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Band 50

Zeitendämmerung

 

von Michael J. Parrish & Christian Montillon

 

© Zaubermond Verlag 2013

© "Torn – Wanderer der Zeit" by Michael J. Parrish

 

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der Autoren-

und Verlagsagentur Peter Molden, Köln.

 

Titelbild: Günther Nawrath

eBook-Erstellung: story2go | Die eBook-Manufaktur

 

http://www.zaubermond.de

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

Inhalt

 

Zeitendämmerung

 

Was bisher geschah

 

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

Epilog

 

Anhang

Vorschau

Glossar

 

 

 

Was bisher geschah

 

Mein Name ist Torn.

Ich war der letzte der Wanderer.

Dies ist meine Geschichte ...

Der Elitesoldat Isaac Torn nimmt an einem Zeitreiseexperiment teil und stößt damit unwissentlich das Tor zum Subdaemonium auf, wodurch das Heer der dämonischen Grah'tak entfesselt wird und über die Welten der Sterblichen herfällt. Von den Lu'cen, den mächtigen Richtern der Zeit, kann der Untergang in letzter Sekunde abgewendet werden.

Als Wiedergutmachung wird Torn in ihre Dienste gestellt: Als Nachfolger der legendären Wanderer reist er durch Raum und Zeit, um gegen die verbliebenen Grah'tak zu kämpfen.

Ausgestattet mit einer Plasmarüstung, die ihre Gestalt wandeln kann und seinem Lux, dem Schwert des Lichts, ist es seine Mission, die Sterblichen zu beschützen – die Festung am Rande der Zeit wird dabei seine neue Heimat.

Doch Torn leidet unter der Einsamkeit, die ihm auferlegt wurde. Als er seiner Vergangenheit, die die Lu'cen aus seinem Gedächtnis löschten, näher kommt, bricht er das Gesetz der Wanderer: Er schont das Leben von Mathrigo, dem Herrscher der Grah'tak, um die Sterbliche Callista zu retten. Daraufhin verbannen ihn die Lu'cen aus der Festung, und eine gefährliche Odyssee durch Raum und Zeit beginnt ...

Zahlreiche Abenteuer führen schließlich zur Neugründung des Wandererordens – Torn führt seinen verzweifelten Kampf nicht mehr alleine. Nach und nach gesellen sich Mitstreiter auf die Festung am Rande der Zeit.

Die Mitstreiter im neuen Korps:

Callista: Torns Geliebte, sein Symellon, die vorübergehend eine Lu'cen war und wieder zur Sterblichen wurde.

Ceval: Nur für kurze Zeit war der »andere Wanderer«, der lange Zeit auf eigene Faust die Erde behütete, Mitglied im neuen Wandererkorps, denn er ließ sein Leben im Kampf gegen die Grah'tak.

Krellrim: der intelligente Menschenaffe ist der Letzte seines Volkes, das auf dem Planeten Mrook ein schreckliches Ende fand.

Tattoo: ein junger Mann, der mit geheimnisvollen Tätowierungen übersät ist, die angeblich seine Zukunft voraussagen.

Max Hartmann, Nara Yannick und Cassius Alienus: sie sind die neusten Mitglieder im Wandererkorps. Max stammt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs und traf schon früher einmal auf Torn, wartete ungeduldig auf seine Rückkehr. Nara hingegen lebte im 23. Jahrhundert der Menschheitsgeschichte, ehe sie in das Geschehen um Mathrigo und Torn gezogen wurde. Cassius war Gladiator im Alten Rom.

Auch Nroth, Torns und Callistas Sohn, gesellte sich zum Wandererkorps. Er kehrte dem Bösen den Rücken zu, zu dem Mathrigo ihn erzog, nachdem er den Embryo mit brutaler Gewalt aus dem Mutterleib riss und das Kind im Cho'gra aufzog. Nroth verliebte sich in Nara, was den Ausschlag gab, die Seiten zu wechseln und sich von den Grah'tak abzuwenden.

Mathrigo, der Herrscher aller Cho'gra im Immansium, wird von Torn in einem dramatischen Duell besiegt ... zumindest glaubte der Erste Wanderer dies. Dass er sich täuschte, muss er schmerzlich eingestehen, als er seinem Erzfeind schließlich wieder gegenübersteht. Torn erfährt eine entsetzliche Geschichte und lüftet das Geheimnis seiner Herkunft. Torn ist ein Klon Mathrigos, den dieser schuf, um den perfekten Krieger zu kreieren – den Mesh'rul, der als sagenhafter Vernichter der Sterblichen gilt.

Torn stand vor einer schweren Aufgabe: Er musste über Krellrim richten. Nachdem der intelligente Menschenaffe ein künstliches Bein erhielt und über die Vergangenheit seines Volkes verzweifelte, sagte er sich vom Wandererkorps und seiner Ethik los und beschritt den Pfad der Blutrache, indem er seine Waffenbrüder belog und täuschte. Mit radikalen Mitteln gelang es ihm, Carnia zu töten, ehe Torn und die anderen ihn auf die Festung am Rande der Zeit zurückholten – dort wartete er nun auf seine Verurteilung.

Mathrigo hingegen überlebte Krellrims Attacke; allein, ohne Carnia, blieb er im Alten Rom zurück und begab sich auf den Weg ins Cho'gra, wo er sich dem aktuellen Herrscher General Nagor unterwarf – zum Schein, denn er will zurück an die Macht.

Die Grah'tak starten inzwischen eine Invasion des Planeten Calah. Fast alle Wanderer reisen hin – und es gibt Opfer. Alle halten Nara Yannick für tot. In Wirklichkeit konnte sie sich zusammen mit dem jungen Calahi-Krieger Gwarain in ein unterirdisches Felsenlabyrinth retten.

