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Band 48

Nemesis

 

von Michael J. Parrish & Christian Montillon

 

© Zaubermond Verlag 2013

© "Torn – Wanderer der Zeit" by Michael J. Parrish

 

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der Autoren-

und Verlagsagentur Peter Molden, Köln.

 

Titelbild: Günther Nawrath

eBook-Erstellung: story2go | Die eBook-Manufaktur

 

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

Inhalt

 

Nemesis

 

Was bisher geschah

 

Prolog

1. Kapitel

Zwischengesang

2. Kapitel

Zwischengesang

3. Kapitel

Zwischengesang

4. Kapitel

Zwischengesang

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Epilog

 

Vorschau

Glossar

 

 

 

Was bisher geschah

 

Mein Name ist Torn.

Ich war der letzte der Wanderer.

Dies ist meine Geschichte ...

Der Elitesoldat Isaac Torn nimmt an einem Zeitreiseexperiment teil und stößt damit unwissentlich das Tor zum Subdaemonium auf, wodurch das Heer der dämonischen Grah'tak entfesselt wird und über die Welten der Sterblichen herfällt. Von den Lu'cen, den mächtigen Richtern der Zeit, kann der Untergang in letzter Sekunde abgewendet werden.

Als Wiedergutmachung wird Torn in ihre Dienste gestellt: Als Nachfolger der legendären Wanderer reist er durch Raum und Zeit, um gegen die verbliebenen Grah'tak zu kämpfen. Ausgestattet mit einer Plasmarüstung, die ihre Gestalt wandeln kann, und seinem Lux, dem Schwert des Lichts, ist es seine Mission, die Sterblichen zu beschützen – die Festung am Rande der Zeit wird dabei seine neue Heimat.

Doch Torn leidet unter der Einsamkeit, die ihm auferlegt wurde. Als er seiner Vergangenheit, die die Lu'cen aus seinem Gedächtnis löschten, näher kommt, bricht er das Gesetz der Wanderer: Er schont das Leben von Mathrigo, dem Herrscher der Grah'tak, um die Sterbliche Callista zu retten. Daraufhin verbannen ihn die Lu'cen aus der Festung, und eine gefährliche Odyssee durch Raum und Zeit beginnt ...

Zahlreiche Abenteuer führen endlich zur Neugründung des Wandererordens – Torn führt seinen verzweifelten Kampf nicht mehr alleine. Nach und nach gesellen sich Mitstreiter auf die Festung am Rande der Zeit.

Die Mitstreiter im neuen Korps:

Callista – Torns Geliebte, sein Symellon, die vorübergehend eine Lu'cen war und wieder zur Sterblichen wurde.

Ceval – Nur für kurze Zeit war der »andere Wanderer«, der lange Zeit auf eigene Faust die Erde behütete, Mitglied im neuen Wandererkorps, denn er ließ sein Leben im Kampf gegen die Grah'tak.

Krellrim – Der intelligente Menschenaffe ist der Letzte seines Volkes, das auf dem Planeten Mrook ein schreckliches Ende fand.

Tattoo – Ein junger Mann, der mit geheimnisvollen Tätowierungen übersät ist, die angeblich seine Zukunft voraussagen.

Max Hartmann, Nara Yannick und Cassius Alienus sind die neusten Mitglieder im Wandererkorps. Max stammt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und traf schon früher einmal auf Torn, wartete ungeduldig auf seine Rückkehr. Nara hingegen lebte im 23. Jahrhundert der Menschheitsgeschichte, ehe sie in das Geschehen um Mathrigo und Torn gezogen wurde. Cassius war Gladiator im Alten Rom.

Auch Nroth, Torns und Callistas Sohn, gesellte sich zum Wandererkorps. Er kehrte dem Bösen den Rücken zu, zu dem Mathrigo ihn erzog, nachdem er den Embryo mit brutaler Gewalt aus dem Mutterleib riss und das Kind im Cho'gra aufzog. Nroth verliebte sich in Nara, was den Ausschlag gab, die Seiten zu wechseln und sich von den Grah'tak abzuwenden.

Mathrigo, der Herrscher aller Cho'gra im Immansium, wird von Torn in einem dramatischen Duell besiegt ... zumindest glaubte der Erste Wanderer dies. Dass er sich täuschte, muss er schmerzlich eingestehen, als er seinem Erzfeind schließlich wieder gegenübersteht. Torn erfährt eine entsetzliche Geschichte und lüftet das Geheimnis seiner Herkunft. Torn ist ein Klon Mathrigos, den dieser schuf, um den perfekten Krieger zu kreieren – den Mesh'rul, der als sagenhafter Vernichter der Sterblichen gilt.

Torn steht aktuell vor einer schweren Aufgabe: Er muss über Krellrim richten. Nachdem der intelligente Menschenaffe ein künstliches Bein erhielt und über die Vergangenheit seines Volkes verzweifelte, sagte er sich vom Wandererkorps und seiner Ethik los und beschritt den Pfad der Blutrache, indem er seine Waffenbrüder belog und täuschte. Mit radikalen Mitteln gelang es ihm, Carnia zu töten, ehe Torn und die anderen ihn auf die Festung am Rande der Zeit zurückholten – dort wartet er nun auf seine Verurteilung.

Mathrigo hingegen überlebte Krellrims Attacke; allein, ohne Carnia, blieb er im Alten Rom zurück und begab sich auf den Weg ins Cho'gra, wo er sich dem aktuellen Herrscher, General Nagor, unterwarf – zum Schein, denn er will zurück an die Macht.

Die Grah'tak starten inzwischen eine Invasion des Planeten Calah; die Calahi sind ein Volk, das im Großen Krieg die Wanderer unterstützte und von den Dämonen im Gegenzug fast ausgerottet wurde. Sie überlebten nur, weil sie sich in unterirdische Kavernen zurückzogen, dort viele Generationen verbrachten und irgendwann an die Oberfläche zurückkehrten. Inzwischen hatten sie ihre Herkunft und die überragende Technik, über die sie einst geboten, vergessen.

