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Alica H. White

Bittersüßer Kaffee

Elias’ Song


Für alle, die das Abenteuer wagen, von ihrer Kreativität zu leben.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Vorwort

 

 

 

Ein guter Kaffee muss schwarz wie die Nacht,

heiß wie die Liebe

und so süß oder bitter wie das Leben sein.

 

Arabisches Sprichwort

 

 

 

Prolog




»Das ist eine tolle Idee, das machen wir!«, Manuela lächelt begeistert.

»Meinst du wirklich, Manu? Ist das nicht zu unanständig?« Karina ist die Skepsis ins Gesicht geschrieben.

»Nein, nein, Kari, ich hab solch einen Busen schon zum Feiern angehabt, das ist prima angekommen!«

Die vier Freundinnen blicken noch einmal zur Bühne der örtlichen Frauensitzung. Mit verhaltener Eleganz und bescheidenem Rhythmusgefühl bewegt sich die Tanzgruppe der katholischen Frauengemeinschaft über die Bühne. Aber nicht die Professionalität der Tanzdarbietung ist das Faszinierende für Frauke, sondern die obszöne Freizügigkeit der Kostüme. Die Tänzerinnen tragen riesige Plastikbrüste und kleine Teufelshörner.

Der Gesang ist wohl Playback, denkt sich Frauke gerade, als die ausgefeilte Choreographie eine Drehung vorsieht. Das ermöglicht einen Blick auf prachtvolle, zum Busen passende Plastikärsche.

Frauke wohnt nun schon seit über zehn Jahren im Rheinland, entdeckt aber immer wieder neue, seltsame Karnevalsbräuche.

»Was meinst du, Lea?«, schreit sie, den Mund möglichst dicht an ihrem Ohr. »Möchtest du so ein Kostüm tragen?«

Diese zuckt nur mit den Schultern. »Lass uns das nachher besprechen!«, brüllt sie schließlich zurück und klatscht ausgelassen mit den Händen.

Also wandert Fraukes Blick wieder zur Bühne. Mit so etwas hat sie bei einer katholischen Frauensitzung nicht gerechnet. Überhaupt, wie hat sie sich eine solche Veranstaltung vorgestellt? Sittsamer. Vor allen Dingen sittsamer! Manche der Beiträge kann man nur mit Wohlwollen als unartig bezeichnen, im Grunde sind sie nichts als versaut. Frauke ist im evangelischen Norddeutschland aufgewachsen, dort gibt es keinen Karneval. Ihre Mutter hatte zu ihr schon als Kind gesagt: »Die Katholiken, die sind hemmungsloser, die legen eine Beichte ab und schon sind alle Sünden vergeben!«

Ob sie sich dann dafür am Aschermittwoch alle ein Aschekreuz auf die Stirn malen lassen? Mit diesem Ritual in der heiligen Messe zum Beginn der Fastenzeit soll der Mensch an seine Vergänglichkeit erinnert und zur Umkehr aufgerufen werden.

Als zwei ›Weather Girls‹ Doubles die Bühne betreten und ›It´s Raining Men‹ zum Besten geben, sind die Zuschauer endgültig nicht mehr zu halten. Etliche von ihnen klettern auf die wackeligen Bierzeltgarnituren, mit denen die Turnhalle ausgestattet ist, und brüllen. Die, die noch auf dem Boden geblieben sind, schunkeln.

Leider kann von einem ›Männerregen‹ keine Rede sein. Zur Frauensitzung dürfen auch nur diese in den Saal. Natürlich sind als Bedienung, Bühnenbauer und Band auch wenige Exemplare des starken Geschlechts zugelassen.

Frauke und ihre Freundinnen sind als Putzfrauen verkleidet. Ja, hier kann man so etwas wagen: ein Kostüm, das unattraktiv macht.

Frauke fragt sich gerade, was bei einer Herrensitzung wohl geboten wird, als sich Karina unterhakt und sie zum Schunkeln mitreißt. Der Refrain lässt das Trommelfell vibrieren.

»Am besten grölt man mit, dann kommt mehr Stimmung auf«, verrät Manuela.

