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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Für Morag
Uxor amicaque

Danksagung
Über Jahre hinweg haben mich viele Menschen dabei unterstützt, meine Ideen zur zodiakalen Struktur des Markus-Evangeliums zu entwickeln. Den folgenden fühle ich mich besonders verpflichtet:
 
Paddy und Kate Symons, Michael Edwards, Eileen Harrington, Michael Barker-Caven, Reverend Cathal Courtney, Reverend Art Lester und dem verstorbenen Michael Young, die mich bei Kaffee, Guinness und Wein ermutigt haben, meine Theorien auszuformulieren und zu verteidigen. Marlena Thompson, die mich seit Jahren aufgefordert hat, diese Ideen in Buchform zu bringen, verdient eine besondere Erwähnung.
 
Den Mitgliedern der Dublin Unitarian Congregation, die sich seit elf Jahren meine einzelgängerischen Meinungen anhören, mit besonderem Dank an Beta, (Rev.) Bridget, Chris, David, Dennis, Dorene, Patrick, Pamela, Kevin, Leila, Michael, Ruth und Titania, denen ich die Tierkreistheorie im Winter 2006/07 detailliert auseinandersetzte und die mir viele wertvolle Vorschläge zu Stil und Inhalt machten.
 
Nick Webb und Caroline McArthur aus Duckworth, die ihren eigenen bedeutenden und geschätzten Beitrag zur endgültigen Gestalt des Buches geleistet haben.
 
Meiner Frau Morag, deren beständige Unterstützung, Geduld und Verständnis mich befähigt haben, dieses Projekt bis zum Ende durchzuhalten.
 
Eine Erwähnung in dieser Auflistung impliziert keinerlei Mitverantwortung für die hier vertretenen Ansichten oder deren Billigung. Für sämtliche Solözismen, Anachronismen und wirren Fantastereien, die sich auf diesen Seiten finden, trage ich allein die Verantwortung.
 
Schließlich möchte ich betonen, dass ich zwar Prediger der Unitarischen Kirche bin, in diesem Buch aber keine spezifisch unitarischen Überzeugungen wiedergebe. Es ist sogar davon auszugehen, dass diese Theorie über den Ursprung und die Struktur eines der grundlegenden christlichen Texte Unitarier genauso verunsichern wird wie die Mitglieder orthodoxerer Kirchen.

Einleitung
»Gott gegen den Menschen. Der Mensch gegen Gott. Der Mensch gegen die Natur. Die Natur gegen den Menschen. Gott gegen die Natur – komische Religion.« So soll, laut Joseph Campbell, der buddhistische Weise Dr. D. T. Suzuki die Religionen des Westens beurteilt haben, insbesondere das Christentum. Dieselbe Ansicht brachte in jüngerer Vergangenheit der amerikanische Komiker Emo Phillips mit dem möglicherweise besten Religionswitz aller Zeiten zum Ausdruck:
 
»Neulich sah ich diesen Typen, der von der Brücke springen wollte. Ich rief: ›Tu’s nicht!‹
Er sagte: ›Niemand liebt mich.‹
Ich sagte: ›Gott liebt dich. Glaubst du an Gott?‹
›Ja.‹
Ich sagte: ›Bist du Christ oder Jude?‹
›Christ.‹
Ich sagte: ›Ich auch! Protestant oder Katholik?‹
›Protestant.‹
›Ich auch! Welche Sorte?‹
›Baptist.‹
›Ich auch! Northern Baptist oder Southern Baptist?‹
›Northern Baptist.‹
Ich sagte: ›Ich auch! Northern Conservative Baptist oder Northern Liberal Baptist?‹
›Northern Conservative Baptist.‹
Ich sagte: ›Ich auch! Northern Conservative Baptist aus der Great Lakes Region oder Northern Conservative Baptist von der Ostküste?‹
›Northern Conservative Baptist aus der Great Lakes Region.›
Ich sagte: ›Ich auch! Northern Conservative Baptist aus der Great Lakes Region von der Ratsversammlung 1879 oder Northern Conservative Baptist aus der Great Lakes Region von der Ratsversammlung 1912?‹
›Northern Conservative Baptist aus der Great Lakes Region von der Ratsversammlung 1912.‹
Ich sagte: ›Stirb, Ketzer!‹ und stieß ihn runter.«
 
Emos Witz fängt auf brillante Weise die bedauerliche Ironie ein, die jedem auffallen muss, der auch nur einen oberflächlichen Blick auf die Welt der Religionen wirft: Vom Konflikt zwischen Muslimen und Juden im Nahen Osten bis zu den Streitigkeiten zwischen den einzelnen christlichen Konfessionen scheint die Religion, die uns dem Wortsinn nach aneinander binden soll, eine permanente Ursache der Entzweiung zu sein.
Es wäre nun falsch, anzunehmen, dass der Ursprung all dieser Konflikte ausschließlich theologisch sei. Auch soziologische, historische, geografische, politische und sogar ethnische Faktoren müssen berücksichtigt werden. Allerdings spielt die Theologie zweifellos ihre Rolle, indem sie die geistigen Waffen liefert, mit denen die Schlachten geschlagen werden. In der Theologie geht es um Worte, und Worte sind für ihre Vieldeutigkeit berüchtigt. Schriftliche Dokumente, die jede Unklarheit zu vermeiden suchen – zum Beispiel Versicherungspolicen -, sind absolut unlesbar; eine Erzählung hingegen, die durch die Anregung der Vorstellungskraft anziehend wirkt, ist nie frei von Ambiguität.
Zum Leidwesen jener, die nach Klarheit streben, beruht die Theologie größtenteils auf religiösen Schriften, die in Form von Erzählungen vorliegen. Da es keine festgelegten Regeln für die Interpretation von Geschichten gibt, sind Kontroversen vorprogrammiert. Wie ist mit Bibelgeschichten umzugehen, in denen es um sprechende Schlangen, die Teilung des Meeres, den Stillstand der Sonne, einen sprechenden Esel und zahllose andere Begebenheiten geht, die in jedem anderen Zusammenhang als extrem fantastisch gälten? Rational betrachtet, müssten solche Geschichten eine symbolische Bedeutung haben – wenn überhaupt -, und diesem Symbolismus wäre nachzugehen. Einige religiöse Menschen haben aberSchwierigkeiten mit dieser Herangehensweise an Erzählungen und Metaphern. Aus irgendeinem Grund soll Geschichte dem Mythos überlegen sein: Das Faktische wird dem Bildlichen vorgezogen. Im Ergebnis dreht sich ein Großteil der geistigen Aktivität religiöser, insbesondere christlicher Gruppierungen um die Übertragung der indirekten Sprache der spirituellen Metapher in die eindeutige Sprache von Historiografie und Naturwissenschaft. Die Resultate sind katastrophal, weil, wie es Joseph Campbell ausdrückt, »man in Schwierigkeiten kommt«, wenn eine Religion »sich an ihren eigenen Metaphern festfrisst und sie als Fakten interpretiert« (Campbell 1988, 67). Beispiele für solche »Schwierigkeiten« sind leicht zu finden. Galilei bekam sie im 17. Jahrhundert, als Josuas Befehl an die Sonne, sie solle stillstehen, für ausreichend gehalten wurde, um die heliozentrische Theorie zu widerlegen; und schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wird Darwins Evolutionstheorie angegriffen, weil sie der wörtlichen Bedeutung der Erzählungen am Anfang des 1. Buchs Mose widerspricht.
Jahrhundertelang waren diese religiösen Metaphern eine solche Plage, dass viele Menschen mit »rationaler« Gesinnung es für das Beste hielten, sich ihrer ganz zu entledigen oder sie zumindest ins literarische und historische Kuriositätenkabinett zu verweisen, wo sie keinen Schaden anrichten können.