Fast alle Wanderer reisen nach Calah – und es gibt Opfer. Alle halten Nara Yannick für tot. In Wirklichkeit konnte sie sich zusammen mit dem jungen Calahi-Krieger Gwarain in ein unterirdisches Felsenlabyrinth retten.

Callista, Nroth, Tattoo und Max versuchen inzwischen, die Stämme der Calahi zu einen – dabei hilft es, dass sie von einigen für sagenhafte prophezeite Helden gehalten werden.

Torn selbst blieb auf der Festung am Rande der Zeit zurück und überlegt, wie er mit Krellrim verfahren soll. Der Lu'cen Severos erscheint und fordert eine Entscheidung. Andernfalls würden die Lu'cen eigenmächtig handeln. Doch Torn lässt sich für den Moment nicht auf Diskussionen ein und bricht selbst nach Calah auf. Unter seiner Führung formiert sich das Heer der Calahi noch einmal zur Schlacht gegen die Grah'tak – das Bündnis ist siegreich, und unter Torns Hand stirbt Sarim. Kurz nach der Rückkehr zur Zeitenfeste stellen die Mechar fest, dass Krellrim aus seinem Gefängnis verschwunden ist.

Mathrigo unterdessen nutzt Sarims Tod, um die Legion des Grauens zu reaktivieren, und reist dazu auf den Exilplaneten Keforia. Torn hingegen beschuldigt die Lu'cen, Krellrim entführt zu haben, und in seinem Zorn greift er den Obersten der Lu'cen an ...

 

 

»Ko vira sta, sol morto muta.«

»Wo Leben stagniert, bringt nur der Tod Veränderung.«

Wanderermeister Machiel zugeschrieben,

der diesen Ausspruch später dementierte

 

Mein Name ist Torn.

Einst war ich der letzte der Wanderer, einsam und ausgestoßen, zerrissen zwischen den Dimensionen – aber das ist nun vorbei. Denn im Laufe meines Kampfes gegen die Dämonen, die die Welten der Sterblichen zu überrennen drohen, habe ich Verbündete gefunden, Freunde und Waffenbrüder, die mich im Kampf gegen die Grah'tak unterstützen. Seite an Seite fechten wir in dem Krieg, der durch die Zeiten und Welten tobt.

Das Korps der Wanderer wurde neu gegründet, und wie vor Äonen ist es seine Aufgabe, die Welten der Sterblichen vor den Mächten des Chaos zu beschützen. Der Kampf ist hart und entbehrungsreich und fordert immer neue Verluste. Aber wir geben nicht auf, denn wir sind Wanderer und haben den Eid des Lichts geleistet.

Dies ist unsere Geschichte …

 

Prolog

DER CHOR DES WAHNSINNS

 

Aus dem von Schmutz und verschmierten Schlieren bedeckten Fenster fiel das matte Licht einer Öllampe. Niemand sah, wie sich die Strahlen in den großen Augen brachen.

Die Kreatur bewegte unablässig ihr hässliches Maul, doch kein Laut drang daraus hervor. Sie wandte den Kopf, um dem Licht auszuweichen, denn sie liebte die Finsternis. Auch in der Dunkelheit der Gasse funkelten die Augen noch immer. Sie glühten in dumpfem Rot.

Krallen schabten über den rauen Steinboden, als sich das Wesen entfernte. Die Zunge leckte über die spitzen Zähne des mächtigen Unterkiefers. Die Kreatur seufzte wohlig – das Blut belebte ihre Sinne.

»Mehr Blut«, sagte sie mit tiefer Stimme.

Dann antwortete sie sich selbst, schrill und hell wie eine junge Frau: »Es gibt Wichtigeres! Wichtigeres als nur das Blut und den Tod der einzelnen!«

Das Wesen kicherte, scharrte über den Boden. Die Krallen bohrten sich in das Gestein und zogen eine trocken-pulvrige Spur. Es hob ein Bein, knickte es und hielt die Kralle vor seine Fratze. Es schloss das Maul fast vollständig und stieß dann die Luft aus.

Von dem spitzen, hornigen Etwas wehte Steinstaub davon, ehe er zu Boden rieselte. Als die Kreatur stärker blies, löste sich ein blutiger Fleischfetzen und platschte vor den anderen Beinen auf.

Ein widerwärtiges Schmatzen tönte durch die schmale Gasse. Der entfernt insektenartige Schädel stieß herab, die Zunge wischte über den Boden, die Zähne knirschten.

Dann ein Schmatzen und Schlucken.

»Viel zu wenig.« – »Wir hatten gerade erst eine Mahlzeit.« – »Blut …« – »…und unser Ziel ist …« – »Kein Unser, sondern Mein!«

Nahezu von Wort zu Wort veränderte sich die Stimme.

Das Fenster öffnete sich. Die Öllampe tauchte auf, von einer blassen, gichtig verkrümmten Hand gehalten. »Seid still dort draußen! Es ist mitten in der Nacht!«

Das Ding kicherte wieder. »Hört ihr es? Der Mensch meint uns.«

»Was ist …« Der alte Mann sprach diesen Satz nie zu Ende. Sein Schrei ging in ein Gurgeln über, als die Kralle seine Halsschlagader durchtrennte.

»Keine Zeit«, sagte die insektenhafte Kreatur und biss zu.

Der Kopf des alten Mannes fiel haltlos nach hinten. Blut spritzte über die glänzende Fratze. Knochen knirschten zwischen den Zähnen.

Die Lampe fiel und zerbrach. Kurz flackerte eine lodernde Flamme auf, die das Öl ebenso gierig aufleckte wie der Grah'tak das Blut. Zwei Klauen zerrten die Leiche ins Freie. Die Kleidung fing Feuer.