Auf jeden Fall darf vor der anstehenden Fastenzeit, die heutzutage meist nur noch aus figurtechnischen Gründen eingehalten wird, noch einmal richtig zugeschlagen werden.

»Habt ihr Durst?«, fragt Manuela. Ohne auf eine Antwort zu warten, winkt sie lässig mit dem Arm und nickt der männlichen Bedienung zu. Der Kellner kommt herangeeilt, das Tablett ausschließlich mit gefüllten Altbiergläsern bestückt. Wer hier etwas anderes als Bier trinken will, muss viel Geduld mitbringen. Jeder bekommt von dem breitschultrigen Schönling ein Glas des dunklen, herben Gebräus zugeteilt.

»Danke! Für diese Veranstaltung braucht man wirklich einen gewissen Alkoholpegel, sonst ist das hier nicht auszuhalten!«, tönt Lea ausgelassen in die Runde, die anderen nicken zustimmend.

Jetzt stimmt die Band ›Die Vögelein vom Titikakasee‹ an, hier müssen, ähnlich wie beim Ententanz, lächerliche Bewegungen nachgeahmt werden. Also hebt Frauke bei Sonnenschein das Schwänzchen in die höh. Warum auch nicht? Hier machen sich schließlich alle zu Idioten!

Schnell nimmt sie noch einen kräftigen Zug aus dem Bierglas, das erhöht die Toleranzgrenze.

Jetzt wird doch tatsächlich ein ›ernsthafter‹ Sketch eingestreut. Die Stimmung geht augenblicklich steil nach unten.

»Das ist ja wohl nicht deren Ernst, uns jetzt wieder von den Tischen zu holen«, mault Manuela und blickt fragend in die Runde. Natürlich ist sie sich der Zustimmung ihrer Freundinnen sicher.

Lea zupft den gerade vorbeilaufenden Kellner auffordernd am Hosenbein. Wie soll man auch sonst die Stimmungslücke füllen? Wieder steht ein frisches Glas vor Frauke … also runter damit.

Nachdem die Veranstaltung überstanden ist, machen sie sich aufgedreht auf den Heimweg. Alle vier sind ineinander gehakt, so geben sie sich gegenseitig Halt.

»Wie wärs, wenn wir als OP-Schlampen an Altweiber gehen? Ich kann für uns echte Kittel besorgen, dann binden wir den Busen und die Ärsche darüber. Mundschutz und Spritzen kann ich dann auch noch mitbringen.« Lea scheint von der Plastikbusenidee jetzt doch angetan zu sein.

»Also ich weiß nicht!«, gibt Karina ihre Bedenken kund.

»Als sexy Krankenschwester zu gehen ist doch viel schlimmer, die laufen oft richtig nuttig rum!«

Manuela bleibt unbeeindruckt und schwärmt weiter: »Keiner auf der Feier, wo ich dieses Kostüm anhatte, hat mich irgendwie schräg angemacht. Davor braucht ihr keine Angst zu haben, die Jecken nehmen doch alles mit Humor! YOLO Kari, mein Neffe sagt immer You Only Live Once, das ist so ein angesagter Spruch unter den Jugendlichen«, erklärt Manuela mit einem Augenzwinkern.

»Hm«, wirklich überzeugt klingt Karinas Zustimmung nicht.

»Okay, was solls!« Frauke freundet sich langsam mit dem Gedanken an. Es wird wirklich Zeit, mal wieder etwas ausgelassener zu werden, geht es ihr durch den Kopf. Vielleicht spielt auch der Alkohol eine Rolle.

»Wir werden sicher viel Aufmerksamkeit bekommen«, ergänzt Lea. »Das wird bestimmt ein Riesenspaß!«

Alle nicken, die Kostümwahl ist damit entschieden.


Kapitel 1 – Karneval

 

 

 

»Also, ich weiß nicht. Ich finde, ihr habt mich dieses Jahr mit den Kostümen irgendwie überrumpelt.« Nachdenklich zog Frauke die schwarze Wimperntusche über ihre langen Wimpern. »Ihr habt mich mit Alkohol gefügig gemacht und dann meine Schwäche ausgenutzt«, ergänzte sie.