Jeffersons Bibel

Thomas Jefferson, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten, war ein Vertreter dieser Schule. Jefferson betrachtete sich als Rationalist, als Kind der Aufklärung. Er war ein Freund des Naturwissenschaftlers undUnitarierpriesters Joseph Priestley, der am Ende des 18. Jahrhunderts seine eigene Version des religiösen Rationalismus von England nach Amerika gebracht hatte. Jeffersons intellektuelle Helden waren die britischen empirischen Philosophen John Locke und David Hume sowie der Franzose Auguste Comte, der im Gefolge der Französischen Revolution versucht hatte, eine »Religion der Humanität« zu entwickeln, die ohne Dogmen, übernatürliche Phänomene, Wunder, Propheten und Offenbarungen auskommen sollte – eine Religion der Vernunft.
Anders als viele seiner Mentoren bezeichnete Jefferson sich allerdings als Christ – eine seltsame Behauptung, wenn man an seine Zurückweisung alles Übernatürlichen denkt. Enthielt das Neue Testament, das Gründungsdokument des Christentums, nicht ebenso viele problematische Geschichten wie das Alte – die Jungfrauengeburt Jesu, die zahlreichen Wunder oder, am erstaunlichsten und unglaublichsten überhaupt, die Auferstehung Jesu vom physischen Tod? Aber für Jefferson und jene, die wie er dachten, waren diese Dinge für das Christentum unwesentlich und nicht einmal als Metapher besonders sinnvoll; es handelte sich um parasitäre Wucherungen um das von Jesus verkündete erhabene ethische System, um ein Produkt von Unwissenheit und Aberglauben. Laut Jefferson war es jetzt Aufgabe der Gelehrten, die Spreu vom Weizen und das Fantastische vom Faktischen zu trennen, die »verstümmelten, missverständlichen und oft unverständlichen« Teile der Bibel abzustreifen, die so viel Unruhe gestiftet hatten, und auf diese Weise »das höchste und nützlichste Moralsystem« zu enthüllen, »das der Menschheit je angeboten wurde«.
Da niemand Interesse zeigte, schritt Jefferson selbst zur Tat. 1820, im Alter von 77 Jahren, nahm er Bibel und Schere zur Hand und schnitt sich selbst eine heilige Schrift zu. Er erklärte, das sei ein Leichtes. Der Unterschied (zwischen essenziell und nichtessenziell, authentisch und untergeschoben) »ist für Auge und Verstand offensichtlich [...] und ich gehe so weit zu behaupten, dass jeder, der [...] diesen Weizen von dieser Spreu trennen will, bemerken wird, dass es dazu keinerlei Überlegung bedarf. Die Teile fallen gleichsam von selbst auseinander, wie bei einem Bildwerk aus Metall und Ton« (Jefferson, 30).
Das Ergebnis war Die Jefferson-Bibel. Präziser wäre der Titel »Jefferson-Evangelium«, denn weder das Alte Testament noch die Schriften der Anhänger Jesu wie Paulus oder Petrus sind darin enthalten. Jefferson hätte sicher John Lennon zugestimmt, der 150 Jahre später verkünden sollte, dass »Jesus schon in Ordnung war, aber seine Jünger waren ein Haufen stupider Mistkerle«.
Infolgedessen ist Jeffersons Bibel extrem dünn. In ihrer kürzlich veröffentlichten Form hat sie kaum 110 kleinformatige Seiten, wahrscheinlich weniger als den halben Umfang der uns vorliegenden vier Evangelien. Sie enthält einige Erzählungen und alle wichtigen Gleichnisse, aber ihr Hauptteil ist den ethischen Lehren der Evangelien gewidmet. Sie beginnt mit Jesu Geburt, aber es gibt keine Weisen aus dem Morgenland, keinen Stern, keine Engel, keine Jungfrau; und das »Evangelium« endet mit den Worten:
»Es war aber an dem Ort, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten, und in dem Garten eine neue Gruft, in die noch nie jemand gelegt worden war. Dorthin nun legten sie Jesus. Und sie wälzten einen großen Stein an die Tür der Gruft und gingen weg.«
Es gibt keinen Bericht über die Auferstehung; tatsächlich kommt im ganzen Text kein einziges Wunder vor.