Torn selbst blieb auf der Festung am Rande der Zeit zurück und überlegte, wie er mit Krellrim verfahren soll. Der Lu'cen Severos erschien und forderte eine Entscheidung. Andernfalls würden die Lu'cen eigenmächtig handeln. Doch Torn lässt sich für den Moment nicht auf Diskussionen ein und bricht selbst nach Calah auf. Unter seiner Führung formiert sich das Heer der Calahi noch einmal zur Schlacht gegen die Grah'tak – das Bündnis ist siegreich, und unter Torns Hand stirbt Sarim. Kurz nach der Rückkehr zur Zeitenfeste stellen die Mechar fest, dass Krellrim aus seinem Gefängnis verschwunden ist.

Mathrigo unterdessen nutzt Sarims Tod, um die Legion des Grauens zu reaktivieren und reist dazu auf den Exilplaneten Keforia. Dort gelingt es ihm schließlich unter größten Schwierigkeiten, das Kommando zu besiegen und die Macht über die Legion an sich zu reißen.

Torn hingegen beschuldigt die Lu'cen, Krellrim entführt zu haben, und in seinem Zorn greift er den Obersten der Lu'cen an, wodurch es zum Bruch zwischen beiden Parteien kommt. Doch zunächst muss sich das Wandererkorps einem drohenden Kollaps des Zeitenflusses widmen und reist dazu auf die Erde zur Zeit der Antike. Im alten Rom treffen sie schließlich auf ihren alten Feind Shizophror, der aber ins Cho'gra flüchten kann und in einem unbarmherzigen Duell General Nagor tötet.

Krellrim, der in die Zeit des Großen Krieges versetzt wurde, steht unterdessen vor der Möglichkeit, das Gesicht des Omniversums komplett zu verändern, in dem er Ferrotor vor seinem schicksalsschweren Verrat tötet. Doch als sich ihm die Chance bietet, zweifelt er und verschont Ferrotor ...

 

 

»Rota radica inigoi«

»Zerbruch ist die Wurzel des Neubeginns«

Wanderermeister Machiel

zu seinem Schüler Ferrotor

 

Mein Name ist Torn.

Einst war ich der letzte der Wanderer, einsam und ausgestoßen, zerrissen zwischen den Dimensionen – aber das ist nun vorbei. Denn im Lauf meines Kampfes gegen die Dämonen, die die Welten der Sterblichen zu überrennen drohen, habe ich Verbündete gefunden, Freunde und Waffenbrüder, die mich im Kampf gegen die Grah'tak unterstützen. Seite an Seite fechten wir in einem Krieg, der durch die Zeiten und Welten tobt.

Das Korps der Wanderer wurde neu gegründet, und wie vor Äonen ist es seine Aufgabe, die Welten der Sterblichen vor den Mächten des Chaos zu beschützen. Der Kampf ist hart und entbehrungsreich und fordert immer neue Verluste. Aber wir geben nicht auf, denn wir sind Wanderer und haben den Eid des Lichts geleistet.

Dies ist unsere Geschichte …

 

Prolog

 

Keforia

Der Wind brachte Gluthitze, die den Sterblichen wimmern ließ. Seine fahlgrüne Haut wies zahllose dunkle Flecken auf, aus denen ein dickflüssiges Sekret sickerte.

An den dicken Wülsten über den Wangen sammelten sich Tropfen, lösten sich zitternd und platschten auf den Boden. Es hatten sich schon einige kleine Pfützen gebildet, von denen ein penetranter Gestank nach ranzigem Essen ausging: Es stank nach der Angst des Mela-Burkhaners.

Mathrigo saugte den Duft ein, blähte die Nasenflügel. Seit er in den Leib des Issac Torn-Klons übergewechselt war, schienen ihm seine Sinne schärfer als je zuvor. Oft war es eher lästig, doch in Momenten wie diesen genoss er die Gelegenheit, sich zu berauschen. Im Hintergrund schossen Feuerfontänen aus der zerklüfteten Felsenlandschaft. Flammen prasselten und verstärkten das rote Glühen der Atmosphäre.

Der Sterbliche zitterte und starrte Mathrigo aus drei großen Stielaugen an. Das vierte hielt er geschlossen, was eine typische Eigenart der Mela-Burkhaner war. »W-warum hast du mich hierher gebracht? Was ist das für ein Ort? Woher – woher kommt diese Hitze? Was sind das für Berge? Ich habe noch nie diese Feuerstürme gesehen, die …«

»Schweig«, donnerte Mathrigo. »Gilt deine Rasse nicht allgemein als besonders mutig und stark? Das scheinen nicht gerade deine herausragenden Eigenschaften zu sein.«

Die drei Atemöffnungen an den Ansätzen der Brust-Tentakel blähten sich. Die ganze Gestalt, die Mathrigo grob an einen riesenhaften, verzerrten Frosch erinnerte, sackte in sich zusammen.

»Ich habe Burkha noch nie verlassen und wollte das auch nie tun. Warum hast du mich aus meiner Welt gerissen? Wie komme ich überhaupt hierher? Ich kann mich an keinen Raumflug erinnern und …«

Mathrigo kam einen drohenden Schritt näher. »Hör auf zu schwafeln, oder ich reiße dir die Zunge heraus, samt deiner Glotzaugen!« Vielleicht war es ein Fehler gewesen, den Sterblichen nach Keforia zu holen, auf den Exilplaneten, auf dem die Legion des Grauens seit Jahrmillionen darauf wartete, eines Tages ins Geschehen des Omniversums zurückzukehren. Mathrigo war gekommen, um diese Hoffnung zu erfüllen; er hatte sich zum Herrscher über die Legion der Slag'horr'tak aufgeschwungen, indem er den Anführer der Legion vernichtet und dessen Platz eingenommen hatte.1 Der Mela-Burkhaner sollte als erste Testperson dienen. Mathrigo war durch das Kha'tex gereist, hatte ihn aus dem Kreis seiner Artgenossen gerissen und mit sich zurück auf den Höllenplaneten genommen. Der ehemalige Herrscher des Cho'gra wollte an der Reaktion des fahlgrünen Froschwesens die Wirkung des Anblick seiner Legion auf Sterbliche studieren. Burkha war die am nächsten liegende besiedelte Welt, und es hatte am wenigsten Energie gekostet, sie aufzusuchen, um sich ein Versuchskaninchen zu besorgen. Doch gerade für den gewünschten Test schien sein zufällig ausgewähltes Opfer nicht geeignet zu sein. Wahrscheinlich würde dieser erbärmliche Sterbliche vor Angst vergehen, wenn er einen der mächtigen Dämonenkrieger auch nur erblickte.