Als sie ihre Schminkerei beendet hatte, blickte sie ihrer Freundin Manuela über den großen Badezimmerspiegel in die Augen.

Manuela verteilte großzügig einen grellen, lila Lidschatten über ihre Lider und grinste.

»Ach was«, winkte sie mit dem Schminkpinsel in der Hand ab. »Nun sei doch nicht immer so feige. Für einen guten Marktwert muss man sich auch mal etwas zutrauen. Schau dich doch an, du siehst toll aus.« Sie hielt Frauke auffordernd die geöffnete Hand hin, als Zeichen, dass sie jetzt die Wimperntusche benötigte.

Manuela war die Mutigste der vier Freundinnen und sich ihrer Wirkung auf Männer immer voll bewusst.

Geistesabwesend steckte Frauke die Wimpernbürste in die Tusche und reichte ihrer Freundin, was sie begehrte, während sie ihren riesigen Plastikbusen im Spiegel betrachtete.

»Karneval ist alles erlaubt«, raunte Lea von hinten und reichte ihr ein Glas Sekt. »Nutz die Beachtung, die du zweifellos bekommen wirst, um mal wieder so richtig zu flirten. Denk an unser Motto: YOLO, You Only Live Once. Du lebst nur einmal. Das solltest du dir nicht nur bei diesem Kostüm zu Herzen nehmen.«

Lea fuhr sich mit beiden Händen durch die langen Haare. »Was meint ihr? Soll ich noch ein wenig Glitzerspray ins Haar geben?«

»Ein Rauschgoldengel im OP, warum nicht?«, bemerkte Manuela. »Es kann absolut nicht schaden, wenn man zeigt, was man hat.« Sie drehte sich zu Lea um und zwinkerte ihr zu. »YOLO.«

Frauke verdrehte die Augen und nahm erst mal einen tiefen Zug aus ihrem Sektglas. Gleich würde sie sich besser fühlen …

»Frauke, ich finde auch, du solltest deinen Ex jetzt langsam mal in den Wind schießen und dich endlich zu neuen Ufern aufmachen. Der Typ ist doch keinen Schuss Pulver wert. Der hat es überhaupt nicht verdient, dass du ihm so lange nachtrauerst«, sagte die sensible Karina und legte dabei die Hand auf Fraukes Schulter.

»Ihr habt ja recht«, seufzte Frauke und stellte ihr Glas ab, um aus ihrem glatten, langen Haar einen Pferdeschwanz zu binden. »Ich bin nur … irgendwie … völlig aus der Übung … mit dieser Flirterei …«

»Aus der Übung? Soll das dein Ernst sein? Ich stell mir dich gerade als jugendliche Flirtkanone vor und kriege einfach kein Bild in den Kopf.« Lachend schlug Lea ihr kumpelhaft auf die Schulter. »Hast du damals nicht gleich deinen ersten Freund geheiratet?«

»Na ja …«

»Nutz deine Chancen«, ergänzte Manuela, »was hast du schon zu verlieren?«

»Als wenn schon jemals jemand im Karneval einen vernünftigen Mann gefunden hätte«, murmelte Frauke kopfschüttelnd.

»Du willst dir gleich einen Heiratskandidaten angeln? Das kann ja wohl nicht dein Ernst sein! Konzentrier dich besser darauf, nachzuholen, was du in deiner Jugend versäumt hast.«

»Nein Manu, ich finde, man braucht sich nicht erst mal durch alle Betten schlafen, bevor man sich bindet. Jedes Mal reibst du mir das unter die Nase!«, gab Frauke aufbrausend zurück. Blut stieg in ihren Kopf und ließ die Wangen erröten.

»Du bist nicht nur hübsch«, tröstete Karina, »Du bist eine richtige Schönheit. Felix und ich haben uns übrigens auch im Karneval kennengelernt, über Freunde.«

»Jedes Mal laufen dir die meisten Männer hinterher, eklig sabbernd. Du brauchst doch nur die ›norddeutsch Unterkühlte‹ abzulegen«, sagte Manuela und machte Gänsefüßchen mit den Fingern.