Das insektenhafte Ding kreischte und schleuderte den Toten gegen die Hauswand. Die Schädeldecke platzte beim Aufprall, der Kopf kullerte davon.

»Neue Stimme, neue Stimme«, sagte das Ding.

»Leise und klein«, sagte es mit der Stimme jenes Wesens, das als Folterer Torcator einst Furcht und Schrecken verbreitet hatte.

»Irrelevant«, sagte es mit dem Bewusstseinsinhalt jener jungen Frau, die einst Torcators frevlerische Ziehtochter gewesen war und sich den Namen »Carnia« gegeben hatte. »Mein Plan ist wichtiger.«

»Hunger«, sagten tausend Stimmen.

Shizophror fraß das Hirn und das Herz. Die Krallen bearbeiteten die Leiche. Zurück blieb ein ausgeweideter Fleischhaufen, der nur noch entfernt an einen Menschen erinnerte.

Andere Menschen kümmerten sich nicht darum. Einige hörten den Lärm der grauenhaften Tat, doch sie wussten, dass es besser war zu schweigen, als selbst zerfetzt und gefressen zu werden. Das Grauen schlich durch Roms Gassen, und wer Widerstand leistete oder sich einmischte, der starb.

Irgendwann huschte das Monstrum davon, teils über den Boden, teils mit hastigen Bewegungen an den Wänden entlang. Die Bewohner der Häuser hörten das tödliche Krachen und Schaben an ihren Wänden und schlossen die Augen. Der Tod klopfte an und sie waren froh, wenn er weiterzog. »Nicht alle haben so viel Glück wie wir«, erklärten die Alten, und die Jungen wagten nicht zu widersprechen.

Shizophror sprang auf ein Dach und hüpfte mit großen Sätzen weiter. Seine Klauen blitzen im Mondlicht, die ausgemergelte, sehnige Silhouette streckte sich der fernen silbergelben Sichel entgegen. Krachend landete der Grah'tak, durchbrach das morsche Gebälk einer heruntergekommen Holzhütte.

Einige Splitter trafen das schwitzende Mädchen, über dem ein nackter Jüngling aufschrie. Das Aroma nach frischem Blut durchwehte die Hütte. Die Nüstern weiteten sich, die Klauen krümmten sich und bohrten sich in das zarte Fleisch.

Sinnlos, versuchte Carnia Oberhand zu gewinnen, doch noch war sie im Chor der tausend Stimmen nicht die Oberste. Noch nicht.

Vor allem einer leistete ihr Widerstand. Ihr Ziehvater, der Folterer …

Blut versickerte in dem Strohlager.

Der Wahnsinn verstärkte sich, wie bei jedem neuen Opfer. Zwei neue Stimmen mischten sich in den Chor. Für einen winzigen Augenblick war eine Stimme lauter und klarer als alle anderen, gerade so lange, bis sie selbst die Grenzen des Irrsinns überschritt:

»Das – bin – ja – ich …«

Das Bewusstsein des Mädchens sah nicht seinen Liebhaber, nicht einmal seinen eigenen Leib, der eben noch vor Wollust erzittert hatte und noch immer gebrochen zuckte, sondern nur die Augen, starr und tot.

Für eine Sekunde erstarrten alle Stimmen in Shizophror, all die Opfer, die der Grah'tak jemals getötet hatte. Das war der Augenblick, in dem Carnia nach oben schwamm. Nachdem Krellrim sie in der Arena auf brutalste Weise getötet hatte,1 hatte ihr Geist willkürlich den nächsten Menschen übernommen – einen betrunkenen Seemann. Diesen hatte sie quer durch die bekannte Welt bis auf eine Hochebene Griechenlands gejagt, weil sie wusste, dass dort zuletzt Shizophror gesichtet worden war. Shizophror – ihre einzige Hoffnung darauf, wieder einen Körper zu erhalten. Die Bestie tötete den Seemann, und sowohl dessen Bewusstsein als auch das von Carnia gingen in Shizophror ein …

Doch nicht nur sie drang in diesem Moment an Shizophrors Oberfläche. »Ich muss …« – »Nein.« – »Mein Plan …« – »Wir …« – »Ich …«

Der Chor des Wahnsinns sang weiter, leise, getragen und krankhaft schön.

 

 

1.

 

Rom

Das Jahr 41

Von dem Schädel war nicht viel übrig geblieben, zumindest nicht von seiner hinteren Hälfte. Das Gesicht wirkte wie erstarrt, als sei es von einer Sekunde auf die andere schockgefroren worden. Der Haaransatz war noch zu sehen, dann klaffte ein widernatürliches, tiefes, blutverkrustetes Loch.

»Verdammt üble Sache«, sagte Tattoo, der Wanderer. Ihm war mehr als nur ein bisschen mulmig zumute. »Da dreht sich einem der Magen um.«

Cassius Alienus hatte sich längst abgewandt. »Wir müssen diesen elenden Grah'tak finden und unschädlich machen! So kann das nicht weitergehen …«

»Das Problem dabei ist nur, dass Shizophror alles andere als ein leichter Gegner ist.«

Eine leichte Brise wehte durch die Gasse, was eine Wolke aus widerwärtigem Gestank in die Gesichter der beiden Wanderer wehte – Blut und noch etwas anderes, das Tattoo nicht benennen konnte.

Es erinnerte an verfaultes Fleisch, an eitrige Wunden und schlicht an Tod. Vielleicht waren sie ihrem Feind so dicht auf den Fersen, dass sie noch seine verderbliche Ausdünstung rochen.