Das »Aschenputtel«-Evangelium

Jefferson bezog den Großteil seines Materials aus dem Matthäus- und dem Lukas-Evangelium, die neben den Wundern, die Jesus wirkte, ausführlich über seine ethischen Lehren berichten. Nur wenig in Jeffersons Fassung stammt aus dem Markus-Evangelium, wahrscheinlich, weil es fast vollständig aus jener Art Erzähltexten besteht, die Jefferson so lästig fand. Mit seiner Vernachlässigung des Markus-Evangeliums folgte Jefferson nur einer jahrhundertelangen Tradition.
So schätzte zum Beispiel Augustinus (354-430) das Markus-Evangelium von allen Evangelien am wenigsten, weil es, wie er sagte, nur eine Kurzfassung von Matthäus und Lukas sei. Der ungehobelte Stil, das ungestüme Erzähltempo und der episodische Aufbau, die verwendete Umgangssprache und die simple Syntax trugen ebenfalls dazu bei, dass es nicht besonders geachtet wurde. Auch weist es eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber den Protagonisten der Geschichte auf, woran die frühen Kirchenführer sicher keinen Gefallen fanden.
Angesichts dieser Eigenschaften ist es durchaus möglich, dass die frühe Verortung dieses Evangeliums im Umkreis Petri der einzige Grund für seine Kanonisierung war. Aber auch diese »Tradition« basiert eher auf der Apologetik als auf Belegen und sollte einem Bericht, den ein Nicht-Apostel verfasst hatte, apostolische Autorität verleihen.
Obwohl Forscher im 18. Jahrhundert begannen, die These des heiligen Augustinus in Frage zu stellen, Markus sei eine Kurzfassung von Matthäus und Lukas, und es vielmehr als frühestes Evangelium postulierten, konnte es seine Reputation als »Aschenputtel«-Evangelium nie ablegen. Es mag die Tugend der Kürze besitzen, und sein Platz in der Tradition der Evangelien macht es für Gelehrte interessant; in der offiziellen Liturgie und privaten Glaubenspraxis aber hat es nur marginale Bedeutung.
Das gilt besonders für liberale Gläubige, denen – wie Jefferson – der seltsame und fantastische Erzählstil des Markus-Evangeliums nicht gefällt. Spätere Liberale sind dabei bedeutend weiter gegangen als Jefferson und gehörten zu den eifrigsten kritischen Erforschern der von den Evangelien aufgeworfenen historischen Fragen. Das begann mit Albert Schweitzers Die Suche nach dem historischen Jesus und geht bis zum kalifornischen »Jesus Seminar«, das seit zwei Jahrzehnten versucht, die angeblich orginalen, authentischen Worte Jesu von den »Mythen« und »Geschichten« zu trennen, die um sie herum entstanden seien. Die Grundannahme der Liberalen entspricht dabei der Jeffersons: Die erzählenden Teile der Evangelien sind die am wenigsten historisch zuverlässigen und haben, wenn überhaupt, nur geringen spirituellen Wert, weil sie Ausdruck einer primitiven, »magischen«, mythischen Weltsicht sind, die inzwischen jede Relevanz verloren hat.
Allerdings ist das Markus-Evangelium alles andere als primitiv. Obwohl es, wie gezeigt werden wird, in seiner vorliegenden Form vermutlich unvollständig ist, handelt es sich um einen hochkomplexen Text. Es ist weder eine rudimentäre Biografie Jesu noch eine Aneinanderreihung historischer Reminiszenzen, die durch ständige Nacherzählung übertrieben wurden. Es handelt sich vielmehr um eine Reihe dramatischer »Parabeln«, die den spirituell Suchenden auf der Reise zur Erleuchtung oder Selbst-Transformation begleiten sollen. Sein Ursprung liegt in einer esoterischen Tradition, die den Mysterienkulten des antiken Heidentums genauso viel verdankt wie dem Judentum. Am erstaunlichsten dabei ist, dass als Hauptmetapher die Jahresreise der Sonne durch die Zeichen des Tierkreises dient. Das Markus-Evangelium ist ein Lehrbuch der spirituellen Reise, das in einem astrologischen Code verfasst ist, der, wenn man ihn entschlüsselt, unser Verständnis des ursprünglichen Wesens und Zwecks dieses Evangeliums völlig verändert. Was Jefferson für »Spreu« hielt, ist in Wirklichkeit reinster Weizen. Die »verstümmelten, missverständlichen und oft unverständlichen« Passagen der Heilsgeschichte, die so viele Debatten und Kontroversen verursacht haben und Jeffersons Schere zum Opfer fielen, sind, wie ich zeigen werde, ihre originellsten und bildkräftigsten Elemente. Es ist Zeit, die weggeworfenen Stücke vom Boden aufzuheben, abzustauben und wieder einzusetzen.

Wer ist der Mann mit dem Wasserkrug?
Das Bild von Christ, das dir erscheint,
Ist meines Bildes ärgster Feind:
Ist des deinen Nase groß,
Ist die des meinen winzig bloß;
Der deine aller Menschen Freund,
Der meine sich den Blinden weihnd:
Der deine liebt, was meiner haßt;
Dein Himmel meine Hölle faßt.
Sokrates lehrt, was Meletos
Als eines Volkes Fluch verdroß,
Und Kaiphas gar nahm von sich an,
Daß er der Menschheit wohlgetan:
Wir lesen beiddie Schrift mit Fleiß,
Doch du liest schwarz, und ich lesweiß.
 
William Blake
 
 
 