Inzwischen hatten sich alle drei Freundinnen Frauke zugewandt. Der blieb nichts anderes übrig, als zu nicken. »Ja, ja, ich weiß schon! YOLO! Möglich, dass ich schüchtern bin, aber das ist gar nicht so einfach abzulegen.«

»Na kommt«, beendete Lea die Diskussion. »Lasst uns noch was trinken.«

»Ja«, stimmte Karina zu. »Ich brauche definitiv einen höheren Pegel, um mich mit diesem Kostüm wohlzufühlen.«

 

Noch immer skeptisch machte sich Frauke mit ihren Freundinnen auf den Weg zur Bahnstation.

»Oh Mann, so ein Mist! Ich kann meine Jacke überhaupt nicht zumachen«, beschwerte sich Karina.

»Das kann wohl keiner von uns«, gab Lea zurück. »Dann müssen wir eben abwechselnd die Sektflasche halten. Ich stelle mich zur Verfügung und stecke den Nachschub in meine Tasche.«

»Kommt jetzt endlich, sonst verpassen wir noch die Bahn. Ich hab noch keine Fahrkarte«, trieb Manuela die Gruppe an.

»Gib mal die Flasche, die kann noch einen Spritzer von unserem Likör-Blut aus der Spritze vertragen. Ich brauche definitiv noch ein paar Umdrehungen«, stöhnte Frauke.

Mit zügigen Schritten erreichten sie die Bahnstation. Sie ließen die Flasche mit dem aufgepeppten Sekt so lange in ihrer Runde kreisen, bis die Bahn einfuhr.

Frauke nahm besonders tiefe Schlucke und versuchte so, die neugierigeren Blicke der anderen Passanten wegzutrinken.

Während der Fahrt drehten sich ihre Gespräche hauptsächlich um ihre Kinder, über die sie sich vor einigen Jahren im Kindergarten kennengelernt hatten. Die Kinder waren, durch die regelmäßigen Treffen ihrer Mütter, auch immer noch befreundet.

Vollkommen auf das Gespräch konzentriert, konnte Frauke die neugierigen Blicke auf die ungewöhnlichen Kostüme verdrängen.

»Jetzt müssen wir aber Gas geben, um noch die zweite Flasche zu schaffen. Ihr wisst ja, in der Altstadt ist Glasverbot, bis dahin müssen wir sie leer haben«, sagte Karina und ließ den Korken der zweiten Flasche knallen.

Bis zum Erreichen der Altstadt war Fraukes Alkoholpegel endlich zufriedenstellend. Einige kleine Erlebnisse auf dem Weg ließen die Stimmung weiter steigen. Das ermöglichte es ihr endlich, den Leuten fröhlich ins Gesicht zu sehen, als die Gruppe eine Kneipe betrat.

Hier war es extrem voll und laute Stimmungsmusik ließ die Ohren dröhnen. Die meisten Gäste waren Männer im Anzug. Die Kneipe war nicht dekoriert, deshalb kam wohl keine echte Karnevalsstimmung auf.

Manuela und Lea stürmten trotzdem ins Getümmel, während Frauke und Karina am Rand blieben und das Treiben beobachteten.

»Die sind so früh wie möglich aus ihren Büros geflüchtet, um sich einen auf die Lampe zu gießen«, brüllte Karina ihr ins Ohr.

Frauke nickte und sah sich einen Mann an, der gefährlich schwankend vor ihr stehen blieb. Sie lächelte, denn er hatte erhebliche Schwierigkeiten beim Fokussieren. Dämlich grinsend schielte er auf Fraukes Plastikvorbau mit den künstlerisch gemalten Brustwarzen.

»Man könnte meinen, er denkt, die sind echt!«, brüllte Frauke Karina zu. Diese nickte zustimmend und grinste breit.

Der Anzugträger stutzte und schwankte davon.

»Betrunkene Bürohengste, scheußlich!«, ergänzte Frauke.

»Du musst es ja wissen, du hast ja genug Büroerfahrung«, gab ihre Freundin zurück. »Komm, lass uns woanders hingehen, hier sind zu viele Betrunkene und die anderen Gäste sehen aus wie Spaßbremsen.«

Wild winkend gab sie den anderen beiden ein Zeichen, dass sie gehen wollten.