Plötzlich kam Leben in den wimmernden Mela-Burkhaner – auf eine Art, die Mathrigo verblüffte. Er stieß sich mit den kräftigen Hinterbeinen ab und jagte wie ein Geschoss durch die Luft. »Stirb, Dämon der Finsternis!«, brüllte er, schmetterte gegen Mathrigo und riss ihn tatsächlich von den Füßen.

Der Glu'takh verlor den Halt, stürzte rückwärts und schlug mit dem Hinterkopf auf. Mit einem hässlichen Knacken landete sein Schädel auf dem rötlichen Felsgestein.

Gleichzeitig hämmerten die drei Fäuste des Sterblichen zu: Jeweils eine gegen Mathrigos Schultern, um sie nach unten zu pressen, die dritte von der Brust her gegen das Kinn. In einem unmöglichen Winkel flog der Kopf ruckartig nach hinten.

Mathrigos Halswirbelsäule brach. Das Knacken drang ihm bis auf den Grund der schwarzen Seele. Schmerz fühlte er nicht, wohl aber Verblüffung und Zorn. Mit einer raschen Bewegung brachte er den Kopf wieder in die richtige Position. »Ich gratuliere«, sagte er, während sich die Wirbelsäule regenerierte. »Du hast mich tatsächlich getäuscht.«

Er stieß den Mela-Burkhaner von sich. Das Wesen überschlug sich, zappelte mit den Armtentakeln und schlitterte einige Meter weit über den Boden.

Mathrigo stand auf und zog sein Brak'tar-Schwert. »Du hast Mut. Ich will es deiner natürlichen Dummheit zurechnen, dass du nicht weißt, wen du soeben angegriffen hast.«

Dickflüssiges dunkelgrünes Blut rann aus einer Schürfwunde im Gesicht des Sterblichen, der offensichtlich nicht verstand, welch ein grausames Schicksal ihn auf diese Höllenwelt geführt hatte. »Du bist ein Dämon aus der finsteren Unterwelt, mehr muss ich nicht wissen. Ihr seid alle gleich. Einst haben wir uns mit euch verbündet, doch schon seit Generationen brauchen wir euch nicht mehr. Ihr seid Abschaum! Meine Brüder und ich haben schon viele wie dich in die Verdammnis zurückgeschickt.«

Ein dröhnendes Lachen stieg in Mathrigo auf. »Viele wie mich? Du jämmerlicher Wurm hast nicht die geringste Ahnung, wovon du redest. Ich bin der …« Herrscher des Cho'gra. »… Anführer der Legion des Grauens

Die Froschgestalt richtete sich auf. Diesmal fixierten alle vier Stielaugen den Gegner. »Und ich bin Deniven, der Schlächter!«

Mathrigo grinste zufrieden. Offenbar war seine Wahl doch ein Glücksgriff gewesen. Die Schlächter von Burkha bildeten eine geradezu legendäre Verbrecherorganisation, die ein kleines Sternenreich im Würgegriff hielt. Sie hatten sich vor langer Zeit mit einigen niederrangigen Grah'tak verbündet, um ihre Macht auszuweiten. Dass sie in Wirklichkeit Schachfiguren der Grah'tak waren, wussten sie bis heute nicht.

Mathrigo hatte nie persönlich mit ihnen zu tun gehabt, aber von den Dokaten einige Berichte über deren Umtriebe erhalten. Wieder einmal erwies sich, wie klug es war, allerlei scheinbar nutzlose Informationen zu kennen und die Rolle der Dokaten im Spiel um die Macht nicht zu unterschätzen. Dies war ein grundlegender Fehler seines Nachfolgers auf dem Knochenthron, General Nagor. »Ein Schlächter? Du hast dich hervorragend getarnt. Ich hielt dich für einen Niemand, einen schwachen Wicht!«

»Du hast noch lange nicht verstanden, wen du wirklich vor dir hast, Dämon! Es war dein großer Fehler, dich mit mir anzulegen!« Wieder stieß sich die Froschgestalt ab und schnellte wie ein Pfeil auf Mathrigo zu.

Diesmal ließ sich dieser davon nicht überraschen. Er erkannte sofort, was sein Gegner plante, und er ließ ihn gewähren.

Warum nicht? Es versprach, amüsant zu werden, und eine echte Gefahr konnte Deniven niemals bilden.

Mit einem Triumphschrei landete der Mela-Burkhaner direkt neben Mathrigo. Seine Tentakel wirbelten, und mit einem Ruck entriss der seinem Gegner das Brak'tar-Schwert. Sofort floh er einige Meter und wirbelte mit gestreckter Klinge herum. Die Waffe zog zischend einen Halbkreis um den Schlächter. »Du wirst sterben, Dämon! Ich werde nie verstehen, wieso ihr Waffen bei euch tragt, die uns Sterblichen ermöglichen, euch …«

Die restlichen Worte gingen in Mathrigos dröhnendem Lachen unter. »Einen wie dich habe ich lange nicht getroffen. Deine Tapferkeit ist ebenso rührend wie dumm. Eigentlich verdienst du es, in meine Leibwache aufgenommen zu werden. Nur leider, leider ist diese just um einige Millionen Diener angewachsen.«

Deniven neigte eines der Stielaugen.

