf die Autobahn in Richtung Wien. Im Gepäck sämtliche Bücher der frischgebackenen Nobelpreisträgerin und ein lebensgroßes Farbplakat mit dem Schriftzug Literaturnobelpreis, wie praktisch, dass ihre Bücher in Olivers Verlag erscheinen. Wir werden die erste Buchhandlung sein, die ein Jelinek-Schaufenster hat. Da werden wir uns wohl nicht nur Freunde machen.

Bis zum Vormittag müssen wir in Wien sein. Wir haben einen Gesprächstermin bei einer Bank, der wir von Frankfurt aus einen beeindruckenden Businessplan gefaxt hatten. Das geht sich aus, wie der Österreicher sagt.

Um sechs Uhr früh schlagen wir bei unseren Freunden auf, Oliver legt sich ein Stündchen aufs Ohr, wir duschen, werfen uns in Anzug und Kostüm, und pünktlich um halb neun sitzen wir mit müden Augen und einem Schnellhefter mit mattem Deckblatt einem seriösen Bankerpärchen gegenüber, das ein wenig aussieht, als wäre es direkt der Bausparkassenwerbung entsprungen, um über unsere Zukunft zu entscheiden. Vor ihnen auf dem Tisch liegt der ausgedruckte Businessplan unserer zukünftigen Firma, und wir hoffen inständig, dass die Bankangestellten noch nicht mitbekommen haben, dass der Buchhandel seit vielen Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten eine totgeredete Branche ist. Sie blättern begeistert zwischen Excel-Tabellen und Tortendiagrammen hin und her, mein Mann hat nichts vergessen, die demografische Entwicklung des Bezirks, geschätzte Einkommensverhältnisse, Konkurrenzgeschäfte, zu erwartender Umsatz der nächsten zehn Jahre und und und. Ich schenke mir die dritte Tasse lauwarmen Filterkaffee ein, und die Worte schwirren in meinem Kopf: AWS-Kredit, Roherlös, Deckungsbeitrag … ich werde ganz schnell wach, als mein Handy klingelt. Unser Anwalt. Ich deute in die Runde, dass es wichtig sei, und erhebe mich vom Besprechungstisch. Leider habe ich den Raum noch nicht verlassen, als die Stimme aus dem Hörer brüllt: »Diese Mistkerle! Den Mietvertrag für die Wohnung unterschreiben wir sicher nicht. Die glauben wohl, wir sind total deppert!« Ich sehe gerade noch die hochgezogene Augenbraue der Bankdame, bevor ich leise die Tür zuziehe. »Herr Doktor, bitte ein wenig leiser! Ich bin gerade bei der Bank. Kann ich Sie zurückrufen?«

»Nein, bin den ganzen Tag am Gericht, ich meld mich wieder! Aber den Mietvertrag für die Wohnung unterschreiben wir sicher nicht! Wir sind ja nicht bescheuert!«

»Aber Sie wollten uns doch zum Geldübergabetermin begleiten!«

»Ja, stimmt. Gut, ich werde da sein.«

Eine Dreiviertelstunde später stehen wir auf dem kleinen Platz vor der Bank und haben einen Kredit von 70 000 Euro in der Tasche. Mein armer deutscher Mann ist hin- und hergerissen zwischen großer Freude und totaler Verachtung: »Österreich ist ein seltsames Land. Ich meine, wir spazieren da rein, legen denen ein paar bunte Blätter auf den Tisch, erzählen ihnen was von unserer jahrelangen Erfahrung in der Buchbranche, und die geben uns einfach das Geld? Einfach so?«

»Ja, die spüren halt, dass wir gut sind. Wir sind ein dynamisches Erfolgsduo.«

Oliver fährt mit dem Daumen vorsichtig über einen meiner Augenringe. »Ja, du dynamische Hälfte eines Erfolgsduos, jetzt gehen wir erst einmal schlafen.« Das Haus der Freunde ist leer, die Erwachsenen bei der Arbeit, die Kinder im Kindergarten. Wir schälen uns aus den seriösen Kleidern und fallen auf das Klappsofa. Oliver schiebt eine Hand unter mein T-Shirt und streichelt halbherzig meinen Rücken. »Glaubst du, wir machen das Richtige?« Ich denke über eine Antwort nach, und als ich sage: »Ich weiß es nicht«, da ist er schon eingeschlafen.

Drei Stunden später betreten wir den hohen Schalterraum der Postsparkasse. Oliver ist beeindruckt von dem Otto-Wagner-Bau, stellt sich staunend mitten in die Kassenhalle. Meine Ehrfurcht bezieht sich eher auf die Summe, die wir gleich von meinem ehemaligen Studentenkonto abholen werden: 40 000 Euro, überwiesen vom Erben und Exfreund, seit zwei Stunden offiziell in meinem Besitz, auf einem Konto, das seit seiner Gründung eigentlich immer im Soll war. Geben die mir überhaupt so viel Geld? Fragen die nicht, wo das plötzlich herkommt? Wollen die nicht wissen, was ich damit mache?

»Das sind doch keine Beträge. Es gibt Menschen, die holen sich dauernd solche Summen, die merken nicht einmal, wenn jemand eine halbe Million auf ihr Konto überweist.« Mein Mann macht plötzlich einen auf weltmännisch, so kenn ich ihn noch gar nicht.

Die Schalterbeamtin wirft einen kurzen Blick in meinen Reisepass und zählt tatsächlich ungerührt einen Stapel Geld auf den Tresen. Eine kleine Papiertüte, eine Quittung, ich stecke das Paket in meine Handtasche und umklammere den Griff, bis die Fingerknöchel weiß werden. Einfach so tun, als wäre nichts, als würde ich ständig mit solchen Beträgen in der Stadt rumlaufen, immer wieder drehe ich mich um, wechsle die Tasche von einer Hand in die andere.

Nächste Station: Wirtschaftskammer, Jungunternehmerberatung. Ein Stapel Papier, Hochglanzbroschüren mit gut aussehenden Menschen in seriösen Outfits und ein nicht besonders informatives Gespräch über Unternehmensgründung. So richtig folgen kann ich der Dame nicht, schließlich muss ich mich auf die 40 000 Euro in meiner Handtasche konzentrieren. Buchhandel war früher in Österreich ein geschütztes Gewerbe, nur ausgebildete Buch- und Musikalienhändler konnten ein eigenes Geschäft eröffnen. Seit einer Regierungsreform Ende der neunziger Jahre kann das jeder, wahrscheinlich müsste man nicht mal lesen können. Das ist sehr praktisch, denn nachdem mein Mann der Deutsche ist und ich die Österreicherin bin, muss der Gewerbeschein auf mich ausgestellt werden und nicht auf Oliver, der seit zwanzig Jahren ausgebildeter Buchhändler ist. Ich bin gar nichts, also werde ich Jungunternehmerin und beantrage einen Gewerbeschein.