Manuela und Lea nickten und folgten ihren Freundinnen auf die Straße.

»Kommt, lasst uns in die Rheinterrassen gehen, da landen wir sowieso jedes Jahr«, schlug Karina vor.

»Ja, ich finde auch … da sind die Leute wenigstens verkleidet«, stimmte Lea zu.

Als Zeichen der Einigung hakten sich alle unter und machen sich entlang des Rheinufers auf den Weg zu den großen Veranstaltungshallen.

»Lasst uns beeilen, sonst kommen wir womöglich nicht mehr rechtzeitig«, trieb Manuela die drei an.

»Die Schlange vor den Rheinterrassen ist lang, aber ich finde es immer amüsant, mir die ganzen anderen Leute anzusehen«, warf Frauke ein.

»Du sollst dir die Leute nicht nur ansehen, sondern auch mit ihnen reeeden! Und am besten mit gaaanz vielen Männern flirten.«

»Lea, jetzt sei endlich still«, fauchte Frauke.

»Oh Mann«, rief Manuela plötzlich, »ich hätte in der Kneipe auf die Toilette gehen sollen. Die Tour, die Schlange vor dem Haus und dann noch die Toilettenschlange … das überlebe ich nicht!«

»Dann musst du wohl in die Büsche, so wie ich letztes Jahr«, kicherte Karina.

»Fuck«, fluchte Manuela, während sie die Flussböschung hinunterkletterte. »Kommt noch jemand mit? Oder muss ich etwa alleine gehen?«

»Pass auf den Wind auf, sonst pinkelst du dir selbst gegen das Bein! Du bist kein Mann!«, rief Lea ihr lachend hinterher.

»Was du nicht sagst! Was meinst du wohl, warum ich so ungern allein pinkle«, gab sie zurück.

 

Triumphierend blickte Manuela auf die drei Mädels, als diese am Zielort in der Toilettenschlange standen. »Soll ich schon mal vorgehen und uns ein Bier bestellen?«, fragte sie süffisant.

»Die beste Idee des Tages!«, erwiderte Frauke, »ich brauche unbedingt Nachschub, sonst werde ich noch nüchtern!«

»Das wäre einfach schrecklich!«

»Nicht auszuhalten!«

Manuela hatte sich schon längst umgedreht und steuerte zielstrebig die Veranstaltungsräume an.

Sie erwartete ihre Freundinnen bereits, als diese von der Toilette kamen, und verteilte die Gläser. Das dunkelbraune Altbier rann in wenigen Zügen durch ihre Kehlen.

Frisch gestärkt konnte nun endlich die Tanzfläche erobert werden. Ausgelassen Tanzen, das war einer der Hauptgründe, warum Frauke sich diese Veranstaltung jedes Jahr wieder antat. Nach einer Weile stand sie leicht aus der Puste am Rand und sah sich das bunte Treiben an.

Sie musste Manuela recht geben, auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten fanden sich seltsame Attraktionen. Geworben wurde mit allem, was irgendwie Erfolg versprach. Tiefste Dekolletés, Netzstrümpfe, Strapse aller Art und natürlich superkurze Röcke … Sie hatte längst bemerkt, dass ihre künstlich-weiblichen Rundungen nicht von jedem als Satire verstanden wurden.

Ihre Freundinnen waren schon fleißig am Flirten, doch sie hatte dazu immer noch nicht den richtigen Mut gefunden. Deshalb besorgte sie die nächste Runde Bier für die Mädels. Irgendwann würde sie schon noch beherzter werden.

 

Langsam stieg ihr der Alkohol wieder in den Kopf und erneuerte das Gefühl der Leichtigkeit – endlich.

»Oh holde Maid, welch edles Gewand«, scherzte ein Ritter belustigt mit ihr.

Frauke lächelte den Ritter erfreut an, bis der ein stimmungstötendes »Ich bin ein Raubritter, darf ich ihnen einen Kuss rauben?« von sich gab.

Manche Typen waren doch einfach zu dämlich! Genervt drehte sie sich weg.

Da blickte sie in das Gesicht eines gut aussehenden Cowboys, der die Szene belustigt beobachtet hatte.