Der tätowierte Wanderer verzog angeekelt das Gesicht. »Verschwinden wir von hier. Ich habe nicht die geringste Lust, noch einmal im Kerker zu landen und mich erneut den Klauen des Adlers entwinden zu müssen.«

»Ich denke, Tarragus hat genug von dir. Deine Vorstellung hat ihn mehr als nur überzeugt.2 Wahrscheinlich hofft er im Stillen, dass du seine Arbeit erledigst und den Spinnenmörder für ihn findest.«

»Nicht nur im Stillen, denn genau das habe ich ihm angekündigt – er wird uns in Ruhe lassen. Für ihn bin ich eine Art Wunderwaffe.«

»Da hat er wohl nicht ganz unrecht.« Cassius deutete auf eine verschmierte Blutspur, die sich vom Leichnam wegzog, in Richtung des letzten zerfallenen Hauses am Stadtrand.

»Dann wollen wir zwei Superhelden mal den Schurken der Woche jagen«, sagte Tattoo. Der flapsige Spruch kam geradezu automatisch über seine Lippen – er fühlte sich nicht im Geringsten amüsiert. Wie hätte es angesichts dieser schrecklich zugerichteten Leiche auch anders sein können? Oder auch nur angesichts dessen, der auf sie wartete, falls es ihnen überhaupt jemals gelang, ihn ausfindig zu machen?

Shizophror …

Zweifellos handelte es sich um einen der gefährlichsten Grah'tak, die je existiert hatten. Er war nicht mit normalen Maßstäben zu messen. Nicht einmal mit den Maßstäben, die ein Wanderer notgedrungen von seinen dämonischen Feinden gewann und die ohnehin jedes normale Maß sprengten.

Shizophror …

Er war ein Gestalt gewordener Alptraum, der sich, wie sie inzwischen wussten, in der Kanalisation der Stadt versteckte, wenn er nicht auf Raubzug ging – eine Bestie, wie es sie kein zweites Mal gab in den Weiten des Omniversums. Jedes Opfer, das dieser Grah'tak ermordete, wurde ein Teil von ihm. Tausende oder gar Zehntausende von Seelen und Bewusstseinen hatten auf diese Weise Eingang gefunden in die Killerbestie, die seit Wochen das alte Rom unsicher machte.

Shizophror …

Das irrsinnigste Wesen in den Weiten aller Welten und Zeiten. Sein Verstand war so oft geteilt, in so viele Teile und Stimmen aufgesplittert, dass sich die Wanderer seit jeher fragten, wie er überhaupt noch handlungsfähig sein konnte. Wie sehr litt bereits ein schizophrener Mensch, der gerade einmal zwei Persönlichkeiten entwickelt hatte. In dem Grah'tak jedoch herrschten tausendfach schlimmere Zustände. Wahnsinn war ein zu mildes Wort, um seinen Zustand zu beschreiben.

Die Blutspur endete, als die Gasse in ein weites Feld aus nackter, vor Dürre und Hitze aufgesprungener Erde überging. Der kurze Regen vor einigen Tagen war längst restlos versickert und verdampft. Etwas lag auf dem Boden, wohl die Überreste einer Hand. Shizophror hatte dieses Körperteil seines Opfers, aus welchen Gründen auch immer, bis zu dieser Stelle mitgeschleppt.

»Dort«, sagte Tattoo.

Etwa ein Meter vor ihnen schillerte ein Blutspritzer auf dem knochentrockenen Boden im silbrigen Mondlicht, das ganz Rom in eine dumpfe Dämmerung tauchte. Wie meistens hatte sich Shizophror sein neuestes Opfer in den ärmlichen Gassen am Rand der Stadt gesucht.

Die beiden Wanderer gingen weiter. Tattoos Fuß verfing sich in einem Spalt. Der Tätowierte knickte ein und fing seinen Sturz mit beiden Händen ab, schrammte mit dem Handgelenk über einen spitzen, aufragenden Stein. Er fluchte leise und entdeckte etwas Seltsames, als er sich wieder in die Höhe stemmte. Der Boden wölbte sich, und war dahinter nicht ein Loch, wie eine gegrabene Kuhle oder – Höhle?

»Cassius …«

»Was ist …« Der ehemalige Gladiator verstummte, als sein Waffenbruder mit einer geschmeidigen Bewegung nahezu lautlos wieder auf die Füße kam.

»Er ist noch da«, sagte Tattoo leise.

Nur wenige Meter vor ihnen, hinter der Wölbung, brach die Erde auf. Schollen flogen durch die Luft, krachten auf und explodierten in Milliarden Krumen. Kleine Steine schossen wie Granatsplitter umher. Ein schrilles, mörderisches Kreischen gellte über das Feld.

Und etwas sauste auf Tattoo zu, schneller, als er reagieren konnte, etwas Riesiges.

Eine Klinge bohrte sich in seinen Oberarm, durchdrang mühelos den Schutz der Plasmarüstung.

Tattoo fühlte pochenden Schmerz. Erst dann begriff der Wanderer, was wirklich geschehen war.

Dies war keine Waffe gewesen.

Shizophror zog seine gebogene Kralle aus Tattoos Fleisch. Aus dem Maul drang hässliches Kichern.

Dann ein Schlag vor die Brust.

Und Dunkelheit.

 

Keforia

Mathrigo brüllte und stürzte in eine unbekannte Tiefe.

Alles drehte sich, Licht und Farben blitzten, jagten an seinen Augen vorüber. Stroboskopartig blitzte etwas auf, eine Fratze, bösartig, falsch und so gewaltig groß, dass Mathrigo sie nicht in ihrer Gesamtheit wahrnehmen konnte. Da waren diese Augen, tief in ausgedörrten, knochigen Höhlen versunken, voller Bosheit und Hass.

Feuer loderte in ihnen. Flammen fauchten und tauchten den Leib des ehemaligen Herrschers über das Cho'gra in lodernde Hitze. Er glaubte, das Fleisch werde ihm von den Knochen gesengt.