Mathrigo vermochte diese Mimik perfekt zu deuten. »Fürchtest du dich? Du tust gut daran.«

»Furcht ist …«

Zwischen Mathrigos Fingern zuckten dunkle Blitze. Das Kha'lithor wirkte stärker denn je in ihm, seit er die Höllenwelt Keforia betreten und sich zu ihrem Herrscher aufgeschwungen hatte.

»… etwas, das ein Schlächter der Mela-Burkhaner …«

Mathrigo streckte die Arme aus. Die Blitze schufen eine zuckende Lichtbrücke zwischen seinen Händen.

»… niemals kennen wird.«

»Eine ergreifende Ansprache«, spottete der ehemalige Herrscher des Cho'gra. Wenn Deniven tatsächlich ein Schlächter war, verfügte er womöglich über großes Wissen. Vielleicht hatte er sogar von Mathrigo, dem mächtigen Herrscher des Cho'gra, gehört. »Wusstest du, dass ich bis vor kurzem stets eine Schädelmaske trug?«

Der andere versuchte vergeblich, sein Erschrecken zu verbergen. Mathrigo jagte einen gezielten energetischen Blitz zu seinem Feind und trennte ihm ein Auge dicht über dem Stielansatz ab. Eine Fontäne aus grünem Blut bespritzte Denivens Gesicht.

»Nun beende diese Farce und gib mir mein Schwert zurück«, forderte Mathrigo.

Sein Opfer wimmerte nur. So schnell konnte aus einem Schauspiel Wirklichkeit werden.

Ein zweiter Blitz schmetterte dicht vor den Füßen des Mela-Burkhaners in den Felsboden, der schmolz und als glutflüssige Fontäne zu allen Seiten spritzte; auch auf Denivens Beine.

Der Stoff der Kleidung verschmorte ebenso wie Haut und Fleisch.

»Wann hat man je gehört, dass ein Verbrecher sich erdreistet, Mathrigo anzugreifen?« Seine Stimme donnerte über die Felsenlandschaft.

Deniven krümmte sich vor Schmerzen. »Ich – ich wusste nicht, dass Ihr es seid, Herr! Ich habe einen Fehler begangen, einen entsetzlichen Fehler. Ich dachte, meine Organisation wäre frei von allen …«

»Denken! Warum nur denken die Sterblichen immerzu? Ich habe dich nur aus einem einzigen Grund an diesen Ort geholt, weil du eine Aufgabe zu erfüllen hast.«

Der Mela-Burkhaner wankte näher, zog das verletzte Bein nach. Kleine Rauchwolken stiegen von der Brandwunde auf. Er hielt das Brak'tar-Schwert an der Klinge und reichte es demütig an Mathrigo. Der Glu'takh überlegte, ob er zustoßen und die Klinge tief in Denivens Leib rammen sollte.

Er entschied sich dagegen und schwieg.

Das konnte der Sterbliche offenbar nicht ertragen. »Gestattet mir eine Frage, Meister. Ist diese Welt Euer Zentrum der Macht? Befinde ich mich im legendären Cho'gra, von dem die Schlächter seit Generationen sprechen?«

Noch nicht, dachte Mathrigo. Noch ist dies nicht das Cho'gra, aber es ist nur noch eine Frage der Zeit.

Er dachte nicht daran, auf diese Frage zu antworten. »Du bist hier, weil ich mit dir einen Test durchführen wollte. Ich wollte beobachten, wie ein Sterblicher wie du auf den Anblick eines Slag'horr'tak reagiert. Nur leider, leider erfüllst du die grundlegende Voraussetzung nicht – du bist einer der wenigen, die den Anblick von Grah'tak gewöhnt sind. Du bist deshalb nicht repräsentativ.«

Denivens Gesichtshaut wurde noch bleicher. »Aber ich kann Euch auf andere Weise nützlich sein, Gebieter!«

»Und ich habe da auch schon eine Idee.«

»Ich werde jede Aufgabe, die Ihr mir stellt, mit Freuden erfüllen.«

»So höre denn … du wirst der Legion gegenübertreten, genau wie ich es geplant hatte. Deine Reaktion wird leider nicht aufschlussreich sein, doch meine Slag'horr'tak benötigen nach einer Ewigkeit im Exil eines sehr dringend: Abwechslung. Darum wirst du ihnen als Spielzeug dienen.«

»W-was soll das bedeuten? Wie meint Ihr das?«

Statt einer Antwort baute Mathrigo aus der Kraft seines schieren Willens eine Bild-Sprech-Verbindung durch das Kha'tex auf. Ein schwarz-rotierendes Nichts entstand vor seinem Kopf, das an den Rändern orangefarben schimmerte und glosende Überschlagsblitze ausstieß.

In der Schwärze erschien die hässliche Fratze des Slag'horr'tak, den Mathrigo zu seinem stellvertretenden Sprecher ernannt hatte. Verstrebungen aus dunklem Dämonenmetall waren in den monströsen Schädel integriert. Glühende Augen starrten ihn über einem Maul mit nadelspitzen Reißzähnen an. »Was kann ich für Euch tun, Gebieter?«

»Such dir fünf Krieger und komm zu mir. Ich habe eine kleine Jagd arrangiert, die euch für viele Stunden Freude bereiten wird.«

Er ließ die Kha'tex-Verbindung kollabieren.