»Nettes Kostüm«, bemerkte er lächelnd und zeigte, neben einer ebenmäßigen Reihe schneeweißer Zähne, auch zwei niedliche Grübchen … Wow!

Bei Frauke stellte sich ein merkwürdiges Bauchgefühl ein. Ihre Knie wurden weich und der Atem ging schneller. Sie fühlte sich wie ein Teenager, der das erste Mal von einem Jungen angesprochen wurde. Ein Gefühl, das sie schon lange nicht mehr gehabt hatte.

Starr stand sie da und war von seinen dunklen Augen gefesselt. Langsam stieg Wärme in ihren Kopf. »Danke«, stotterte sie und fluchte innerlich über ihre geringe Schlagfertigkeit.

Aber auch er wirkte überrascht, sein gewinnendes Lächeln erstarb. Er schien mit einem Mal genauso aufgeregt zu sein, wie sie.

Für eine gefühlte Ewigkeit standen sie sich gegenüber und sahen sich an.

Die Zeit stand still.

Als würden zwei Magneten in ihnen angeschaltet, näherten sich plötzlich ihre Köpfe.

Frauke sah auf den schön geschwungenen Mund des Cowboys. Sie wollte diese Lippen spüren, ihren Geschmack kosten. Ein Hauch seines Geruchs stieg in ihre Nase, hm … Instinktiv öffnete sie ihren Mund ganz leicht, sie konnte seinen Kuss kaum noch erwarten und schloss die Augen.

Sein Atem kitzelte in ihrem Gesicht, es konnte sich nur noch um Millimeter handeln. Frauke musste ein Stöhnen unterdrücken.

Da tippte ihr von hinten jemand auf die Schulter.

»Stör ich?«, wurde sie von Manuela aus dieser traumhaften Szene gerissen. »Kommst du mit auf die Toilette?«

»Jetzt!?«, gab Frauke entsetzt zurück.

»Ja, die Schlange ist lang und die anderen beiden waren vorhin schon … bitte!«, bettelte Manuela. »Du weißt doch, ich geh nicht gerne allein, dann ist das auch nicht so langweilig.«

Mit einem Schmollmund und Dackelblick stand sie vor ihr. Wer konnte dazu schon Nein sagen?

Also drehte Frauke sich zu ihrem Cowboy um und warf ihm einen bedauernden Blick zu. Der sah tatsächlich enttäuscht aus. Mit einem Achselzucken entschuldigte sie sich und wurde von Manuela am Arm weggezogen.

»Tut mir wirklich leid, dass ich dich von diesem Schnuckelchen wegholen musste. Freut mich, dass du jetzt auch so weit bist und endlich anfängst zu flirten. Wie küsst er denn so?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Ach du je, ich bin schon ein Trampel, oder? Ich hoffe, ihr könnt gleich anknüpfen.«

Frauke antwortete mit einem Seufzen.

Bei dieser Veranstaltung war die Wartezeit in der Toilettenschlange oft kurzweilig und ›Frau‹ konnte nette Leute kennenlernen.

Diesmal stand vor ihnen eine Gruppe von Frauen, die als Hexen verkleidet waren und sich auch so benahmen. Sie entrüsteten sich über das, ihrer Meinung nach, unmoralische, Kostüm.

»Ich glaub, die sind nur neidisch, weil wir mehr Beachtung bekommen«, raunte Manuela Frauke ins Ohr.

Frauke nickte grinsend. Seitdem ihr Kostüm dem Cowboy gefiel, hatte sie ihren Frieden damit geschlossen.

 

Erwartungsvoll kehrte sie zum Sammelpunkt zurück.

Ihr Cowboy flirtete nun mit einem süßen Marienkäferchen, das begierig an seinen Lippen hing. Allerdings sah er immer wieder hoch und suchte die Umgebung ab. Als er Frauke ausmachte, blieb sein Blick an ihr hängen. Und da war es wieder, dieses unwiderstehliche Lächeln. Diesmal zuckte er mit den Schultern.

Frauke versuchte, ein gleichgültiges Gesicht aufzusetzen, aber die Szene versetzte ihr trotzdem einen Stich.