Von allen Streitfragen, mit denen sich die frühen Kirchenväter beschäftigten, erscheint heute kaum eine so bedeutungslos wie die um die Dauer von Jesu Lehrtätigkeit. Seit ungefähr achtzehn Jahrhunderten hat sich in der Christenheit allgemein die Annahme durchgesetzt, dass zwischen der Taufe durch Johannes und der Kreuzigung durch Pilatus drei Jahre lagen. Dies beruht auf einer legitimen Schlussfolgerung aus der Zahl der im Johannes-Evangelium erwähnten Passahfeste, die wohl kaum jemand anzweifeln könnte oder wollte. Und doch wurde für eben diesen Disput am Ende des zweiten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung eine Menge Tinte verbraucht. Um die These verschiedener gnostischer Gruppierungen (hauptsächlich der Anhänger des Valentinus) zu widerlegen, nach der Jesus nur ein Jahr lang lehrte und »im zwölften Monat litt« (Irenäus, 200), beweist Irenäus, der erste systematische Apologet der Orthodoxie (er schrieb um 185 n. Chr.), ausführlich, dass Jesus viele Jahre lang wirkte.
Ein Beispiel eitler Zänkerei, möchte man meinen. Aber diese Schlussfolgerung wäre falsch, ging es doch nicht um beliebige zwölf Monate, sondern um ein Sonnenjahr, das mit dem Frühlingsäquinoktium beginnt. Valentinus’ Standpunkt ist eine radikale Interpretation: Die Laufbahn Jesu ist mit der jährlichen Bahn der Sonne durch den Himmel verbunden, und das impliziert, dass ihre verschiedenen Stationen den Zeichen des Tierkreises entsprechen.
Für Valentinus und seine Anhänger waren die Evangelien nicht die rudimentäre Biografie einer einzelnen Person, die aus Erinnerungen von Augenzeugen oder von Menschen, die noch Augenzeugen gekannt hatten, zusammengestückelt wurde, sondern vielmehr eine Allegorie, in der der Sonnenzyklus – von der »Geburt« im Widder bei Frühlingsanfang bis zum »Tod« in den Fischen zwölf Monate später – den spirituellen Zyklus des gnostischen Initiierten auf seinem Weg zu spiritueller Befreiung oder Erleuchtung darstellt. Darum war es für Valentinus’ Auffassung so entscheidend, dass Jesus im zwölften Monat (März, dem Monat der Fische) starb, und deswegen machte sich Irenäus solche Mühe, ihn zu widerlegen.
Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass diese und andere gnostische »Häresien«, die Irenäus in seinem fünfbändigen Werk so rundheraus verdammt und mitunter so beleidigend parodiert, neue Vorstellungen waren, die sich einem historisch fundierten Christentum schmarotzerhaft angehängt hätten. Zumindest war der Gnostizismus zu Irenäus’ Zeit nichts Neues mehr. Obwohl er seine Blütezeit im zweiten Jahrhundert hatte, liegen seine Ursprünge viel weiter zurück; einige Forscher führen ihn auf die Religion des alten Iran, andere auf das Judentum zurück. Wo immer er tatsächlich herkam, der Gnostizismus war nie eine einheitliche religiöse Bewegung, sondern ein anderer Umgang mit Spiritualität, der über die Grenzen des Konventionellen hinausging. Er war dualistisch und assoziierte die Welt des Materiellen und des Fleisches mit dem Bösen. Der Aspirant sollte spirituelle Befreiung durch die Überwindung der Bindung an das Fleisch erreichen. In allen seinen Varianten ging es dem Gnostizismus um das innere, geistige Leben und um »Erleuchtung«, die durch Gebet, Meditation und besondere Rituale erreicht werden konnte. Gott sollte in der Tiefe der eigenen Persönlichkeit erfahren statt rationell bewiesen oder historisch objektiviert zu werden. Gnosis, das griechische Wort für Erkenntnis, ist nicht primär rationales Wissen, sondern »Einsicht«. »Gnosis beinhaltet einen intuitiven Prozess des sich selber Erkennens. Und sich selbst zu erkennen [...] heißt, das Wesen und die Bestimmung des Menschen zu erkennen [...] Doch bedeutet Selbsterkenntnis zutiefinnerst gleichzeitig auch Erkenntnis Gottes [...]« (Pagels, 15 f.).
Vor erst relativ kurzer Zeit aufgetauchte Manuskripte, besonders die 1945 entdeckten Nag-Hammadi-Dokumente, widerlegen die allgemeine Auffassung, gnostische Texte seien stets später zu datieren als die kanonischen Evangelien und von minderer literarischer Qualität. Mit ihnen entsteht ein Bild des frühen Christentums, das, in Elaine Pagels’ Worten, »in sich selbst weit unterschiedlicher war, als die orthodoxen Quellen mitteilen wollten« (Pagels, 28). Dieser Vielfalt entsprang eine weit gefächerte Literatur, die von der sich formierenden katholischen Kirche (zum Beispiel durch Irenäus) angegriffen und schließlich unterdrückt wurde. In einem dieser Texte, dem Thomas-Evangelium, ist die Hauptfigur »der lebende Jesus«, der eine andere Beziehung zu seinen Anhängern hat als der traditionelle Jesus der Christenheit. Letzterer ist eine einzigartige, göttliche Gestalt, deren Opfertod die Erlösung für jene bedeutet, die an ihn glauben. Der Jesus des Thomas-Evangeliums dagegen »kommt [...] als ein Führer, der den Zugang zu geistigem Verstehen eröffnet. Aber wenn der Jünger Erleuchtung erlangt, fungiert Jesus nicht länger als sein geistlicher Lehrer: Die beiden sind gleich, ja sogar identisch geworden« (Pagels, 16).
Solches Gedankengut war den orthodoxen Kirchenvertretern stets ein Dorn im Auge. Vom Standpunkt der vorliegenden Studie aus ist daran interessant, wie weit es in die Vergangenheit reicht. Wenn das Thomas-Evangelium, wie Prof. Helmut Koester von der Harvard-Universität annimmt, Überlieferungen enthält, die aus der »zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts« (Pagels, 13) stammen, dann waren solche Vorstellungen keine Entstellungen des orthodoxen, historisch orientierten Konzepts, an dem Autoren wie Irenäus so hingen, sondern gleichzeitig damit entstanden. Vielleicht gingen sie der Orthodoxie sogar voraus.
Tatsächlich ist es in den Bereich des Möglichen gerückt, den gewohnten Blick auf die Beziehung zwischen »historischem« und »esoterischem« Christentum umzukehren. Es wird immer wahrscheinlicher, dass Ersteres eine Entstellung des Letzteren war und dass der Versuch, der Jesus-Geschichte historische Glaubwürdigkeit zu verleihen, erst später stattfand, nachdem die Geschichte selbst Frucht der Vorstellungskraft einer esoterischen Gruppierung war. Der poetische Bericht über die spirituelle Reise wurde dann von Menschen ins Historische uminterpretiert, die entweder die Geschichte missverstanden hatten oder dies aus eher zynisch-pragmatischen oder kirchenpolitischen Gründen taten.
Die allmähliche »Historisierung« bildkräftiger religiöser Geschichten ist nicht auf das Christentum beschränkt. In Die Ewige Philosophie weist Aldous Huxley darauf hin, dass sich im Buddhismus dasselbe abgespielt hat, wo »das Mahayana das Universelle ausdrückt, während sich das Hinayana nicht von den historischen Fakten befreien kann« (Huxley 2008, 62). Dazu zitiert er den Orientalisten Ananda K. Coomaraswamy: »Genau wie der Krishna-Anbeter in den vishnuitischen Schriften gemahnt wird, dass Krishna Lila kein historisches Faktum ist, sondern ein Vorgang, der sich auf ewig in den Herzen der Menschen abspielt, wird auch der Mahayana-Gläubige gemahnt, dass historische Geschehnisse ohne religiöse Bedeutung sind.«
Huxley beklagt die Tatsache, dass sich das Christentum trotz der Bemühungen der christlichen Mystiker – Meister Eckhart, Tauler, Ruysbrock, Böhme und der Quäker -, die selbst Erben der esoterischen Tradition sind, nie »von seiner Unterordnung unter die historischen Fakten befreit« hat und »eine Religion geblieben ist, in der die reine Ewige Philosophie in verschiedenem Maße von einer götzendienerischen Abhängigkeit von Ereignissen und Dingen in der Zeit überlagert worden ist – von Ereignissen und Dingen, die nicht nur als nützliche Mittel, sondern als an sich heilig und sogar göttlich betrachtet werden.«
Die These, dass die Evangelien-Erzählung keine Geschichte, sondern ein »sich auf ewig im menschlichen Herzen abspielender Prozess« sei, kommt jenen von uns, die mit einem in Raum und Zeit greifbaren Jesus aus Fleisch und Blut aufgewachsen sind, sicher absurd vor. Tatsächlich ist sie nicht ungeheuerlicher als die historische Formel der Orthodoxie; sie ist sogar weniger problematisch, weil sie uns von der Notwendigkeit befreit, die Geschichtlichkeit von Ereignissen zu verteidigen, die, gelinde gesagt, unwahrscheinlich sind. Nur die Vertrautheit mit solchen Ereignissen und vielleicht eine sentimentale Anhänglichkeit hindern uns daran, sie für reine Fantasie zu erklären. Jungfrauen bekommen keine Kinder; Menschen können nicht auf dem Wasser gehen; Stürme können nicht mit einem Wort gestillt werden; einige Laibe Brot und ein paar Fische reichen nicht, um Tausende von Menschen zu speisen, und wer einmal tot ist, kehrt nicht wieder ins Leben zurück. Fundamentalistische Christen klammern sich verzweifelt an die Wunder in den Evangelien, wobei sie David Humes Diktum missachten, dass man lieber seinen Sinnen als den Naturgesetzen misstrauen solle, und einsam Tertullians Schlachtruf wiederholen: credo quia absurdum, »ich glaube, weil es absurd ist«. Und selbst Gelehrte liberalerer Prägung, die Jesu Geburt von einer Jungfrau bereitwillig in Frage stellen und die anderen Wunder symbolisch oder als Übertreibungen natürlicher Vorgänge interpretieren möchten, bestehen auf einer tatsächlichen Auferstehung als Minimalglauben für jeden Christen. Wer die historischen Details für relativ oder ganz unwichtig hält und die Jesusgeschichten als Dramatisierungen innerer Vorgänge betrachtet, ist heute in der Orthodoxie nicht willkommener als seine Vorgänger, die vor über achtzehn Jahrhunderten Irenäus’ spitze Feder zu spüren bekamen.