Gleichzeitig fiel er tiefer, schlug brutal gegen die raue Steinwand dieses bodenlosen Schachtes, trudelte und hörte die Stimme seines Widersachers: »Dies, Mathrigo, ist die Stunde der Abrechnung!«

Er schlug auf. Mit einem hässlichen Geräusch wurden seine Knochen zerschmettert. Sein Körper wurde geschüttelt, in die Höhe gerissen – dann hämmerte er erneut gegen etwas. In seinem Nacken knackte es, er sah seine Schulter, dann seinen Rücken, den Rippenknochen, der zerborsten und mit einer schleimigen Masse bedeckt zwischen den Schulterblättern herausragte.

Jeder Mensch wäre längst tot gewesen.

Doch er war kein Mensch.

Er war ein Glu'takh, und auch sein neuer Klonkörper gehorchte längst den dämonischen Gesetzen, die seine verderbte Seele ihm auferlegte.

Auf diese Weise konnte sein Gegner ihn nicht töten.

Mathrigo drehte den Kopf zurück in die korrekte Position, die geborstenen Wirbel rasteten knackend wieder ein und formten sich neu. Er fühlte, wie Knochensplitter durch das kalte Fleisch wanderten. Mit beiden Händen tastete er über den Rücken, drückte den Rippenknochen zurück in seinen Leib. Blut und Schleim pulste zwischen seinen Fingern hindurch, weich und faulig. In seiner Hüfte fügte sich etwas zusammen, die Beine streckten sich. Die abgetrennte Kniescheibe zog sich an den zerfetzten Sehnen zurück und Haut bildete sich neu.

Auch wenn seine Kräfte noch lange nicht denen entsprachen, die er vor seiner Niederlage gegen Torn und dem Verlust des Knochenthrons besessen hatte, war das Böse in ihm dennoch dabei, andere Fähigkeiten zu entwickeln, die nicht weniger nützlich waren. Bisweilen kam es dem ehemaligen Herrscher des Cho'gra vor, als müsste er seinen neuen Körper erst nach und nach entdecken …

»Bist du fertig, Mathrigo?«, höhnte die Stimme seines Gegners.

Und der Sturz begann von Neuen.

Der ehemalige Herrscher des Cho'gra schrie und schlug um sich. Seine Hände fanden nichts und ihm wurde klar, dass er nie auf dem Boden aufgeschlagen war, sondern sein rasender Sturz mitten in der Luft gestoppt worden war.

Wieder flammte eine riesige Fratze vor ihm und um ihn auf, wieder jagten Flammensäulen aus düsteren Augen mit pulsierenden Pupillen, doch diesmal erkannte Mathrigo, dass sowohl das Bild als auch das Feuer nicht an diesem Ort entstanden, sondern aus unzähligen Kha'tex-Öffnungen strömten, die ihr Licht in blauen Strudeln verwirbelten.

Etwas an diesem Anblick war falsch, doch Mathrigo fand nicht die Muße, darüber nachzudenken. Um ihn ging die Welt unter.

Ganze Brocken eines tiefschwarzen Gesteins brachen mit Donnergetöse aus den Wänden des bodenlosen Schachtes. Mathrigo fragte sich, was geschehen würde, wenn er irgendwann wirklich aufschlug und zusätzlich von diesen gewaltigen Felsmassen zermalmt wurde. Irgendwo existierte eine Grenze der körperlichen Verstümmelung, die auch sein neuer Glu'takh-Leib nicht überstehen würde. Wo diese allerdings lag, wusste Mathrigo nicht.

Für einen Augenblick drohte Panik sein Denken zu überfluten, doch er zwang sich zu innerer Ruhe. Er war nicht in Gefahr, auch wenn sein Gegner ihn überrascht hatte. Notfalls konnte er in Flugrichtung das Kha'tex öffnen und sich so an einen anderen Ort transportieren.

Er lachte dröhnend, während er sich überschlug und einer unbekannten Tiefe entgegenraste. »Das Kommando muss also zu lächerlichen Tricks wie Falltüren greifen, weil es vor Angst wimmert«, brüllte er, sammelte Energie und Konzentration.

Das würde den Anführer der Legion des Grauens herausfordern. Mathrigo war losgezogen, diesen schrecklichsten und mächtigsten aller Slag'horr'tak zu bekämpfen und zu besiegen, um an seiner Stelle über die Legion des Grauens zu herrschen. Mit einiger Mühe und der Hilfe eines speziellen Nekronergen-Werfers war ihm gelungen, was vor ihm niemand geschafft hatte – er war in die Skelettkuppel eingedrungen, in der das Kommando residierte, jener geheimnisvolle Slag'horr'tak, der mit eiserner Strenge über seine Artgenossen auf Keforia herrschte. Aber nach wenigen Schritten war der Boden unter Mathrigo weggebrochen. Seitdem stürzte er.

Der Schacht konnte nicht unendlich sein, denn er befand sich auf einem Planeten … Es sei denn, Mathrigo war ohne es zu bemerken, durch einen Dimensionsriss gestürzt, etwa eine Kha'tex-Öffnung. Doch das wiederum war undenkbar, denn wenn das Kommando das Kha'tex beherrschen würde, wäre es schon längst aus dem aufgezwungenen Exil geflohen und in andere Welten vorgedrungen.

Unmöglich …

Es war unmöglich …

Die Gedanken des ehemaligen Herrschers aller Grah'tak im Immansium fingen sich an diesem Punkt. Er stockte.

Was hatte er vorhin gesehen?

Die Fratze seines Gegners, bruchstückhaft und riesengroß … genau wie die Flammensäulen, die aus Kha'tex-Aufrissen schossen!

Das konnte nicht sein!

Was spielte sich in dieser Skelettkuppel ab? Welches Geheimnis verbarg das Kommando vor allem und jedem, selbst vor der Legion des Grauens, der es vorstand?