Nur, so schnell gab das Marienkäferchen natürlich nicht auf. Es drehte sein Gesicht wieder zu sich und erzwang seine Aufmerksamkeit.

Cool bleiben!, dachte Frauke und wandte sich ab. Vor ihr stand ein hochgewachsener Schönheitschirurg, der gegen Küsse neue Nasen anbot. Diese hingen in Form von Pappnasen an seinem Kittel.

»Mit uns kannst du aber nichts verdienen«, entfuhr es Frauke in einem Anflug von Kühnheit.

Der Chirurg grinste. »Ja, ich seh schon, ihr seid einfach unverbesserlich.«

»Kann ich dir ein Bier ausgeben?«, kam es plötzlich von hinten.

Frauke zuckte zusammen, drehte sich um und brach in innere Jubelstürme aus. Ihr Cowboy stand wieder vor ihr. Fast wäre sie ihm um den Hals gefallen.

Cool bleiben! Schoss es ihr erneut durch den Kopf. Sie nickte, konnte sich aber ein erfreutes Lächeln nicht verkneifen. Er gab das Lächeln zurück und Frauke schmolz dahin.

Der Cowboy nahm ihre Hand und drückte kurz zu, dann zog er, mit Frauke an der Hand, Richtung Theke. Frauke war von der Berührung wie elektrisiert und ließ sich nur zu gerne von ihm leiten.

»Für deine Freundinnen auch, oder?«

Frauke nickte.

Gemeinsam vollbrachten sie die logistische Meisterleistung, ohne viel zu verschütten, das Bier an die anderen Mädels zu verteilen. Zum Schluss hielt jeder nur noch sein eigenes Bier in den Händen.

»Halt das mal bitte«, sagte der Cowboy und reichte Frauke sein Glas.

Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und drückte ihr einen Kuss auf. Erst ganz sanft und zärtlich, dann intensiver.

Frauke bog sich überrascht nach hinten. Ihr stockte der Atem. Die zärtliche Leidenschaft, die in dieser Geste lag, verstärkte in Frauke das Kribbeln. Genussvoll schloss sie ihre Augen und ergab sich dem Kuss, erst zögernd, dann mit Hingabe.

Dabei vergoss sie die Hälfte des Bieres.

Langsam löste sich der Cowboy von ihr, sah ihr in die Augen und drückte ihr noch ein kurzes Küsschen auf die Stirn.

»Das wollte ich vorhin schon tun«, murmelte er ihr mit tiefer Stimme ins Ohr. »Komm, lass uns ein ruhiges Plätzchen suchen.«

Sie wählten einen Platz auf hohen Fensterbänken im Gang, wo man sich etwas anlehnen konnte.

»Wie heißt du?«

»Frauke.«

»Frauke, was für ein außergewöhnlicher Name. Du kommst nicht von hier, oder?«

»Nein, das ist ein norddeutscher Name. Ich wohne aber schon länger hier in der Gegend von Düsseldorf. Und du, wie heißt du?«

»Elias, geboren und aufgewachsen in diesem wunderschönen Städtchen.« Wieder einmal zeigte er sein gewinnendes Lachen.

Dieser ausgesprochen schlichte Wortwechsel übte seltsamerweise einen ganz besonderen Zauber auf Frauke aus. Oder war es das Lachen mit diesen Grübchen? Jedenfalls überkam sie schon wieder das Verlangen, ihn zu küssen.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, nahm er ihr Glas und stellte es zusammen mit seinem ab. Mit einem Griff zog er sie routiniert zu sich hin. Diesmal begann er seinen Kuss nicht so zögerlich, sondern forderte direkt Einlass in ihren Mund. Auch die zweite Hand machte aus seiner Leidenschaft keinen Hehl. Frauke spürte sie zärtlich über ihren Rücken streicheln.

An Karneval ist eine derartige Direktheit erlaubt, dachte Frauke und gab sich ganz ihren Gefühlen hin. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals einen solch langen Kuss ausgetauscht zu haben. Einen Kuss, der die Hormone in ihrem Körper Tango tanzen ließ.