Widersprüche in den Evangelien

Die Jesusgeschichte als Sammlung spiritueller Gleichnisse zu betrachten ist eine Befreiung von den geistigen Verrenkungen, mit denen die faktischen Unstimmigkeiten zwischen den Evangelien und die seltsamen Anomalien im Neuen Testament als Ganzes erklärt werden müssen. Zum Beispiel:
• Wurde Jesus unter der Herrschaft Herodes des Großen geboren, wie Matthäus schreibt, oder als Quirinius, der Statthalter von Syrien, eine Volkszählung anordnete, wie es bei Lukas steht? (Herodes starb 4 v. Chr.; Quirinius’ Volkszählung fand 6 n. Chr. statt, etwa zehn Jahre später.)
• Säuberte Jesus den Tempel zu Beginn seiner Lehrtätigkeit (Johannes) oder am Ende (Matthäus, Markus und Lukas)?
• Heilte er im Lande der Gerasener zwei Besessene (Matthäus) oder bloß einen (Markus)?
• Fand die Kreuzigung am Tag des Passahfestes statt (Matthäus, Markus und Lukas) oder am Tag davor (Johannes)?
• Begann die Kreuzigung um neun Uhr morgens (Markus) oder mittags (Johannes)?
• Ist es tatsächlich möglich, dass die gewöhnlich umsichtigen Römer einen Aufruhr riskierten, indem sie einen beliebten jüdischen Prediger ausgerechnet am Passahfest hinrichteten, als Jerusalem voller Pilger aus aller Welt war?
• Sollten sich die Hohen Priester tatsächlich in der liturgisch arbeitsreichsten Zeit des Jahres damit aufgehalten haben, die Hinrichtung Jesu zu betreiben?
• Warum bezieht sich der Apostel Paulus, mit der einen Ausnahme des Abendmahls in 1 Kor 11, niemals auf Ereignisse aus dem Leben Jesu, selbst wenn das seiner Sache im jeweiligen Fall enorm geholfen hätte? Warum erwähnt er beispielsweise im Bericht über seinen Streit mit Petrus um die Heidenchristen (Gal 2 und 3) nicht die Heilung des Dieners eines Hauptmanns durch Jesus (Mt 8,5- 8,13) oder die Anweisung am Ende des Matthäus-Evangeliums: »Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern [...] und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe« (Mt 28,19- 28,20)? Kannte er diese Überlieferungen nicht? Stammen die Evangelien vielleicht aus einer Tradition, von der Paulus gar nichts wusste?