Der Mela-Burkhaner erstarrte vor Entsetzen. »Aber …«

»Sagtest du nicht, du würdest jede Aufgabe mit Freude erfüllen? Nun denn, diene meiner Legion als Jagdtrophäe! Viel Spaß …«

Er wandte sich ab und hörte in der Ferne bereits die trommelnden Schritte der sich nähernden Slag'horr'tak. Er war sich sicher, dass sie Deniven lange leiden lassen würden. Seit Jahrmillionen warteten sie bereits auf ein neues, frisches Opfer. Der Mela-Burkhaner würde einen teuren Preis dafür bezahlen, dass er es gewagt hatte, ihn zu attackieren.

»Die Jagd möge beginnen«, sagte Mathrigo, ohne sich noch einmal umzudrehen. »Du solltest fliehen.«

Dann dachte er nach. Bald war die Zeit reif, einen ersten Großeinsatz der Legion des Grauens zu befehlen und zum Sturm auf das Cho'gra zu blasen. General Nagor, dieser Narr, würde es bitter bereuen, dass er Mathrigo erlaubt hatte, als sein oberster Heerführer die Legion des Grauens zu reaktivieren.

Mit ihr würde er das Zentrum des Grauens stürmen – falls das überhaupt noch notwendig war. Schließlich hatte er Vorbereitungen getroffen. Wahrscheinlich war alles im Cho'gra längst vorbereitet …

 

 

1.

 

Im Cho'gra

Tausend Stimmen brandeten gegen Carnia an und wollten ihr die Vorrangstellung streitig machen. Es kostete Mühe, die Herrschaft über Shizophror zu behalten, doch das war es wert.

Carnias Plan hatte in allen Einzelheiten funktioniert, wenn sich der alte Perr'agkar General Nagor auch als widerstandsfähiger als erwartet erwiesen hatte. Doch Carnias Geist im Körper des Killerdämons Shizophror hatte triumphiert. Nagor gehörte der Vergangenheit an.

Der Zweikampf war mörderisch gewesen. Nagor hatte sich mit allen nur denkbaren Mitteln gewehrt, aber am Ende hatte ein Brak'tar-Dolch in Shizophrors Klauen den amtierenden Herrscher des Cho'gra vernichtet, und Carnia hatte triumphiert.2 Mehr als je zuvor in ihrem Leben.

Endlich hatte ihre Odyssee ein Ende und ein Ziel gefunden. Was lag nicht alles hinter ihr. Geboren als Menschenkind, unter dem Namen Sadia unter der Knute ihres dämonischen Ziehvaters Torcator zum Glu'takh geworden. Dann die Verstümmelung durch den verfluchten Wanderer Tattoo, der dafür bezahlen würde, früher oder später; ein Zwischenspiel als Nroths Geliebte, der vor Nagor den verwaisten Knochenthron im Cho'gra bestiegen hatte, und schließlich der Tod durch den rasenden ehemaligen Wanderer Krellrim. Ihr lose treibendes Bewusstsein hatte sich danach in einem willkürlich gewählten Opfer verankert und sich auf den Weg gemacht, um ihren menschlichen Gastkörper von Shizophror töten zu lassen – und ihre Seele war in den starken Grah'tak-Leib des Killerdämons gewandert.

Seitdem kämpfte sie darum, im Chor der tausend Opfer des irrsinnigen Grah'tak die Oberhand zu halten. Sie hatte sich nach oben gekämpft, die Herrschaft über die Bewusstseine der Verlorenen in Shizophror erlangt und diesen letztendlich ins Cho'gra geführt, wo er den amtierenden Herrscher General Nagor tötete und damit automatisch seinen Platz einnahm.

Shizophror war der neue Herrscher aller Grah'tak im Immansium. So wurde es verkündet, so machte es die Runde im Cho'gra – und noch ahnte niemand, dass sich in Wahrheit nicht Shizophror, sondern Carnia auf den Knochenthron gesetzt hatte.

Carnia, die so viele verachteten und belächelten, weil sie sich einst hatte verstümmeln lassen, weil sie die Geliebte des großen Versagers Nroth gewesen war, weil sie außerdem eine Glu'takh war, eine ehemals Sterbliche, die erst hatte zum Grah'tak werden müssen, um ewiges verderbtes Leben zu erhalten.

Noch waren die Spuren des mörderischen Zweikampfes nicht beseitigt. Von der Decke des Thronsaals ragten abgebrochene Stalaktiten. Die Überreste des mörderischen Ssirka-Wurmes breiteten sich als stinkende Pfützen aus. Überall lagen Trümmer oder die hohlen Brak'tar-Rüstungen der niedergemetzelten Ock'mar-Leibwächter.

Carnia genoss den Anblick. Er zeigte ihr, dass sie es vollbracht hatte. Ihr Werk war getan – der Weg hatte sie ganz an die Spitze geführt. Wie oft hatte sie als Sadia vor dem Thronsaal gestanden und sehnsüchtig zum Knochenthron geschaut. Nun hielt sie die Macht in Händen, in den glänzenden, insektenartigen Klauen ihres nahezu unbezwingbaren Grah'tak-Körpers, den sie mit einer Legion von Opfern teilen musste. Wieder brandete der Chor der Getöteten gegen sie an.

Es gab zahllose Stimmen in Shizophror, und die des ursprünglichen Killer-Dämons war nicht einmal die lauteste. Sie hatte während des Zweikampfes mit Nagor zum ersten Mal mit ihm in direktem Kontakt gestanden und seine grundlegende Bosheit gespürt.

Manche sprachen und sangen und schrien pausenlos: verirrte Seelen, grausam geschändet und dem Leben entrissen. Jede Seele eines jeden Opfers, das der Killerdämon tötete, fand sich in Shizophrors Innerem wieder. Einige verloren darüber augenblicklich den Verstand, andere trieben im Nichts, und wieder andere meldeten sich nie zu Wort. Was mit ihnen geschah, wusste Carnia nicht – oder gingen deren Stimmen schlicht im allgemeinen Lärm unter? Eine ganze Heerschar von Opfern konnte nun einmal nicht gleichzeitig reden. Womöglich verstummten sie auch einfach im alles auslöschenden Wahnsinn, der ihren Verstand hinwegraffte.