Etwas stimmte nicht!

…ster … da ist … Euch?

Bruchstückhafte Wortfetzen drangen auf ihn ein. Oder waren es nur Gedanken?

Und dann – ein Schmerz an seiner Schulter!

Etwas griff nach ihm.

Er warf den Kopf herum und einer der Gesteinsbrocken zerbarst direkt über ihm. Ein scharfkantiges Bruchstück raste heran und kappte Mathrigos Arm unterhalb der Schulter. Fleisch und Knochen vermochten keinen Widerstand zu bieten.

Mathrigo sah seine Finger zucken, sah das blaue Flirren zwischen ihnen, das schlagartig erlosch, als der Arm hinwegtrudelte, verloren zwischen Stein und Staub und Feuerlohen.

Kein Schmerz.

Er fühlte nichts.

Sein Arm war einfach nicht mehr da.

Ein wenig Blut und Schleim quoll heraus, trieb in hundert Tröpfchen wie eine Wolke neben ihm, dann über ihm. Eine Kruste überzog die Wunde, Mathrigo fühlte wucherndes Fleisch. Etwas kroch über den kümmerlichen Rest und (…was … Ihr …) vernarbte.

Dann die Berührung an seiner Stirn, genau dasselbe Gefühl wie zuvor an der Schulter. Der ehemalige Herrscher des Cho'gra brüllte, denn er wusste, was kommen würde.

Und es kam. Der Gesteinsbrocken zermalmte seine Schädeldecke. Das letzte war ein Knacken und Bersten, dann erlosch jede Wahrnehmung.

 

Im Cho'gra

Der Thronsaal

General Nagor hasste es, sich mit den gelehrten Grah'tak auseinanderzusetzen. Er verabscheute die Dokaten und hätte am liebsten jeden einzelnen von ihnen gepackt und genüsslich langsam in den Lavaadern versinken lassen, die den Thronsaal durchzogen und von denen es inzwischen mehr als genügend gab.

»Die Zerstörung schreitet fort«, sagte einer der beiden Dokaten, die gekommen waren, um ihm wie verlangt einen aktuellen Zwischenbericht zu erstatten.

Nagor stampfte auf. Die Srukh'nar-Klaue schrammte über den Fels und stieß einen kleinen Stein an, der über den Boden kullerte, in eine Lavaader fiel und zischend verdampfte. »Darauf wäre ich ohne eure Hilfe niemals gekommen.« Der Perr'agkar spuckte einen Batzen Schleim mitten in den Schatten, den die Kapuze der Kutte auf die Fratze des Dokaten warf.

Für einen Augenblick zuckte eine verkrümmte Klaue hoch, als wolle sich der Grah'tak über die Fratze wischen, doch dann sank sie wieder hinab. Diese Blöße gab sich der Dokat nicht, obwohl Nagors Speichel zweifellos wie ätzende Säure auf seiner Haut brannte. »Gebieter, Euer Zorn ist gerechtfertigt.«

Diese kriecherische Unterwürfigkeit widerte den Herrscher des Cho'gra an. Mehr denn je war er davon überzeugt, dass es einer der größten Fehler seines Vorgängers Mathrigo gewesen war, auf diese gelehrten nichtsnutzigen Kreaturen zu hören und ihnen so großen Raum in der Hierarchie des Cho'gra zuzugestehen. Das hatte zu seinem Untergang geführt. Und nun, da die Dokaten gebraucht wurden, zeigte sich, dass sie zu nichts fähig waren als dazu, große Reden zu schwingen. Warum immer größere Teile des Cho'gra zerfielen, darauf vermochten sie keine Antwort zu geben.

Sie schlossen nur immer mehr Zusammenhänge aus.

Nein – es könne nichts mit einer Manipulation des Flusses der Zeit zu tun haben.

Nein – es würde aller Wahrscheinlichkeit nach doch nicht mit der Historie des Planeten Erde zusammenhängen, in dessen Masse das Cho'gra als zeitlose Blase eingebettet lag.

Nein – dieses, nein – jenes. Doch was fehlte, war das Ja.

Sie mochten nützlich sein, um die Operationen durchzuführen, die nötig waren, um Nagors zusammengesetzten Perr'agkar-Leib stets zu perfektionieren, aber warum sollten sie deshalb mehr Aufmerksamkeit erhalten als ihnen zustand? Sie waren Sklaven, die eine bestimmte Funktion erfüllten, wie andere Grah'tak-Rassen auch. Sie unterschieden sich nur durch ihre penetrante Betonung der Gelehrsamkeit, die sie in Nagors Augen zu den erbärmlichsten aller Gattungen machte, ja gar nahe an den Status der Sterblichen heranrückten.

Die Kutte raschelte leise, als sich der Gelehrte verneigte. »Ich versichere Euch, dass wir mit Hochdruck und allen uns zur Verfügung stehenden Kräften daran arbeiten, eine Antwort zu finden.«

Nagor ging einen Schritt vor. Er streckte eine einzige Kralle aus, hakte sie in den Stoff der Kutte und zerfetzte diese. Ratschend zerriss der Stoff.

Der sehnige, mit grauledriger Haut überzogene Leib des Dokaten stand nackt vor seinem Herrscher. Der gelehrte Grah'tak schob den Unterkiefer vor. Geifer rann aus den Mundwinkeln und vermischte sich mit Nagors Speichel, der inzwischen auf die Brust der Kreatur tropfte und dort die obersten Hautschichten verdampfen ließ. Feine Rauchwölkchen stiegen auf. »Meister, was immer in unserer Macht steht …«

Der Perr'agkar legte die Klaue an die Kehle des Unglücklichen. »Dein Meister ist unzufrieden! Vielleicht benötigen deine Artgenossen einen Hinweis darauf, dass es ernst ist. Wie ernst es ist!«

Die Klauen ritzten die Haut.