Der historische Jesus

Der größte Vorteil einer Auffassung der Evangelien als spirituelle Gleichnisse ist, dass sie uns von der endlosen und offenbar fruchtlosen Suche nach dem historischen Jesus entbindet, an der die Gelehrten zwei Jahrhunderte lang ihren Erfindungsreichtum erprobt haben. Albert Schweitzers zögernder Schlussfolgerung, dass der historische Jesus für uns wohl verloren sei, müssen sich alle bis auf die feurigsten Verteidiger der Orthodoxie anschließen. Die Evangelien selbst bieten nur wenige biografische Informationen, und Fragen nach Jesu Aussehen, seinem Vorleben, seinem Familienstand, seinen persönlichen Vorlieben und seinem allgemeinen Charakter werden gewöhnlich mehr durch fantasievolle Vermutungen oder aus doktrinärer Notwendigkeit beantwortet als durch zulässige Schlüsse aus dem tatsächlich vorliegenden Text. Selbst sein Alter bei der Kreuzigung, das heute allgemein mit 33 Jahren angegeben wird, war nicht unumstritten. Irenäus schließt durchaus nachvollziehbar aus der Stelle bei Johannes, in der die Juden zu Jesus sagen, »Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen?« (Joh 8,57), dass Jesus damals schon über vierzig war. Außerdem argumentiert er, dass Jesus, da er alle Menschen erlösen wollte, jede Lebensphasen, auch das Alter, durchlebt haben müsse. Irenäus erklärt selbstbewusst, dass er dies von jenen erfahren habe, »die sich in Asia mit Johannes, dem Jünger des Herrn, unterredet hatten und angaben, dass Johannes ihnen diese Information gegeben habe« (Irenäus, 201). Im kollektiven sentimentalen Bedürfnis nach einem relativ jugendlichen Jesus ließ man diesen Teil der Überlieferung stillschweigend unter den Tisch fallen.
Die außerbiblischen Belege für die Existenz Jesu, die von Generationen von Apologeten so triumphierend herangezogen worden sind, stellen sich bei genauer und leidenschaftsloser Untersuchung als ziemlich dünn heraus. Die römischen Autoren Plinius der Jüngere und Sueton, die beide Anfang des zweiten Jahrhunderts schrieben, erzählen kaum mehr, als dass Leute, die sich selbst Christen nannten – laut Plinius Anhänger eines »bösen Aberglaubens« (Plinius, 111) -, in bestimmten Teilen des Reiches Ärger verursachten. Tacitus, der um 112 n. Chr. Statthalter der Provinz Asia war, erwähnt in seinen Annalen Menschen, die »wegen ihrer Schandtaten verhasst, vom Volk Chrestianer genannt wurden. Der Mann, von dem sich dieser Name herleitet, Christus, war unter der Herrschaft des Tiberius auf Veranlassung des Prokurators Pontius Pilatus hingerichtet worden« (Tacitus, 375). Eine solche Angabe, fast achtzig Jahre nach dem angeblichen Ereignis niedergeschrieben, zeigt allerdings nur, dass Entsprechendes behauptet wurde; sie ist sicherlich kein Beweis.
Auch aus den jüdischen Quellen lässt sich nichts Substanzielles gewinnen. Philo von Alexandria, der ungefähr 50 n. Chr. starb, erwähnt Jesus in seinen umfangreichen Schriften nicht, obwohl er erklärt, dass der Name Josua (jehōšūa’) – die hebräische Form des lateinischen Namens Jesus – »Erlösung durch Gott« bedeute und dass er der »Name des bestmöglichen Charakters sei« (Philo, 351). Das ist ein möglicher Grund dafür, dass die Hauptfigur der Evangelien diesen Namen trägt.1
Als viel spätere christliche Einfügung ist die berühmte Stelle im Werk des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus entlarvt worden, in der es heißt, dass »etwa zu dieser Zeit auch Jesus lebte, ein weiser Mann, falls er ein Mann war«, und die dann von seinen Wundern, der Verurteilung zum Kreuzestod und seiner Auferstehung am dritten Tag berichtet (Flavius Josephus 1998, 576). Nur von vereinzelten Forschern wird diese Stelle als echt akzeptiert; ihre Präsenz im Text zeigt, dass die historisierende Tendenz im frühen Christentum so verzweifelt nach Beweisen für einen historischen Jesus suchte, dass sie einige erfand.
Schon lange vertreten Apologeten der Orthodoxie die Überzeugung, dass die Ausbreitung des Christentums nur erklärbar sei, wenn seine geschichtlichen Behauptungen im Wesentlichen wahr seien. Schließlich, so heißt es, seien die Menschen nicht bereit, für ein Märchen zu sterben. Dieses Argument basiert aber auf der Annahme, dass religiöse Ideen rational abgewogen werden, bevor sie sich in den Herzen und Gedanken ihrer Anhänger verwurzeln. Dass dies nicht der Fall ist, zeigen Ereignisse wie in Jonestown und Waco. Der Glaube geht seiner Rechtfertigung voraus. In den Worten der Antike: fides quaerens intellectum – der Glaube sucht nach Erkenntnis; Versuche, historische oder rationale Beweise zu erbringen, folgen stets dem ursprünglichen Glaubensimpuls. Der Mithraskult – weit älter als das Christentum – brauchte keinen historischen Gründer, um zu gedeihen. Er basierte auf Mythologie und Sternensymbolik, aber das behinderte keineswegs sein Wachstum oder seinen Wettstreit mit dem Christentum in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Die Ausbreitung des Christentums hat unterschiedliche soziologische Gründe, darunter hauptsächlich den Anklang, den es in den unteren Gesellschaftsschichten fand. Es trug schließlich den Sieg davon, weil Kaiser Konstantin es für politische Zwecke einsetzte. Man braucht weder göttliches Eingreifen noch historische Glaubwürdigkeit anzunehmen, um seine Anziehungskraft oder Dauerhaftigkeit zu erklären.
Das Mormonentum bietet ein jüngeres Beispiel desselben Phänomens. Trotz der außergewöhnlichen Unwahrscheinlichkeit seiner historischen Behauptungen – Engelerscheinungen, goldene Tafeln, vorgeschichtliche Zivilisationen – ist es in weniger als zweihundert Jahren zu einer weltweiten religiösen Bewegung mit eigenen heiligen Schriften, Wundern, Märtyrern und Verfolgungen geworden. Außerdem hat es sich sein eigenes philosophisches, theologisches, wissenschaftliches und historisches System geschaffen, und das Ganze wird von fähigen Gelehrten geschickt verteidigt. Das Mormonentum ist mit gegenwärtig über zwölf Millionen Anhängern wahrscheinlich die am schnellsten wachsende (christliche) Glaubensrichtung weltweit, aber sein Erfolg ist mehr auf aggressive Missionierung, einfache Gewissheiten und tröstende Metaphysik zurückzuführen als auf die Glaubwürdigkeit der angeblichen Wunder, die seine Gründung begleitet haben sollen. Wiederholte Versuche, Joseph Smiths Charakter infrage zu stellen und das fantastische oder sogar lügnerische Wesen seiner Geschichte zu demonstrieren, scheinen der Ausbreitung des Mormonentums nur wenig geschadet zu haben, obwohl Informationen und Belege heutigen Forschern sehr viel besser zugänglich sind als in den frühen Tagen des Christentums. Aus offensichtlichen Gründen können Apologeten der christlichen Orthodoxie die geschichtlichen Behauptungen der Mormonen nicht akzeptieren und sind gerne bereit, den Erfolg des Mormonentums – und anderer religiöser Bewegungen – in soziologischen, politischen oder kulturellen Begriffen zu erklären. Andererseits zögern sie doch sehr, wenn es um die Akzeptanz derselben Faktoren für die Ausbreitung ihres eigenen Glaubenssystems geht.
Es ist nicht meine Absicht zu beweisen, dass es Jesus nicht gegeben hat. Ich akzeptiere bereitwillig, dass jemand dieses Namens wegen Blasphemie oder Verrat hingerichtet wurde, als Pontius Pilatus Prokurator von Judäa war. Möglicherweise wurden sogar bestimmte Aspekte der Lebens- oder Wirkungsgeschichte dieses Mannes in die Erzählungen der Evangelien eingebaut. Darauf zu bestehen, die Evangelien in erster Linie als geschichtliche Erzählung zu lesen, hat unser Verständnis für ihre ursprüngliche Bedeutung jedoch verzerrt und erheblich zu ihrer Ablehnung durch die moderne Welt beigetragen. Selbst liberale Forscher, wie etwa die Mitglieder des kalifornischen »Jesus Seminar«, haben die Evangelien zum großen Teil ihres Inhalts beraubt, in der, wie ich glaube, fälschlichen Annahme, dass es eine Grundlage »authentischer« Sprüche und Ereignisse gebe, die von Mythenbildung, Übertreibung, Fehlern oder frommer Fantasie überlagert worden sei. Der Literalismus, die wörtliche Akzeptanz der Evangelien, fordert, diese in ihrer Gänze als göttlich inspirierte, fehlerlose Erzählungen zu akzeptieren oder abzulehnen; die liberale Exegese hat andererseits ihren Inhalt so sehr erodiert, dass sie gar nicht mehr abgelehnt werden müssen – das hat die Forschung schon erledigt.
Aber wie Rudolf Steiner vor neunzig Jahren bemerkte, kann eine »dialektische Seelenverfassung«, also eine rein intellektuelle, rationale Herangehensweise, mit den Evangelien nichts anfangen, die in den Händen der Gelehrten zu einem »gut abgenagten Leichnam« geworden seien (Steiner, 97).
Die Forscher des zwanzigsten Jahrhunderts haben den Leichnam dann noch gründlicher abgenagt, und zwar mit Hilfe einiger völlig willkürlicher Annahmen, die an den Universitäten aber fast unhinterfragt als Axiome akzeptiert wurden. Steiner weist etwa auf die von Peter Schmiedel vertretene These hin, nach der im Markus-Evangelium als authentisch akzeptiert wird, dass Jesus von seiner Familie als »von Sinnen« betrachtet wurde, und dass nicht von der Verklärung gesprochen wird, in der Jesus sich als Sohn Gottes zeigt. (Ersteres ist, so die Begründung, wahrscheinlich authentisch, weil es Jesus in schlechtem Licht zeigt, Letzteres nicht, weil es ihn positiv darstellt.) In ähnlicher Weise haben Forscher, die aufgrund der Eigenart der Jesusgeschichte bezweifeln, dass es sich um einen historischen Bericht handelt, eine neue historische Kategorie eingeführt: die Geschichte. Ausgangspunkt dabei ist, dass die Evangelien nicht Berichte des Geschehenen sind (oder nur zu einem gewissen Grad), sondern Glaubensbekenntnisse, kerygmatische Geschichten, die den Menschen den Glauben nahebringen sollen. Mr. Spock würde sagen: »Es ist Geschichte, Jim, aber nicht so, wie wir sie kennen.«
Es wird auch deutlich, dass die synoptischen Evangelien2 (Matthäus, Markus und Lukas), weil sie aus scheinbar unzusammenhängenden Episoden bestehen, Zusammenstellungen von Erinnerungen an bestimmte Vorfälle sein müssen, die beim Nacherzählen leicht verändert, dann von den einzelnen Evangelisten gesammelt und willkürlich aneinandergehängt wurden, wie man Perlen auf eine Kette fädelt.
Trotz solcher akademischen Zugeständnisse an den Liberalismus hält sich verbreitet die Meinung, dass man in den Evangelientexten Belege für historische Erinnerungsstücke finde. Paul Barnett vertritt die These, in den Evangelien fänden sich zahlreiche Beispiele für Einzelheiten, die nur von Augenzeugen stammen könnten. So steht etwa bei Markus als Einzigem der Evangelisten, dass Jesus »auf dem Kopfkissen schlief« (Mk 4,38), bevor sich der Sturm erhob, und dass der besessene Gerasener »schrie und sich mit Steinen zerschlug« (Mk 5,5). Barnett kommentiert diese und ähnliche Stellen:
»Diese Worte bei Markus springen einem geradezu entgegen. Meiner Meinung nach können sie nur dem Gedächtnis eines Augenzeugen entstammen, dem sich die Dramatik oder die Stimmung einer Szene eingeprägt haben, oder der Klang oder ihre Seltsamkeit. Hinter diesen Worten stehen die Erinnerungen eines Menschen, der dabei war.« (Barnett, 92)
Barnett behauptet weiter, dass Einzelheiten über Zeit, Ort und Anwesende auf faktische Authentizität hindeuteten. Das ist so nicht richtig. Einzelheiten gehören zum Handwerkszeug jedes Schriftstellers. Man geht auch nicht davon aus, dass Homers Fähigkeiten zu lebendiger Beschreibung zeigen, er sei Augenzeuge der Ereignisse gewesen, die er schildert, oder dass die Legenden um Robin Hood wahr sein müssen, weil der Sherwood Forest erwähnt wird. Ich stimme mit Barnett darin überein, dass dieses Evangelium in einem überzeugenden Tonfall geschrieben ist, aber das liegt eher an Markus’ schriftstellerischem Talent als an historischer Exaktheit, und wie noch gezeigt werden wird, haben einige der Einzelheiten des Textes einen überraschenden Ursprung.
Tatsächlich setzt Barnetts Argumentation bei Markus eine Art Naivität voraus, indem sie davon ausgeht, dass der ungekünstelte Stil seines Texts auf historische Erinnerung und nicht auf literarische Absicht zurückgeht. Aber diese »Ungekünsteltheit« ist illusorisch. Das Markus-Evangelium ist in Wirklichkeit sehr viel stärker literarisch durchgestaltet, als es zunächst wirkt: Genau wie bei Mark Twains Huckleberry Finn darf man sich nicht vom Erzählstil über die literarische Konstruktion hinwegtäuschen lassen.
Man betrache als Beispiel den Bericht über die Stillung des Sturms (Mk 4,35-4,41): Barnetts Behauptung, hier finde sich Augenzeugenmaterial, fällt in sich zusammen, wenn man weiß, dass Markus’ Bericht auf einigen Psalmversen beruht. Vergleichen Sie Psalm 107, 23-30 mit der Stelle bei Markus:
Psalm 107, 23-30 Mk 4,35-4,41
»Die sich mit Schiffen aufs Meer hinausbegaben, auf großen Wassern Handel trieben, das sind die, die die Taten des Herrn sahen und seine Wunder in der Tiefe. Er redete und bestellte einen Sturmwind, und der trieb seine Wellen hoch. Sie stiegen zum Himmel empor, sie sanken hinab in die Tiefen, es verzagte in der Not ihre Seele. Sie taumelten und schwankten wie ein Betrunkener, es versagte all ihre Weisheit. Dann aber schrien sie zum Herrn in ihrer Not: Und er führte sie heraus aus ihren Bedrängnissen. Er verwandelte den Sturm in Stille, und es legten sich die Wellen. Sie freuten sich, dass es still geworden war, und er führte sie in den ersehnten Hafen.«»Und an jenem Tag sagte er zu ihnen, als es Abend geworden war: ›Lasst uns zum jenseitigen Ufer übersetzen!‹ Und sie entließen die Volksmenge und nehmen ihn im Boot mit, wie er war. Und andere Boote waren bei ihm. Und es erhebt sich ein heftiger Sturmwind, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot sich schon füllte. Und er war hinten im Boot und schlief auf dem Kopfkissen; und sie wecken ihn auf und sprechen zu ihm: ›Lehrer, kümmert es dich nicht, dass wir umkommen?‹ Und er wachte auf, bedrohte den Wind und sprach zu dem See: ›Schweig, verstumme!‹ Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: ›Warum seid ihr furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?‹ Und sie fürchteten sich mit großer Furcht und sprachen zueinander: ›Wer ist denn dieser, dass auch der Wind und der See ihm gehorchen?‹«
 