Früher oder später würde sich Carnia aufmachen, um diese Fragen zu klären. Womöglich konnten ihr die Dokaten dabei helfen; viele der gelehrten Grah'tak würden sich wohl die Krallen nach einer solchen Aufgabe lecken. Sie liebten es, Unbekanntes zu klären, und Shizophrors Eigenart bildete eins der größten Rätsel in der Natur der Grah'tak.

Mit Erschrecken zog Carnia eine Parallele, die sie selbst verblüffte, weil sie nie darüber nachgedacht hatte. Stellte Shizophror nicht eine Art Gegenbild des getöteten Nagor dar? Dieser war als Perr'agkar mit einer einzigen Seele aus unzähligen Körperteilen verschiedener Grah'tak zusammengesetzt gewesen; Shizophror hingegen definierte sich aufgrund der Ansammlung zahlloser Bewusstseine in einem einzigen Körper.

Wenn diese Gegenüberstellung tatsächlich zutraf, hatte sich Shizophror als das bessere Existenzmodell erwiesen. Er stand auf der Siegerseite – genau wie Carnia, die den Killerdämon beherrschte und lenkte.

Wahrlich, einen besseren Körper hätte sie sich nicht wünschen können. Und doch dachte sie plötzlich an ihren alten Leib zurück, der von Krellrim in dieser Arena im alten Rom zerquetscht und zerstückelt worden war. Die Erinnerung weckte Wehmut in ihr. Shizophror mochte stark sein, doch ihr alter Körper war schön gewesen. Nroth hatte sie begehrt, und sie ihn ebenfalls, auch wenn er sich später als Versager erwiesen hatte.

Vor dem Eingang zum Thronsaal tönten stampfende Schritte auf. Carnia/Shizophror wusste, was das bedeutete. Die neuen Leibwächter wollten ihren Treueschwur leisten. Nach einiger Überlegung hatte sich Carnia entschieden, diese Aufgabe wieder den Ock'mar anzuvertrauen, obwohl sich diese Rasse in letzter Zeit nicht als sonderlich zuverlässig erwiesen hatte; die Überreste der letzten Leibwache sprachen für sich.

Die bulligen Kreaturen stampften in den Thronsaal. Ihre grüne Echsenschuppenhaut glänzte im düster-glimmenden Licht der überbreiten Lava-Adern, deren Zahl in letzter Zeit bedrohlich zugenommen hatte. Um das Problem der seltsamen Zerfallserscheinungen innerhalb des Cho'gra musste sich Carnia dringend kümmern.

Ein Ock'mar setzte die wulstige Klaue auf einen Brustpanzer, der inmitten der ausgetrockneten Schleimpfütze eines seiner Vorgänger lag. Es knirschte, und das durch den Kontakt mit dem Dämonenschleim spröde gewordene Brak'tar zerbrach mit berstendem Knall. Ein kurzer Seitenblick aus den gnadenlosen Augen des massigen Dämons war die einzige Reaktion darauf, dass er soeben einen toten Artgenossen im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten hatte.

»Was ist euer Begehr?« Carnia sprach die traditionelle Einleitungsformel, die ihr von den Dokaten vorgelegt worden war. Auch diese Überlieferung zu ehren, war eine vorläufige Entscheidung – auf Dauer würde sie ihre Herrschaft nicht auf Althergebrachtes stützen, sondern neue Regeln einführen. Regeln, die die Effektivität der Grah'tak um einiges steigern würden. In diesen unruhigen Tagen war unkonventionelles Denken gefragt, wenn man weiterkommen wollte – ihr eigenes Schicksal demonstrierte dies überdeutlich.

Sie lauschte dem Klang der Worte nach, die sich an den Wänden des riesigen, eiskalten Gewölbes brachen. Sich selbst mit Shizophrors knarrender Stimme sprechen zu hören, war noch ungewohnt. Sie musste darauf achten, sich nicht vorzeitig zu erkennen zu geben. In jedem Wort des Killerdämons hatte bis vor kurzem eine Portion Wahnsinn gelegen. Genau diesen Eindruck musste sie nun erwecken, um keinen achtsamen Beobachter – und davon gab es zweifellos viele unter den neidischen Grah'tak, die ihr in nächster Zeit ihre Aufwartung machen würden – darauf aufmerksam zu machen, dass eine einzelne, fremde Seele die Herrschaft über Shizophrors Leib übernommen hatte.

»Wir werden Euch dienen, Gebieter«, dröhnten die echsenhaften Grah'tak im Gleichklang. »Unsere Loyalität gilt dem Herrscher des Cho'gra auf dem Knochenthron. Wir werden Euch schützen, wie es …«

Die neuen Leibwächter sprachen die Formel nicht zu Ende.

Der Boden bebte. Es krachte und knarrte.

Aus der aus versteinerten Skeletten bestehenden Wand sprangen Knochenteile ab und sirrten durch den Thronsaal. Ein Totenschädel, in dessen leeren Augenhöhlen der Staub von Jahrmillionen lag, krachte vor Carnia auf den Boden und zersplitterte. Die Wand wölbte sich, und ein Riss bildete sich. Stalaktiten brachen knirschend ab und donnerten auf den Höhlenboden. Ein Ock'mar brüllte markerschütternd, als sich ein herabstürzender Tropfstein in seinen Kopf bohrte und die Schädeldecke durchdrang.

Zwei Dokaten hasteten mit wehender Kutte in den Thronsaal. Die Kapuze des einen flog zurück und entblößte die ausgemergelte, hässliche Fratze. »Meister«, rief der Gelehrte erregt, »eine solch starke Zerstörungswelle hat es noch nie gegeben. Ganze Höhlengänge stürzen ein! Sogar der Thronsaal scheint bedroht zu sein …«

»Das sehe ich selbst«, brüllte Carnia/Shizophror und spürte, wie durch die Erregung der Chor der Stimmen an Stärke gewann. Der Irrsinn des Killerdämons griff mit Spinnenfingern nach Carnias Bewusstsein.