Der Dokat stieß ein Gurgeln aus.

Gerade wollte Nagor die Faust ballen und damit die Kehle dieses widerlichen Wichtes zerquetschen … gerade weiteten sich die Augen des Dokaten im Wissen, dass nichts seine Existenz noch retten konnte … gerade wollte Nagor erleichtert aufatmen, weil die Wut über seine Hilflosigkeit ein vorübergehendes Ventil gefunden hatte … als es hinter ihm knirschte.

Er wirbelte herum, sah den Dokaten im Augenwinkel zu Boden fallen und glaubte seinen Augen nicht zu trauen.

Unter dem Knochenthron spaltete sich der Fels, der seit Äonen in Zeitlosigkeit ruhte. Glutflüssiges Gestein schoss als Fontäne in die Höhe und spritzte nach allen Seiten.

Langsam drehte sich General Nagor um. »Ich will Antworten, und das rasch. Ab sofort werde ich jede Stunde einem Dokaten den Schädel zerschmettern und sein Gehirn schlürfen, bis ihr mir die Ursache des Zerfalls nennt.«

Der Nackte und sein Artgenosse rannten zum Ausgang aus dem Thronsaal. Sie passierten die bulligen Ock'mar-Leibwächter, die unverwandt dorthin starrten, wo der neue Magmasee seine wallende Hitze in die Eiseskälte des Cho'gra verströmte.

 

 

Zwischengesang

NEUE STIMMEN FÜR DEN CHOR

 

Wenige Tage zuvor …

Tiberius Maximus warf einen letzten vorsichtigen Blick über die Schulter, bevor er drei Mal kräftig gegen die Tür klopfte. Kurz, lang, dann wieder kurz. Das war das vereinbarte Zeichen.

Aber niemand reagierte.

Sein rechtes Augenlid zuckte. Wie immer, wenn er nervös war. Der untersetzte Römer vergewisserte sich, dass er wirklich vor genau jenem Gebäude stand, das ihm sein Freund Bellisarius vor einer Stunde heimlich beschrieben hatte. »Bei Sonnenuntergang in diesem Haus«, hatte er gesagt, und seine Stimme hatte dabei heiser, fast gehetzt geklungen. »Und sei pünktlich. Es geht um Leben und Tod. Achte auf Verfolger.« In seinen Augen hatte Angst geflackert, bevor sich der Freund den Umhang über die Toga geworfen und fluchtartig das Weite gesucht hatte, so, als habe er bereits zu viel verraten.

Via Colissima. Das zwölfte Haus.

Tiberius ließ das Stück Papyrus, auf dem dies niedergeschrieben stand, in seiner Umhängetasche verschwinden und strich die Toga glatt, deren blütenreines Weiß ein breiter purpurner Streifen zierte. Tiberius war stolz darauf, dem römischen Senat anzugehören. Die Senatoren regelten die Außenpolitik, erließen Gesetze, vergaben Magistraturen und entließen die ernannten Beamten auch wieder, wenn sie gegen Roms Interessen handelten. Und nicht zuletzt lag die Verwaltung der Staatsfinanzen fest in ihrer Hand, ein glücklicher Umstand, der ihm und seinem Freund Belissarius mehr als nur eine Handvoll Sesterzen in den korrupten Geldbeutel gespült hatte.

Er brummte etwas vor sich hin. Die Straße und das Gebäude stimmten. Nur den Begriff Haus mit dem baufälligen Gemäuer, dessen rissige Lehmfassade im feuerroten Schein der untergehenden Abendsonne zu schmelzen schien, in Einklang zu bringen, fiel ihm schwer. Das Einzige, das die Witterung an dem Gebäude noch nicht angefressen hatte, war die massive Eisenkette, die – von einem klobigen Vorhängeschloss zusammengehalten – vor der Tür hing und ungebetene Gäste am Betreten hinderte.

Bellisarius musste wohl triftige Gründe haben, wenn er sich an einem solchen Ort mit ihm zu treffen gedachte.

Es geht um Leben und Tod.

Wessen Leben? Seines?

Sein Blick glitt über die Wand, aus der die leeren Fensteröffnungen im Zwielicht der Abenddämmerung wie düstere Augenpaare auf ihn hinabstarrten. Die letzten Sonnenstrahlen schimmerten auf den verwitterten Steinquadern der Gebäudemauern, krochen über den staubigen Boden und gebaren immer längere Schatten. Obwohl der Tag trocken und heiß gewesen war und noch immer Hitze in den Gassen lag, fröstelte Tiberius.

Abermals schielte er nach links und rechts, ohne die wurmstichige Holztür ganz aus den Augen zu lassen. Tiberius wischte die aschblonde Haarsträhne beiseite, die auf seiner Stirn klebte. Er nickte kaum merklich, war zufrieden bei dem, was er sah. Oder eben nicht sah. Sollte ihm tatsächlich jemand gefolgt sein, hatte dieser Jemand ganz offensichtlich seine Spur verloren.

Er setzte gerade an, erneut anzuklopfen, als er hastige Schritte vernahm, die sich ihm unaufhaltsam näherten – so schnell, dass ihm wohl keine Zeit mehr blieb, sich ein geeignetes Versteck zu suchen. Er hastete einige Schritte weiter, zwängte sich in den nächsten Hauseingang, presste den Rücken fest gegen die Mauer und zog den Bauch ein. Das Zucken seines rechten Augenlids steigerte sich zu einem unablässigen Blinzeln. Im Winkel des gesunden linken Auges erkannte er ganz deutlich eine hagere Gestalt, die mit wehender Toga direkt auf ihn zurannte.