 
 
 
 
Manche argumentieren (allerdings nicht Barnett), dass die Ereignisse auf dem See Genezareth die »Erfüllung« der Psalmenstelle gewesen seien und dass hier, wie auch anderswo, die Psalmen nicht nur Gebete, sondern auch Prophezeiungen seien. Gegen solche Auffassungen Einwände zu erheben ist in der Regel sinnlos, aber man kann ihre Verfechter an das philosophische Prinzip von Ockhams Rasiermesser erinnern, nach dem man sich zunächst an die natürliche Erklärung eines Phänomens halten soll, bevor man auf eine übernatürliche zurückgreift: Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass Markus seine Geschichte aus Psalm 107 bezog, als dass Gott den Psalmisten inspirierte, ein Ereignis zu prophezeien, das sich zehn Jahrhunderte später zutragen sollte.
Genau dasselbe trifft auf Markus’ Beschreibung von Johannes dem Täufer zu (Mk 1,6), die mehr der alttestamentarischen Darstellung des Elias (2 Kön 1,8) als angeblichen Augenzeugenberichten verdankt. Das beste Beispiel für diese Tendenz, sich für seine Erzählung auf Sprache und Bilder des Alten Testaments zu stützen, ist aber Markus’ Bericht über die Kreuzigung. Von 14,32 bis zum Ende von Kapitel 15 finden sich zahlreiche Anklänge an die Psalmen, besonders Psalm 22, 31 und 41. Sind diese Psalmen Prophezeiungen von Jesu Tod, oder beschrieb Markus den Tod Jesu mit Ausdrücken, die er in den Psalmen fand?