Sie zwang sich zur Ruhe. Dass der Knochenthron erbebte, half ihr nicht gerade dabei. Sie senkte den Blick und entdeckte einen haarfeinen Riss im Boden, genau zwischen ihren Klauen. Erst leuchtete es darin intensiv rot, dann quollen feine Magmatropfen hervor und bildeten einen winzigen See.

Das Beben wurde stärker, die Seitenlehnen des Throns vibrierten. Ein tiefes Grollen drang aus dem Boden, dessen Ursprung exakt unter dem Knochenthron lag.

Shizophrors geschmeidiger Körper stieß sich ab. Mit wirbelnden Gliedmaßen flog er durch die Luft, klammerte sich an einen dicken Stalagmiten, der säulengleich aufragte.

Carnia war keine Sekunde zu früh gesprungen. Hinter ihr wallte eine Eruption aus Lava und Gesteinsstaub auf. Wo sie eben noch gesessen hatte, raste ein weißglühender Blitz aus dem Boden, durchstieß den Knochenthron und schmetterte noch in die Höhlendecke. Einer der Dokaten stand dem Zentrum dieser energetischen Entladung zu nahe. Seine Kutte verpuffte in einer Feuerlohe, und der dürre nackte Leib wurde zerfetzt.

Der uralte Sitz der Macht, von dem aus Mathrigo für Jahrmillionen die Geschicke der Grah'tak im Immansium gelenkt hatte, verging in einer Explosion. Die tobenden Gewalten zerrissen den Knochenthron und schleuderten die Fragmente meterweit.

Der überlebende gelehrte Grah'tak wandte sich mit starrer Fratze an seinen neuen Gebieter. »Es hat begonnen …«

 

Auf der Festung am Rande der Zeit

Trainingsraum 1

Torn holte zum entscheidenden Hieb mit dem Lux aus. Die Klinge zog eine blaue Spur, so schnell, dass sie als Halbkreis in der Luft zu stehen schien.

Doch sein Gegner duckte sich weg, kippte in einem geradezu bizarren Winkel rückwärts und schlug einen Salto, der ihn wieder auf den Füßen landen ließ. Dann blitzte es auch bei ihm blau auf, aber nicht die Plasmaklinge hieb gegen Torns Beine, sondern ein ausgestreckter Fuß.

Der Erste Wanderer verlor das Gleichgewicht und stürzte.

»Touché«, rief Tattoo, »oder wie immer man in einer solchen Situation sagt.«

Der Erste Wanderer rappelte sich wieder auf. »Wie konntest du …«

»Ganz einfach – dies ist ein Übungskampf. Ich wusste, dass du mir nicht wirklich den Kopf abschlagen würdest. Also stand von vorneherein fest, wo du die Waffe stoppen würdest. Deshalb endete nicht das Lux an meinem Hals, sondern du auf dem Boden.« Der tätowierte Wanderer grinste und deutete eine Verbeugung an. »Es war ein fairer Kampf, Bruder.«

»Den du so nicht gewonnen hättest, wenn es gegen einen Grah'tak gegangen wäre. Keiner unserer Feinde würde seine Waffe rechtzeitig stoppen und dir diesen Fluchtwinkel lassen.«

»Wie gut, dass wir uns nicht auf irgendeiner von Dämonen verseuchten Welt, sondern im Trainingsraum unserer allseits beliebten Festung befinden.«

Er nimmt es nicht ernst, dachte Torn. Manchmal kommt es mir so vor, als sei für ihn alles nur ein einziges großes Spiel. Oder liegt es einfach daran, dass er so völlig anders ist als ich? Immerhin hat er die Möglichkeit, die diese Übungssituation bot, brillant analysiert und eiskalt ausgenutzt.

Vielleicht hat er damit besser bewiesen, dass er es versteht zu kämpfen, als wenn er mich auf normale Weise besiegt hätte. Er passt sich an und nutzt die Fehler seines Gegners aus. Meine Schwäche war in diesem Fall, dass er genau wusste, welchen Beschränkungen ich aufgrund der Situation unterworfen war.

»Was sagst du dazu?«, fragte Tattoo Callista, die in einer Ecke des Trainingsraums stand, den Rücken gegen die Wand gelehnt, und alles beobachtete.

Torns Geliebte zeigte ein feinsinniges Lächeln. »Touché«, meinte sie.

Tattoo lachte. »Das gefällt mir! Vielleicht sollte ich gegen dich antreten.«

»Sei dir jedoch bewusst«, sagte die Wanderin, »dass du denselben Trick nicht zweimal anwenden kannst. Dort draußen ist es nicht gut, all seine Trümpfe zu früh zu präsentieren – heb dir etwas auf für die Zeit, in der es wirklich gefährlich wird. Aber abgesehen davon hast du uns beide heute eine Lektion gelehrt: Manchmal tut es Not, die festgeklopften Regeln des Wandererkorps ein wenig zu dehnen… und seien es nur die der Kampfkunst.«

Diese Worte seiner Geliebten bohrten sich in Torns Herz, wie es Tattoos Plasmaklingen nicht effektiver hätten tun können. Wieso tat sie das? Wieso legte sie die Finger auf eine Wunde, die noch lange nicht verheilt war?