Als sie ihn schließlich doch beendete, weil sie das dringende Bedürfnis spürte, zwischendurch einmal tief durchzuatmen, ließ er nur zögernd von ihr ab.

Er legte seine Stirn gegen ihre und schloss die Augen. »Erzähl mir mehr von dir«, forderte er leise.

Ihr Gespräch war ungewöhnlich harmonisch, etwas ganz Besonderes. Sie funkten auf einer Wellenlänge, redeten über alles Mögliche. Dabei schien er nicht besonders beeindruckt, dass Frauke geschieden war und Kinder hatte.

So hätten sie sich noch Ewigkeiten unterhalten können. Unterbrochen wurden die Gespräche durch immer leidenschaftlicher werdende Küsse und tiefe Blicke aus funkelnden Augen.

»Lass uns doch nach draußen gehen und etwas frische Luft schnappen«, schlug Elias schließlich vor.

Frauke nickte.

Er nahm ihre Hand und drückte sie kurz. Auf dem Weg nach draußen leitete er sie sanft, seine Hand auf ihrem unteren Rücken. Mittlerweile fühlte sich jede seiner Berührungen wie ein Stromstoß an.

Sie stellten sich etwas abseits vom Trubel an den Rand der Terrasse. Von hier aus konnte man die beleuchteten Schiffe auf dem Rhein fahren sehen. Die Februarnacht war sternenklar und windstill. Die Fahrtwellen der vorbeiziehenden Schiffe verursachten ein schwaches Plätschern. Lichter spiegelten sich auf dem Wasser, boten einen verträumten Tanz.

»Ich hoffe, dir ist nicht zu kalt«, murmelte er und platzierte sich hinter Frauke. Zärtlich schlang er seine Arme um ihren Körper. Fest an sie gekuschelt, lehnte er sanft sein Kinn auf ihren Kopf.

Sie empfand Sicherheit und Geborgenheit, die sie lange vermisst hatte. Eine Weile standen sie so da und genossen den wunderbaren Blick, schwelgten nur im Moment. Keiner hatte das Bedürfnis, zu reden.

»Ich hätte nicht gedacht, hier heute noch einen solch romantischen Moment zu erleben«, flüsterte er ihr leise ins Ohr und bedeckte ihren Hals mit zärtlichen Küssen.

Frauke schloss die Augen, gab einen wohligen Laut von sich und wünschte, aus diesem Traum niemals zu erwachen. Sie drehte sich um und gab ihm einen Kuss, in den sie all ihre Leidenschaft legte.

»Du zitterst ja, komm lass uns reingehen«, raunte er, als sie sich wieder lösten. Fürsorglich legte er seinen Arm um ihre Schultern und zog sie zu sich heran.

Zurück in den Veranstaltungsräumen blickte Elias sie intensiv an und schluckte. »Ich möchte dich wiedersehen. Gibst du mir deine Handynummer?« Gespannt hielt er den Atem an, während er auf die Antwort wartete.

Als Frauke nickte, atmete er erleichtert aus und setzte sein strahlendes Lächeln auf.

 

Als die anderen Mädels zu den beiden stießen, war die Zeit wie im Flug vergangen.

»So, ihr beiden Turteltäubchen, jetzt löst euch mal. Mama will nach Hause«, grinste Manuela.

»Man soll doch vorsichtig mit Sekundenkleber umgehen«, frotzelte Lea.

»Wir wollen ja nicht stören, ihr wart so nett anzusehen, aber ich möchte jetzt auch nach Hause«, ergänzte Karina.

Frauke und Elias wechselten einen bedauernden Blick und gaben sich einen Abschiedskuss, der die anderen zum Johlen brachte. Dann wurde sie – ganz unromantisch – von ihm weggezogen.

Auf dem Heimweg waren, fragte Karina neugierig: »Und? Habt ihr Handynummern getauscht?«

Frauke nickte nur selig.

»Und, seht ihr euch wieder?«, wollte Lea wissen.

»Ist doch egal … YOLO«, verkündete sie mit einem breiten Grinsen.

Wie sehr sie sich jetzt schon insgeheim seinen Anruf wünschte, verriet sie ihren Freundinnen lieber nicht.