Markus und Homer

Markus bediente sich nicht nur der Motive aus der hebräischen heiligen Schrift, sondern wahrscheinlich auch der homerischen Epen, also der Odyssee und der Ilias, als Vorbilder für die Konstruktion seiner Erzählung. Diese Theorie ist kürzlich von Prof. Dennis R. MacDonald vorgebracht worden, der überzeugend darlegt, wie Ereignisse bei Markus manche in Homers Epen widerspiegeln, und zwar sowohl in der Formulierung wie auch im Inhalt. So lässt sich Markus’ Erzählung von der Stillung des Sturms nicht nur mit Psalm 107 vergleichen, sondern auch mit dem homerischen Bericht von Aeolus’ Schlauch der Winde in der Odyssee (10, 1-69). Darüber hinaus sind die Ähnlichkeiten hier so dicht gestreut und chronologisch, dass sie kein Zufall sein können. MacDonald kommentiert:
»Viele Details dieser Erzählung finden sich auch in anderen Sturmerzählungen der Literatur, aber einige sind sehr selten. In den Hunderten von Seereisen der antiken Literatur gibt es nur sehr wenige Protagonisten, die während eines Sturms aufwachen und ihren Reisegefährten Vorwürfe machen. Außerdem hat der früheste Evangelist deutliche Hinweise auf sein Vorbild hinterlassen. Genau wie Odysseus, der Aeolus auf einer schwimmenden Insel Geschichten erzählt, erzählt Jesus seine auf einem schwimmenden Schiff. In allen Evangelien wird Jesus nur auf dieser einen Fahrt von »anderen Schiffen« begleitet, ein Detail, das auf Odysseus’ zwölf Schiffe verweist. Die Erzählung bei Markus endet damit, dass sich die Jünger fragen, wer Jesus sei, ›dass auch der Wind und der See ihm gehorchen‹. Er gleicht Aeolus, dem König der Winde.« (MacDonald, 61 f.)
Ähnlich verhält es sich auch bei Markus’ Schilderung der Passion und des Todes Jesu: MacDonald erkennt zwar die Abhängigkeit vom Alten Testament an, meint aber, diese Texte allein könnten die Passionsgeschichte, wie sie uns vorliegt, nicht erklären. Er behauptet, Markus habe mehrere Passagen seiner Erzählung – die Salbung in Bethanien, die Wasserträger-Episode, Judas’ Verrat, Jesu Betrübnis in Gethsemane – der Odyssee entlehnt, und die Kreuzigung sei eine Nachahmung des Todes Hektors im 22. Gesang der Ilias. MacDonald betont, dass »Nachahmung« hier nicht als Plagiat zu betrachten ist. Rhetorikschüler in Griechenland und Rom lernten, klassische Autoren und insbesondere Homer zu imitieren, weil, wie Quintilian sagt, »es angebracht ist, bei dem zu bleiben, was bereits erfolgreich erfunden wurde« (MacDonald, 4). Die Kunst lag darin, sein Vorbild zu verbergen, um Vorwürfe der Pedanterie oder des Plagiats zu vermeiden.
»Dazu veränderte man unter anderem das Vokabular, variierte die Anordnung, Länge und Struktur der Sätze, verbesserte den Inhalt und führte eine Reihe formaler Transformationen durch. Während Anfänger normalerweise ein einzelnes Werk imitierten, bediente sich der erfahrene Autor bei vielen [...] Solcher Eklektizismus verbarg auch das primäre Ziel der Imitation. Geschickte Autoren glichen Bienen, die den besten Nektar aus vielen Blüten sammelten, um Texte wie Honig zu erzeugen. Laut Seneca sollten solche apianen (›bienengleichen‹) Autoren ›diese verschiedenen Geschmacksrichtungen zu einer delikaten Komposition anrühren, die sich, obwohl sie ihren Ursprung verrät, dennoch deutlich von ihm unterscheidet‹. Den Gipfel der Imitationskunst erreicht man allerdings, wenn ›die Kopie allem, was dem entstammt, was wir das Original nennen können, ihren Stempel aufdrückt‹, so dass man ›unmöglich mehr erkennen kann, wer da imitiert wird‹.« (MacDonald, 5 f.)
Solche Imitationen sollten möglichst »transvaluativ« sein, d. h., sie vertraten Wertvorstellungen, die sich von denen des Originals unterschieden und ihnen überlegen waren. Auf Griechisch nannte man dieses Vorgehen zêlos, im Lateinischen aemulatio; es handelte sich um den Versuch, »besser« als das Vorbild »zu sprechen« und den Leser einzuladen, »die Imitation für überlegen zu halten, sowohl im literarischen Ausdruck, der philosophischen Genauigkeit wie der religiösen Kraft« (MacDonald, 6). MacDonald geht entsprechend davon aus, dass der Autor des Markus-Evangeliums die Lebenswege Hektors und Odysseus’ als Vorbilder für Jesus benutzt, sie aber nicht gestohlen, sondern umgewertet hat:
»Genau wie Hektor stirbt Jesus am Ende des Buches, seine Leiche wird vor dem Henker gerettet, und er wird von drei Frauen betrauert. Aber anders als Hektor steht Jesus von den Toten auf.« (MacDonald, 3 f.)
Ähnlich bei der Stillung des Sturms. Jesus und die Apostel werden wie Odysseus und seine Mannschaft von wütenden Winden bedrängt; Jesus schläft, wie Odysseus; Jesu Kopf liegt auf einem Kissen, Odysseus zieht sich einen Umhang über den Kopf. Aber anders als Odysseus, der selbst unbeabsichtigt die Winde aus dem Schlauch gelassen hat, ist Jesus nicht gleichgültig, sondern kann den Sturm mit einem Wort stillen.
Wie im Zwillinge-Kapitel gezeigt wird, verwendet Markus in seinem Bericht über die Stillung des Sturms nicht nur die Psalmen und die Odyssee, sondern bezieht auch Elemente der Tierkreismythologie mit ein und zeigt sich so als wahrhaft »bienengleicher« Autor.3
In diesem Licht wirkt Barnetts These, dass Markus’ Passionserzählung durch »die Zusammenarbeit von Petrus und Markus Mitte der dreißiger Jahre« (Barnett, 97) entstanden sein könnte (d. h., dass Markus die Erinnerungen Petri aufzeichnete), unsinnig. Selbst wenn die alttestamentarischen Anspielungen dazu dienen, der Darstellung mehr Gewicht zu verleihen, und die Nachahmung griechischer Vorbilder in der damaligen Zeit allgemein üblich war, bleibt die Schlussfolgerung, dass hier ein literarisches Werk und keine bloße Aufzeichnung von Erinnerungen vorliegt. Barnetts Ansicht basiert eher auf seinem apologetischen Anliegen als auf einer unvoreingenommenen Textanalyse. Das Markus-Evangelium beinhaltet sicherlich historische Elemente, aber, wie Northrop Frye sagt, »Wenn in der Bibel historische Fakten stehen, dann nicht um der Fakten willen, sondern aus anderen Gründen. Diese Gründe haben vermutlich mit spiritueller Tiefe oder Bedeutsamkeit zu tun.« (Helms, 126)
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die unhinterfragten Axiome der gegenwärtigen Evangelientheologie – ob fundamentalistisch oder liberal -, sämtlich von dem Bedürfnis geprägt sind, die allgemeine und anscheinend unangreifbare Gewissheit stützen, dass das »Christentum im Wesentlichen eine historische Religion ist«. Derweil ist der Einzelne verwirrt und skeptisch und auf sich selbst gestellt, und wer spirituellen Beistand sucht, wendet sich zunehmend den Religionen des Ostens zu, deren Geschichten noch nicht vollkommen zerlegt und missbraucht worden sind.

Nichtliteralistische Herangehensweisen