Es war ihm also doch jemand gefolgt. Das war ärgerlich, aber nun nicht mehr zu ändern. Einen Moment lang war Maximus unschlüssig, was er tun sollte. Sollte er fliehen oder angreifen? Dann atmete er erleichtert aus. »Bellisarius!«, rief er den Namen des Freundes.

»Bist du allein?«, fragte dieser statt einer Begrüßung. Erst danach schnappte er nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, so außer Atem war er.

Tiberius breitete die Arme aus. »Siehst du sonst noch jemanden?«

»Das meine ich nicht. Ist dir jemand gefolgt?«

»Was bei Merkur soll das alles, Bellisarius?«

Der hagere Römer, durch dessen volles dunkles Haar sich an den Schläfen die ersten grauen Strähnen zogen, öffnete mit zitternden Fingern das Schloss an der Eisenkette, die mit einem dumpfen Klirren im Staub landete. Wortlos zog er Tiberius mit sich in das Gebäude und rammte die Tür zu, die ein protestierendes Ächzen von sich gab.

Schlagartig wurde es dunkel. Der Römer glaubte, sein eigener Herzschlag erzeuge ein wummerndes Echo, das von den kahlen Steinwänden widerhallte, die er erkannt zu haben glaubte. »Was soll das? Warum diese Dunkelheit?«

»Wenn sie dich nicht verfolgt haben, hast du Glück gehabt. Aber mir waren sie dicht auf den Fersen. Ich glaube, ich habe sie abgehängt.«

»Von wem sprichst du?«

»Den Prätorianern.«

Die Prätorianer? Was hatten die Schergen des Kaisers Caligula damit zu tun? »Aber …«

»Ich kam nicht umhin, heute Nachmittag zufällig ein Gespräch zwischen Acerronius Proculus und Pontius Nigrinus zu belauschen.«

»Den beiden Konsuln?«

»Ist dir nicht aufgefallen, wie sie uns gemustert haben? Am liebsten hätten sie uns einem dieser verrückten Mediziner zur Verfügung gestellt, damit sie uns statt den sterbenden Gladiatoren in den Arenen aufschneiden, um herauszufinden, wie sie in Zukunft unsere Körper wieder zusammenflicken können!«

Tiberius schüttelte den Kopf, obwohl ihn sein Gegenüber in der Dunkelheit sicherlich nicht sehen konnte. »Worüber haben sie sich unterhalten?«

»Der Kaiser möchte wieder einmal ein Exempel statuieren und einen erneuten Hochverratsprozess anstreben.«

Der untersetzte Römer fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. »Meinst du, Caligula hat etwas bemerkt?«

»Er ist zwar dem Wahnsinn verfallen, aber eines ist er ganz gewiss nicht: dumm. Gut möglich, dass ihm einige Ungereimtheiten im Staatshaushalt aufgefallen sind.«

»Oder jemand hat ihn mit der Nase darauf gestoßen.«

»Valerius Helva?«

»Zuzutrauen wäre es dem alten Schwätzer.«

»Ich werde bei der nächsten Sitzung des Senats dafür sorgen, dass er seines Magistrats als Finanzbeamter enthoben wird.«

»Dazu wird es wohl nicht mehr kommen.«

»Wie meinst du das?«

»Das Gespräch der beiden Konsulen war eindeutig. Caligula hat uns bereits als Sündenböcke auserkoren.«

»Als Senatoren genießen wir politische Immunität.«

»Seit wann schert sich Caligula um unsere Rechte? Ihm ist doch viel wichtiger, das Volk zu belustigen mit irgendwelchen Gräueltaten, die seiner krankhaften Fantasie entspringen.«

Nur zu gut erinnerte sich Tiberius an die beiden letzten Senatoren, die verurteilt worden waren. Caligula hatte sie in der Arena öffentlich vierteilen lassen. Seit dieser Spinnenmörder in den Gassen sein Unwesen trieb, schien der Kaiser ohnehin noch verrückter als zuvor geworden zu sein. Hin und wieder hatte sich Tiberius gefragt, ob Caligula selbst diese Menschen abschlachtete wie räudiges Vieh. Zuzutrauen wäre es dem Verrückten.

»Caligula hat befohlen, uns heute Nacht im Kreise unserer Familien festnehmen zu lassen. Er will, dass sich unsere Verhaftung wie ein Lauffeuer herumspricht. Die nächsten Spiele in der Arena stehen vor der Tür.«

»Mein Weib Thalia. Und mein Sohn …«

»Ihnen wird nichts passieren. Caligula will nur uns tot sehen.«

»Aber er wird sie foltern, wenn seine Prätorianer mich nicht in meinem Domizil vorfinden.«

»Tot nützt du deinem Weib erst recht nichts.«

Zorn wallte in ihm hoch. »Wer hat denn den Hals nicht voll genug bekommen? Du, Belissarius, nicht ich. Ich hatte dich schon immer gewarnt, aber du wolltest nicht auf mich hören, sondern hast immer mehr …«

»Schweig!«

»Das gefällt dir wohl nicht, was?«

»Du sollst den Mund halten!«

Irgendetwas in Belissarius' Stimme warnte Maximus. Augenblicklich hielt er den Atem an. Stille breitete sich aus. Von fern drangen leise scharrende Geräusche. Kaum wahrnehmbar, aber stetig lauter werdend. Das war das Fußgetrappel von sechs bis acht Leuten.

»Verdammt. Das sind sie.«

Tiberius spürte Bellisarius' schweißnasse Hand auf seinem Unterarm und gab dem Druck nach, den der Freund auf ihn ausübte. Er ließ sich quer durch die Dunkelheit der Hütte führen.

»Pass auf, wo du hintrittst. Der Boden ist nicht eben.«

»Wohin gehen wir?«

»Dorthin, wo sie uns nicht finden.«

»Wer sind sie?«

Statt einer Antwort drang lediglich ein hässliches Knirschen an Tiberius' Ohr.

»Dort hinein.«