Die Regeln des Wandererkorps ein wenig dehnen …

Das hatte Torn als Erster Wanderer in letzter Zeit auf schmerzliche Weise gelernt. Zwei Namen kamen ihm in den Sinn, zwei aus der Gruppe seiner wenigen Gefährten. Krellrim, der für sich entschieden hatte, die Regeln gänzlich über Bord zu werfen und auf einen brutalen Rachefeldzug gezogen war. Cassius, der sich zuletzt im Alten Rom gegen Torns Entscheidung gestellt und den wahnsinnigen Kaiser Caligula getötet hatte. Auch Cassius hatte die Regeln ein wenig gedehnt, weil er die Notwendigkeit dazu erkannt hatte.

Torn jedoch war blind gewesen. Gerade er, der als Erster Wanderer eigentlich die Wahrheit hätte sehen müssen. Er hätte den entscheidenden Schlag gegen Caligula führen müssen, doch er war nicht in der Lage dazu gewesen, weil er in sich selbst und in seiner Sorge um Callista gefangen gewesen war.

Nur Cassius hatte den nötigen Weitblick besessen und die bittere Entscheidung gefällt. Ausgerechnet er, der erst so kurze Zeit zum Korps gehörte und noch den Status eines Wandererschülers besaß. Ausgerechnet der Jüngste unter ihnen. Oder hatte er es etwa gerade deshalb vollbringen können, weil er erst vor kurzer Zeit zu ihnen gestoßen war? Weil er die Ethik und den Kodex der Wanderer nicht als starre Regeln, sondern noch als freies Leitwerk ansah?

Krellrim, dachte Torn. Ich habe zu früh über dich geurteilt, doch das habe ich erst bemerkt, als es zu spät war. Unter bestimmten Voraussetzungen ist es vielleicht notwendig, genauso zu handeln, wie du es getan hast. Doch nun bist du verschwunden, und wir wissen nicht, wo du dich befindest.

Plötzlich stand Callista neben ihm und legte ihren Arm um seine Schultern; oder um die Schultern seiner Plasmarüstung. Es gab Momente, in denen er einen eigenen, echten Körper schmerzlich vermisste, doch dieser war unwiderruflich verloren. Fast wäre Torn innerlich gefallen und hätte sich dem Bösen zugewandt, damals, als Mathrigo ihm einen neuen Klonleib anbot, einen, wie ihn sein Erzfeind selbst ebenfalls bezogen hatte. Aber er hatte widerstanden.

Sie winkte Tattoo ebenfalls zu sich. »Ist es nicht erstaunlich, wie kompliziert alles geworden ist, obwohl wir nur so wenige neue Wanderer im Korps sind? Wir sind Waffenbrüder, wir stehen füreinander ein, wir würden ohne zu zögern unser Leben für die anderen geben – und dennoch gibt es Spannungen zwischen uns, dennoch haben wir damit zu kämpfen, dass wir unterschiedliche Persönlichkeiten sind, die unterschiedlich denken und unterschiedliche Entscheidungen treffen. Vielleicht wird Krellrim nicht der Letzte sein, der uns aus freien Stücken verlässt, doch …«

Torn unterbrach sie. »… doch wir dürfen nie wieder den Fehler begehen, darüber selbstherrlich zu richten.«

Einige Sekunden breitete sich Schweigen aus, dann ergriff Tattoo das Wort. »Wie beurteilst du das, was Cassius getan hat?«

»Er hat richtig gehandelt. Und vielleicht war er der einzige von uns allen, der die schwere Entscheidung treffen konnte, die nun einmal notwendig war. Er stand der Zeit des Kaisers Caligula näher als wir alle – sie war stark mit seinem Leben verbunden, das er geführt hat, ehe er zu uns stieß. Cassius hat mit seiner Tat den Fluss der Zeit beschützt und dafür gesorgt, dass er bestehen bleibt. Ich hätte zugelassen, dass er sich ändert und damit die Regeln unseres Ordens in tiefgreifenderer Weise verletzt, als er oder Krellrim es je getan haben.«

Und ich frage mich, ergänzte Torn in Gedanken, ob es unter diesen Voraussetzungen nicht nötig wäre, das Amt des Ersten Wanderers abzugeben. Wäre Callista nicht viel geeigneter, diese Position zu erfüllen? Sie behält stets einen klaren Kopf, sie ist weiser, als ich es je sein werde.

Doch Torn wusste genau, wie sie antworten würde, wenn er ihr dieses Angebot unterbreitete. Dass er derjenige war, den das Schicksal oder die Mächte der Ewigkeit nun einmal bestimmt hatten, den neuen Orden zu leiten. Ohne ihn wäre er niemals ins Leben gerufen worden.

Vielleicht hatten sogar die Lu'cen schon immer gewusst, wie es enden würde, als sie ihn aus der Festung am Rande der Zeit verbannt und auf eine Odyssee durch Raum und Zeit geschickt hatten. Beobachteten sie nicht aus einer höheren Warte die Geschehnisse im Omniversum? Kannten sie nicht unter bestimmten Einschränkungen die Zukunft? Vermochten sie nicht den Fluss der Zeit besser zu interpretieren, als dies ihm oder den Überwachungsinstrumenten in der Zentrale jemals möglich sein würde?

»Es gibt viele Fragen«, sagte Torn. »Ich habe viel nachgedacht, seit wir wieder vereint auf die Festung zurückgekehrt sind. Ich muss die Zeit nutzen, in der die Grah'tak uns nicht wieder in einen neuen Kampf zwingen. Früher oder später werden wir wieder in den Krieg ziehen, aber momentan herrscht nach all den Grausamkeiten im Alten Rom Ruhe.«

»Worauf willst du hinaus?«, fragte Tattoo.

»Ich werde diese Ruhe nutzen und nach Antworten für mich selbst suchen. Wenn ich dieses Korps in die Zukunft führen will, benötige ich Kraft und eine neue innere Ausrichtung. Es gibt eine Zeit und einen Ort, wo ich diese Antworten finden kann.«

Callista bewies mit nur einem Wort, wie gut sie ihn kannte. »Nathan.«